Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Article
- Der Nordau-Commers
- Date
- 1899-02-03
- Page
- 7 (sequence 2)
- Language
- German
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Nr. 5 „Die H Welt“ Seite 7 ziehen lassen, wenn alles so glimpflich und klar gegangen wäre, wo wäre die für die Woriführung nöthige Autorität hergekommen. Man musste kämpfen, man musste durch Ungemach durchdringen, man musste sich dem Vorwurfe des Wahnsinnes aussetzen, man musste hinausgestoßen werden aus den Reihen derer, mit denen man ein Leben verbracht, man musste Opfer bringen, um dann umso beherzter und verjüngter für die Sache eintreteu zu können. Das war der Kampf, den die meisten von uns durchgemacht haben: wir können schon heute von den Stadien dieser Entwicklung mit einiger Genugthuung sprechen. Unser verehrter Freund Dr. Nordau ist in seinem Vortrage die Ehrencompagnie unserer Gegner abgeschritten. Er hat sie alle trefflich definiert in dieser markigen Charakterisierung, die wir von seiner Meisterhand kennen, den schlechten Millionär, der nach dem bekannten Worte schwerer ins Himmelreich kommt, als ein Kameel durch ein Nadelöhr, den Protestrabbiner, eine der wunderbarsten Gestalten, endlich die Proletarier, denen mein verehrter Freund Nordau mehr Concessionen gemacht hat, als ich zugeben möchte. Ich bin nämlich nicht der Ansicht, dass sich der Zionismus so ganz über den Leisten des Socialismus schlagen lasse. Aber ich glaube, dass der Zionismus ein Gehäuse ist, das alle Parteien umschließen kann. Das war die Größe unserer bisherigen Bewegung, das ist der Erfolg unserer Baseler Congresse. Wir haben uns auf den breitesten Boden der Abstraction gestellt, für alle, die sich uns anschließeu wollen, die Strenggläubigen und die Freigeister, die Reichen und die Armen, ist bei uns Platz. Dabei soll es immer bleiben. Wir haben in dem jetzigen Zustande unserer Bewegung nichts anderes zu thun, als dass wir einen möglichst breiten und ebenen Boden schaffen, auf dem sie alle zu uns kommen können. Und insoweit stehe ich in einem kleinen Gegensätze zu unseren: Freunde Nordau, und ich benütze diejenige Gelegenheit, es zu sagen, wo wir fast ganz unter uns sind. — Dennoch halte ich es für möglich, dass hier einer oder der andere, eine oder die andere sich befinden, die nicht genau wissen, was der Zionismus ist, und wenn nur ein einziger solcher in diesem Saale ist, der das nicht weiß, so wollen wir zu ihm sprechen und die anderen müssen es über sich ergehen lassen. Sind sie Zionisten, so werden sie damit einverstanden sein, denn auch ein einziger ist es wert, dass wir zu ihm sprechen, sind es keine Zionisten, so sollen sie ein wenig leiden. Ich gebe die Definition, die schon zu einem Clich6 geworden ist: der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. — Ich möchte es Ihnen in einem Bilde sagen, um nicht durch eine langwierige Auseinandersetzung aller Gesichtspunkte zu ermüden. Ich habe hier, bevor ich hergekommen bin, ein Berschen aus den Liedern eines Juden herausgeschrieben, eines Juden, der heute, wenn er lebte, gewiss nicht unter den Gegnern des Zionismus stünde — ein Berschen von Heinrich Heine. Das war ein liebenswürdiger Geist, der alles, was er berührte, mit einem Zauber zu umgeben verstand, und wenn man in einem Buche auf das stößt, was er geschrieben hat, so ist es rein, wie wenn ein Sonnenstrahl auf dieses Blatt fiele. So ward es diesem Dichter möglich, über das Trostloseste, Hässlichste und Armseligste Verse zu machen, die uns eigenthümlich ergreifen. Da habe ich ein Gedichtchen über das „Neue israelitische Hospital in Hamburg" : Ein