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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
Der Nordau-Commers
Date
1899-02-03
Page
9 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 5 „Die ^8 Welt“ Seite 9 es ist ein glorreiches Jahrhundert, das sich ankündigt. Sie werden mich um ein Menschenalter überleben. Aber hier und jetzt lebe ich im Geiste das Menschenalter voraus, das mir über mein natürliches Lebensmaß beschieden ist. Und dieses Menschenalter, das ich imGeiste lebe, ist schöner, als das, welches mir gegönnt war. Lassen Sie mich dieses Menschenalter begrüßen. Hoch die jüdische Jugend! Hoch die jüdische Zukunft! Vivat, t-reseat., ttoreut! Es lässt sich nicht beschreiben, welche Scenen der Begeisterung nach dem Schlüsse dieser Rede sich abspielten. Wir haben alte Leute, deren weißes Haar ihrer jugendlichen Begeisterung recht gut anstand, auf Nordau zueilen, nach seinen Händen haschen gesehen, um sie zu küssen. Kaum dass sich Nordau diesen Ausbrüchen der Begeisterung entziehen konnte. Der ganze übrige Theil des Abends war von dieser Rede beherrscht. Die nachfolgenden Redner hatten trotz mancher ausgezeichneten Ausführungen mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen, um die Aufmerksamkeit des Pnblicums auch nur in genügender Weise zu erwecken. Und doch hätten die hebräische Rede Rot hblums („Bar Kochba"), der Toast Dr. Weisls, der in einen Treuschwur für den Führer der Zionisten ausklang, und die Ausführungen des Abgesandten der Kolomeaer Zionisten, L. Taubes, der Nordau und Herzl prächtig ausgestattete Adressen seiner Mandanten überbrachte, ein besseres Schicksal verdient. Im nichtofficiellen Theile bewies die „Jvna" ihre bekannte Virtuosität in der Aufführung von gesanglichen Ulken aufs neue. Sie fand reichen Beifall. Erst in später oder besser gesagt in früher Morgenstunde schloss dieser Abend, der eine große Anzahl von Besuchern aufwies, die den Zionisten bisher ablehnend gegenüber gestanden waren und die, wie mehrere von ihnen spontan erklärten, nunmehr alle Kräfte aufbieten wollen, um in zionistischer Arbeit das nachzuholen, was sie bisher leider versäumt hätten. G Mae Mordau in Berlin.) Von Dr. S. Bernfcld. Zum zweitenmale schon hat Max Nordau in Berlin vor einer großen Zionistenversammlung gesprochen. Eine solche, wie sie am 28. Jänner im Feenpalast statlgefunden, hat wohl die Judenheit seit Jahrhunderten kaum gesehen; sie machte im großen und ganzen auch auf den Gegner dieser Bewegung einen sehr vortheilhaften, ja sympathischen Eindruck; und mag man sonst zu dem politischen Zionismus eine ablehnende Stellung einnehmen, jedenfalls wird man sich sagen müssen, dass es sich in diesem Falle um eine Erscheinung im Judenthum handelt, die man zum mindesten nicht ignorieren darf. Meine Stellung zu dein politischen Zionismus dürfte wohl den meisten Lesern dieser Zeitschrift bekannt sein. Bei .objektiver Beurtheilung wird man mich nicht schlechthin zu den Gegnern des Zionismus zählen dürfen, wenn ich mich auch gegen manche Einzelheit dieser Erscheinung ausgesprochen habe. Der Zionismus ist mir vor allem nicht gleichgillig, und nach dem Grundsätze: Judaeussum. judaei nihil a me alienum puto, habe ich, ohne an der Discussion theilzunehmen, beide Versammlungen besucht. Das letztemal hat mich ein publicistisches Interesse in die Nähe des Redners geführt. Die wirkungsvolle Rede wird zweifellos von anderer Seite in diesem Blatte vollinhaltlich mitgetheilt werden. Vielleicht interessiert es aber auch die Leser, zu erfahren, welchen Eindruck diesmal Dr. Nordau und seine Rede an das Volk auf einen Beobachter gemacht, der in jeder Erscheinung auch die negative Seite zu untersuchen liebt. *) Der Verfasser, wie er ausdrücklich bemerkt, — kein Zionist, appelliert an unsere Loyalität, seinen Ausführungen in unserem Blatte Raum zu geben. Wir sind gerne bereit, maßvolle Erörterungen, auch wenn sie von gegnerischer