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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
Der Nordau-Commers
Date
1899-02-03
Page
8 (sequence 3)
Language
German
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Seite 8 „Die A Welt“ Nr. 5 Zugeständnisse gemacht haben. Ich weiß es nicht. Mein Freund Dr. Herzl sagte selbst: „Raum für alle ist im Hause meines Vaters." — Ich sage den Socialisten: Ihr habet Ideale, wir auch, sie decken sich in vielen Punkten, nicht überall, versuchet es niit dem Zionismus, Ihr werdet sehen, dass Ihr für alle berechtigten, keinem Gesetze entgegenstehenden Ideale Raum bei uns findet. Mein Freund übersetzt das „Oogito ergo sum “ etwas frei: Ich werde angegriffen, ergo bin ich. Ich erkenne das an. Aber der Kampf soll doch nicht nur darin bestehen, dass die einen herschießen und die anderen zurückschießen. Ich glaube also, dass die sehr milden, unverdient milden Einwände sehr leicht zu tragen sind. Aber ich glaube nicht, dass es zur Stimmung an diesem Abend passt, wenn wir die FiiMitas in eine parlamentarische Debatte verwandeln Ich will deshalb nur an einen Punkt anknüpsen. Mein Freund Dr. Herzl erinnert in viel zu schmeichelhafter Weise daran, wie er mich für den Zionismus gewonnen. Etwas wie Zionismus schwebte mir schon in frühester Zeit vor. Ich will Ihnen eine kleine Erinnerung aus meinem Knabenalter erzählen . .. Seit der frühesten Zeit, dass ich mit hellenischer Geschichte bekannt wurde, zogen die lakedämonischen Heloten mich seltsam geheimnisvoll an. Wir wiffen nicht viel von diesem unglücklichen dunklen Volke. Sehr wenig Bestimmtes von seiner Herkunft, nichts von seinem Geistesleben. Die wenigen spärlichen Nachrichten über die Heloten stammen von ihren Verächtern und Unterdrückern, den Spartanern, sie selbst sind stumm. Bei ihren Lebzeiten durften sie sich nicht in den gewöhnlichen Formen historischer Aussprache, im Stein und Erz des Denkmales, im ewig tönenden Vers des Dichters vernehmlich machen. Und als sie dahinschwanden, wurden sie ins namenlose Armengrab der Geschichte verscharrt. Und doch hatten sie wahrscheinlich in ihrer Dichtung Seufzer und Schrei, ihre Märchen und Sagen, in denen sie die Herren, die Spartaner ihre Diener waren, Sprichwörter uud Fabeln, in denen sie sich an ihren Peinigern durch Witze rächten. Todtraurige Lieder, in denen sie ihre Verzweiflung äusweinten, — doch von all diesen Regungen der Volksseele ist nichts auf uns gekommen, wahrscheinlich wurden sie in Kellern, Hinterhäusern, im Zwielicht fern von spartanischen Lauschern verstohlen geraunt. Meine Knabenzeitfällt in die Sechzigerjahre, damals gab es keinen Antisemitismus, und ich hätte nie daran gedacht, mich für einen Heloten zu halten. Andere Jungen auf der Schulbank träumten ein Römerdrama. Ich träumte eine Helvlentragödie. Ich lebte mich bis zur Weltvergessenheit in Helotenveihältnisse ein. Ich hasste in der That die hochnäsigen Sprösslinge lakedämonischer Mütter und der Helotenväter. Ich verachtete die Neodamoden, die zu Spartanern assimilierten Heloten, die sich etwas Besseres dünkten, als die Siammesgenossen, denen sie den Rücken gewendet hatten. Ich weinte Thränen ohnmächtiger Wuth über die Krypteia, die jährlichen Helotenhetzen mit etwas Verwüstung, Misshandlung und Mord, die von staatswegen veranstaltet wurden, damit Spartaner und Heloten sich stets ihres gegenseitigen Verhältnisses bewusst blieben. Und ich schämte mich über die Schmach viehischer Trunkenheit, in die man Heloten versetzte, um spartanische Jünglinge an ihrem Beispiele Völlcrei verachten zu lehren. Und indem ich mich in diese verschiedenen Seelenzustände vertiefte, gelangte ich eines Tages zu einer Vorstellung, die so unheimlich war, dass sie mich selbst erschreckte. Es hat vielleicht Heloten gegeben, die sich mit ihrem Schicksale abgefunden hatten und ihm sogar Befriedigung abgewannen. Heloten, die den Wein liebten und ein Gratisräuschchen für einen Gottessegen hielten! Wenn die großen pädagogischen Veranstaltungen zugerichtet wurden, bei denen Heloten zu unfläthigen Bestien entehrt wurden, damit ihre Erniedrigung den jungen Spartanern das Bewusstsein ihrer adeligen Hoheit schärfe, drängten sie sich vielleicht dazu, als Lehrmittel benützt zu werden, soffen sie den Wein mit schmatzendem Behagen, hielten sie den Becher zu neuer Füllung hin, war