Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1899-06-16 · 24 (16.6.1899) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
24 (16.6.1899)
Article
Die Goldschilds
Date
1899-06-16
Page
14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315796-3315821-3388465--13419-3388553
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Zeile 14 „Die Hr Welt“ Sk. 24 des wunderwirkenden Wassers in der bycantinischen Villa zu erproben. Der eben beginnende Maienmonat schien hierzu der denkbar passendste Zeitpunkt. Da aber der Pfarrer in der bevorstehenden Heilung des siechen jungen Millionärs einen Triumph der Kirche ahnte, ordnete er im kleinen Gotteshause zu Siegling eine neun tägige Bittandacht an. Nachdem der in katholischen Bändern im Mai übliche Abendsegen mit Absingen eines frommen Liedes beendet war, zündete der Messner auf dem geschmückten Altäre eine Doppelreihe Kerzen an, Pfarrer Goldschild legte unterdessen den Vespermantel, den er während, der früheren Ceremonie getragen, ab, kniete im einfachen Chorrocke auf der untersten Stufe des Altares nieder und stimmte ein Gebet für die glückliche Genesung eines erkrankten Mitgliedes der Gemeinde an. Seine laute, tiefe Stimme tönte wie Orgelton durch das dichtgefüllte, ärmliche Gotteshaus und riss die Gläubigen mit fort. Ein leidenschaftliches, heisses Ringen um die Gnade des Schöpfers begann. Und während die Gemeinde im Chore die Gebete wiederholte, beugte sich die hohe Gestalt des knieenden Priesters so tief auf die Erde, dass seine Stirne fast die Stufen des Altares berührte. „O mein Gott und Herr" murmelten inbrünstig seine Lippen „Verlass mich nicht in dieser Stunde — lass ein Wunder geschehen und schenke diesem Kranken Genesung — zeige Deine Macht — auf dass Deine Widersacher verstummen und Dein Licht strahle in Ewigkeit! 0 mein Herr und Gott — verlass mich nicht!“ Nicht nur sein Mund sprach die Worte, auch seine Seele war von dem einem Gedanken erfüllt, jede Faser des Körpers in äusserster, leidenschaftlicher Spannung, als könne er mit Gewalt die Erfüllung seines Flehens vom Himmel ertrotzen. Dieselbe erschreckende Willenskraft belebte ihn, mit der Dr. David vor über 40 Jahre dem todkranken Karl-Rafael zu leben befohlen, und mit der Isak sich in jener denkwürdigen Ballnacht das Haus, die Diener und die Gäste seines Brotherrn zu erobern vorgenommen hatte. Und die Begeisterung, die in der Brust des Hirten flammte, entfachte auch den Brand in den Herzen der Gemeinde. Von Tag zu Tag steigerte sich der Besuch der Andacht, so dass das dürftige Kirchlein die Zahl der Betenden gar nicht mehr zu fassen vermochte und die Leute noch ausserhalb des Gotteshauses auf der Strasse knieten. Der Kampf um das Leben des siechen Knaben, den kaum der eine oder der andere von Angesicht kannte, erwärmte die Gleichgiltigsten. Die Genesung Jonathan Goldschilds war mit einem Schlage ein Programmpunkt der Frommen des Sprengels geworden. Man konnte allabendlich in der unscheinbaren Kirche dieses grossen Arbeiterdorfes, das die Fabriken des ganzen Umkreises mit Menschenkraft versah, die kernigsten und mannigfachsten Gestalten im Gebete vereinigt sehen. Da waren plumpe, vierschrötige, slavische Taglöhner mit ihren platten Gesichtern und dicken Fäusten, zwischen denen sich die Perlenschnur des Rosenkranzes seltsam genug ausnahm; — hochgewachsene, breitschultrige Niederösterreicher mit kühn geschwungenen Nasen und in die Schläfen gestrichenen Haaren, — sehnige Ungarn mit ausdrucksvollen, energischen Zügen. Von den Frauen gar nicht zu reden, deren grosse Zahl allein schon zwei Drittheil des Kirchenschiffes ausfüllte. In der ersten Bank aber kniete täglich ein wohlgenährter, älterer Mann an der Seite seiner rundlichen, gesundheitsstrotzenden Gattin. Ihre Kleidung verrieth den behäbigen Wohlstand. Es waren dies der Paramentenhändler aus der Mariahilferstrasse und Frau