Seite kommen, geziemend zu berücksichtigen. ' Die Redaction. Mein Standpunkt in diesen Erörterungen ist der historische, und bei historischen Vorgängen liebe ich es, in das Innere, ich möchte sagen in die psychologische Erklärung derselben enizugehen. Wie da Max Nordau mit Geist und Gemüth für die von ihm geförderte Wahrheit eintrat und dabei bittere Klage führte über die osficiellen Vertreter des Judenthums und die reichen und mächtigen Stammesgenossen, die so wenig Interesse für die Nothlage der Judenheit zeigen — wie er so dastand, dachte ich an die so vielen für die höchsten Ideale begeisterten Männer unseres Stammes, die ihre besten Kräfte für das Wohl des Volkes opfern wollten, jedesmal aber von den Reichen und Mächtigen als .Nörgler und Ruhestörer" gehetzt und im Hasse zurückgewiesen worden sind. Die Geschichte der jüdischen Cultur bewegt sich hauptsächlich um den Kampf der Israeliten gegen die Männer von „Bildung und Besitz", die jede Störung unangenehm empfanden. Max Nordau ist persönlich wohl nicht der Verfolgung unserer versumpften „Führer" ausgesetzt. Aber die persönliche Noth wird in solchen Fällen gar nicht so sehr empfunden, wie die bittere Erfahrung, dass man von ihnen im Stiche gelassen wird, die berufen und zugleich verpflichtet wären, den Rufer zu ermuntern und sein Wollen wenigstens mit Ernst zu prüfen. Ich will sogar behaupten, dass, hätten sich die osficiellen Vertreter des Judenthums zu einer vollen energischen Thal gegen den Zionismus aufgerafft, ich sie viel mehr ehren und achten könnte, als jetzt, wo sie es bei ihrem papierenen, seichten, von der ganzen inneren Nichtigkeit ihrer Stellung und ihres Wesens dictierten Protest bewenden ließen. Das moderne Rabbinerthum in Westeuropa ist eine jämmerliche Parodie auf diese altehrwürdige Institution im Judenthum — „den Frommen zum Aergernis und den Gebildeten zum Spott", wie Max Nordau so treffend gesagt. Ich habe diese eigenthümliche, widerwärtige Species im westeuropäischen Judenthum naturwissenschaftlich in der hebräischen Zeitschrift „Haschiloah" (Band 3, S. 552 bis 59) geschildert. Max Nordau hat es in epigrammatisch zugespitzter Form gethan. Er hat unserem Pfaffenthum den Steckbrief in der Geschichte des Judenthums geschrieben. Das war es ja auch, warum die letzte Rede Nordaus reizungsvoller und zündender war, obgleich sie inhaltlich hinter seiner ersten zurückstaud. In der Aufstellung eines positiven Programmes kann es nicht ausbleiben, dass von verschiedenen Seiten Widerspruch erhoben wird. Hingegen sind wir alle über die Statur der Schäden einig, die den Fortbestand des Judenthums und der Judenheit — ich finde, dass die meisten Zionisten diese beiden Begriffe nicht voneinander zu halten verstehen — bedrohen. Auch was Nordau von den meisten reichen Juden gesagt hat, ist nicht nur zutreffeud, sondern im Grunde genommen noch in viel zu milder Form geschildert. Diese widerwärtigen Gesellen haben schon manchem ehrlichen und feinfühligen Juden das Judenthum verleidet. Unsere Feinde haben unsere ökonomische Stellung untergraben; aber dies ist ein Unglück und keine Schande. Die jüdischen Millionäre hingegen haben dem Judenthum den Stempel der Lächerlichkeit und der Würdelosigkeit aufgedrückt. Wir hatten den Muth und die Ausdauer, alles sociale und ökonomische Ungemach über uns ergehen zu lassen; dass wir unser geistiges Leben nicht nach unserem Wunsche und nach unserer Veranlagung ausleben können, dass unsere Söhne wider ihren Willen dem wissenschaftlichen Berufe entzogen werden und Noth haben, in einem anderen ihnen aufgezwungenem Berufe ihre Lebensideale zu retten. Unsere Millionäre aber hatten nicht den Muth, das Nasenrümpfen eines verschuldeten Barons zu ertragen. Wenn wir aber mit der Verurteilung der herrschenden Zustände mit den Zionisten übereinstimmen, warum schließen wir uns ihnen nicht an'? Warum wollen wir

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