vielleicht ihr letzter Gedanke, ehe die Trunkenheit sie sinnlos machte: Ich bin doch schlauer als Ihr. ob Ihr mich auch verachtet ich trinke inzwischen meinen guten Wein und lasse mir's schmecken." In dieser Fähigkeit, der tiefsten eigenen Erniedrigung noch eine persönliche Befriedigung abzugewinnen, an der äußersten Schmach noch ein Vergnügen zu schätzen, erblickte ich die schauervolle Steigerung der Helotentragodie. Meine lieben Commilitonen! Ich wurde älter. Neue Pläne verdrängten den alten Plan, bis er zu einer blassen Erinnerung an den Knabentraum verdämmerte. Ich nahm theil an den Geisteskämpfen meiner Zeit, ohne viel an meinen Ursprung zu denken, stolz auf meine Menschenwürde, stolz auf meine deutsch nationale Gesittung, von der ich durchtränkt und erfüllt war. Da drang eines Tages das Kriegsgeheul des Antisemitismus in meine Arbeitsstube. Gemeine Beschimpfungen des Judenvolkes gellten mir. dem Juden, in die Ohren. Ich fuhr auf, stürzte hinaus, erwartend, mein ganzes Volk an seinem Platze zu finden, gewillt und bereit zu starker That bluüg beleidigter Männer. Aber was fand ich? Einzelne Kämpfer, Kadimahner und wenige Andere, wehrten sich in schwerem Ringen. Allein die Menge strich die Wände entlang, duckte sich und hatte zaghaftes Flehen in den Blicken. Da stand mit einemmale die ganze Helotentragödie meiner Knabenzeit in packender Lebendigkeit vor mir. Ich sah die Judenhetzen an allen Enden Europas, ich sah das jüdische Halbblut, die Mothaken, das sich besser dünkte, als b*e anderen, ich sah die jüdischen Affimilantenprotzen, die ihre Assimilation bis zum giftigsten, gemeinsten Antisemitismus trieben, ich sah die jüdischen Heloten, die schlau mit den Augen zwinkerten und lächelten, wenn sie zum Schausaufen gepeitscht wurden. Jawohl, ich habe das Beispiel von Juden gehabt, die sich auf die Tasche schlugen und lachten und sagten: „Die Arier dünken sich etwas Besseres, als wir. Sie sprechen uns die Menschenwürde ab. Was liegt uns daran? Wir sind doch die Klügeren, denn wir verdienen Geld unter ihnen, wir haben unser Profitchen." Eine Erniedrigung, in der man noch immer gründen und Millionär werden kann, schien ihnen ein annehmbares Verhängnis, sogar ein versteckter Witz des Schicksals. Da fühlte ich, dass ich kein Verwandter dieser Heloten bleiben könne. Zum Glück erhob sich damals der Zionismus in meinem Gesichtskreise, dank meinem Freunde, unserem Führer Doctor Herzl, in dessen Person mir der zionistische Gedanke zuerst verkörpert entgegentrat, lernte ich ein anderes Judenthum kennen, das mich niit den Juden, mit mir und meinem Stamme versöhnte. Und heute abends sehe ich eine Corona um mich, die mich die Helotentragödie meiner Knabenzeit endgiltig und vollständig vergessen macht. Sie sind keine Heloten, sondern . Spartaner! Und mit dem Schilde oder auf dem Schilde, das ist heute ebenso jüdisch, wie es einst gut spartanisch war! Es ist eine hohe Ehre, Jude zu sein, denn es. schließt eine hohe Pflicht in sich. Den sittlichen Wert des Mannes aber bestimmt die Größe der Pflicht, die er auf sich zu nehmen bereit ist. Goethe wusste dem Menschen keine ruhmreichere Grabschrift zu setzen, als: „Denn er ist ein Mensch gewesen, und das heißt ein Kämpfer sein." Wie müsste Goethe erst uns Juden preisen, denn ein zionistischer Jude heißt zweimal, dreimal Kämpfer sein. Einer ihrer Senioren schrieb mir vor kurzem nach Paris, um mich zu diesem Festabend einzuladen. Ich erwiderte, dankte für die Ehre und schrieb, es würde mich innig freuen, den Abend mit Ihnen zu verbringen, denn ich würde hier ein prophetisches Gesicht haben, ich würde ein verkörpertes Stück Zukunft sehen. Als ich dies schrieb, dachte ich selbst, es sei so ein Papiereinfall, wie ihn ein Schriftsteller, der an dem Schreibtisch sitzt und die Feder wandern lässt, zn haben pflegt. Erst jetzt, wo ich die lebende Wirklichkeit vor mir sehe, erfasse ich selbst staunend und ergriffen den Sinn meiner leicht hingeworfenen Bemerkungen. In der That, es ist eine prophetische Mission, die ich vor mir habe. Ich, der Positivist, bin hier mit einem Anblicke begnadet, den mystische Extatiker nur im Geiste erschauen dürfen. Ich sehe das kommende Jahrhundert, ich sehe es in der Bewegtheit ihrer jungen Gesichter, im Glanze ihrer Augen. Es sind tröstliche Geschicke,

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