Lisi, die es sich nicht nehmen liessen, allabendlich den weiten Weg zurückzulegen, um ihre Gebete mit dem des Sohnes zu vereinen. Georg musste indessen das Geschäft hüten. Ueber eine Woche war auf diese Weise verstrichen. Am folgenden Tage sollte der Kranke das Lourdes-Wasser an seinem vergrosserten Herzen erproben. Die Leidenschaft der Betenden hatte dabei ihren Höhepunkt erreicht. Die Nachrichten, die der Pfarrer nachmittags aus der Villa gebracht hatte, waren gar schlimm. Baron Isak war auf ein Telegramm Davids hin aus Paris herbeigeeilt und morgens in Wien eingetroffen. Es war dies ein böses, unheilverkündendes Zeichen. Trotzdem hatte der Pfarrer den Muth nicht sinken lassen, und die Andacht abgehalten. Nur klang seine Stimme, als er die Gebete anstimmte, noch sehnsüchtiger und leidenschaftlicher als sonst, und als er mit der stolzen Stirne im Staube vor dem Altäre lag, hatte er zerknirscht leise die Worte hinzugefügt: „O Herr, nicht mein Wille geschehe, sondern der Deine!" Wie er sich aber erhob und dem Ausgange zuschritt, erfasste die dicht stehende Menge plötzlich eine Unruhe. Ein betresster Diener war in die Kirche getreten und drängte sich hastig und rücksichtslos durch die Andächtigen der Sakristei zu. Die Nächststehenden stellten dem Eiligen einige Fragen, ohne jedoch eine Antwort zu erhalten. Man flüsterte sich zu — das Wunder sei geschehen — noch ehe man dem Kranken das heilende Wasser gereicht. Urplötzlich sei Jonathan Goldschild genesen. In den Augen der arbeitsamen Männer, der abgehärmten Frauen leuchtete es unheimlich auf. Ein Singen und Klingen schien in den Seelen dieser Enterbten zu ertönen! Hatte doch ein Gott seine Macht gezeigt, — ihr Gott — der da nach dem Tode Glück und Seligkeit den Armen verleihet! Nur die Weihe des Ortes unterdrückte laute Jubelrufe. Ein Stossen und Drängen entstand. Alles stürmte dem Ausgange zu und umstand die Sakristei, aus der man den Pfarrer treten zu sehen erwartete. Aus seinem Munde wollte man die Botschaft des Heiles hören. Das Wunder war geschehen — das Wunder! Und da — da öffnete sich schon die Thüre —- und der Geistliche erschien. Aber ihm schritt der alte Messner voran, das graue Haupt entblösst, das Glöcklein in der Hand. Mit leichenblassem Gesichte, die grosse Gestalt hoch aufgerichtet, folgte der Pfarrer. In seinen starken Händen trug er die Gefässe mit den heiligen Gelen, mit denen die katholische Kirche die Sterbenden salbt. Eine dumpfe, entsetzliche Ernüchterung erfasste die Umstehenden. Der freudige, verklärende Schimmer verschwand von den harten Gesichtern. Hundert ehrliche Augen blickten trostlos hinaus in den sinkenden Frühlings abend. Enttäuscht! XV. Die Kräfte Jonathan Goldschilds waren während der letzten 48 Stunden rasch gefallen. Als Baron Isak in der bycantischen Villa eintraf, vermochte sein Enkel kaum mehr vernehmbar zu sprechen. Den ganzen Nachmittag über war er still und bewegungslos auf seiner Bahre gelegen, an der Baron Isak und Dr. David stille Wache hielten. Auf seinen Wangen lagerten bereits die gelben Schatten des Todes. Nur die grossen, schwarzen Augen, die so altklug und sinnend aus dem bleichen Kindergesicht in die Welt blickten, verriethen noch das Leben. Sehnsüchtig irrten sie durch die hohen Fenster nach dem Himmel, wo grosse Wolken ihre endlosen Bahnen zogen. Plötzlich — gerade zur Zeit wo die Gläubigen sich in der Kirche zu Siegling zum Gebete versammelten — winkte er David und flüsterte ihm zu: „Die Sakramente". Der greise Arzt, der nicht mehr von seiner Seite wich, meinte, Jonathan wünsche ihm etwas bezüglich der für den folgenden Tag festgesetzten Verabreichung des Lourdes-Wassers mitzutheilen und suchte ihn zu beruhigen. Aber der Kranke schüttelte verneinend den Kopf und fuhr mit kaum vernehmbarer Stimme fort: „Nein — gleich — die letzte Oelung“.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.