Hospital für arme kranke Juden, Für Menschenkinder, welche dreifach elend, Behaftet mit den bösen drei Gebresten, Mit Armut, Körperschmerz und Judenthume. Das schlimmste von den dreien ist das letzte. Das tausendjährige Familienübel. Der Zionismus ist eine Art neuer israelitischer Krankenpflege, und er wendet sich dem schwersten der drei Uebel zu, dem tausendjährigen Familienübel. Welche Arznei wendet er an? Etwas ganz Einfaches, etwas ganz Populäres — ein Naturheilverfahren. Wir Zionisten wollen das Familienübel dadurch heilen, dass wir den Patienten aufs Land bringen. Wir glauben, dass alle Gebrechen, an denen er leidet, die physischen und die moralischen, sich beheben lassen, wenn wir ihn zu dieser natürlichen Lebensweise wieder zurückbringen, wenn wir ihn auf dem Lande, wo er schon einmal wohnte, wieder sesshaft machen, wenn wir ihn, wie es in dem Liede heißt, das Sie eben gesungen haben, — in seinen eigenen Zelten wohnen lassen. Wir wissen, dass das keine leichte Arbeit ist. Es bedarf einer langen Beharrlichkeit, eines Muthes, der nicht sinkt. Wir haben aber auch das vermessene Zutrauen zu unserem Volke, dass es durch alle Leiden nur gestärkt, den Muth nicht sinken lassen wird. — Ich will nicht alles, was wir erreicht haben, Revue passieren lassen, ich wollte Ihnen nur in dem einen Bilde eine Vorstellung geben, dass alles, was wir unternehmen, etwas ganz Ruhiges und Vernünftiges ist. Ich möchte Sie aber auch bitten, unsere Reden nicht nur anzuhören und sich zu amüsieren — wenn unsere Reden amüsant sind — sondern: wenn es Augenblicke gegeben hat, in denen Sie oen einzelnen Rednern Recht gegeben haben, so möge das für Sie ein Ansporn sein, selbst weiter zu wirken. Jedem ist es möglich, jeder hat Gelegenheit, diese Propaganda zu treiben, und für jeden gerade denkenden Menschen ist es Pflicht, wenn er überzeugt ist, dass ein neu auftauchender Gedanke, eine neue Bewegung etwas Gutes ist, jedermann von seiner neuen Ueberzeugung Mittheilung zu machen, sie zu propagieren. Sie alle müssen propagieren. Wir waren bisher Saumselige, wenn wir nicht jedes unserer Worte damit beschlossen' haben, dass wir Sie aufgefordert haben, diese Ihre Pflicht zu thun, damit das, was gut und gerecht ist, weiter seinen Weg in der Welt finde. Ich glaube aber, dass diese neue israelitische Krankenpflege etwas Gutes und Gerechtes ist, und an keinem Tage war ich so davon durchdrungen, wie an jenem, wo es mir gelungen ist, diesen ausgezeichneten Mann für die neue israelitische Krankenpflege zu gewinnen. Sie wissen, dass er als Schriftsteller ein Goldschmied feiner Gedanken ist, dass ich ihn als Meister des Handwerks begrüße, das ich, so gut ich kann, treibe. Er hat auch als Arzt getrachtet, in die Geheimnisse der Natur einzudringen, und diese beiden Vorzüge können sich nicht besser vereinigen, als in der neuen israelitischen Krankenpflege. Ich habe nicht den Versuch gemacht, Ihnen etwas Neues zu sagen; nur den Toast, der schon da war, den Toast auf Dr. Max Nordau." Stürmischer, immer wieder sich erneuernder Beifall folgte dieser Rede. Vergebens waren die dankend ablehnenden Bewegungen Herzls, vergebens die wuchtigen Schläge, welche Präsides und Contrarien — die Senioren der übrigen zionistischen Studentenverbindungen — mit dem Säbel auf die Tische niedersausen ließen. Erst allmählich verrauschten die Kundgebungen. Da erhob sich Dr. Nordau, um auf die Ausführungen Dr. Herzls zu antworten. Nach dem stürmischen Beifall, mit dem man ihn wieder begrüßte, trat bald athemlose Stille ein. Vom Anfang bis zum Ende seiner Rede hielt Nordau alle Zuhörer inseiuem Bann.SelbstderBeifall, derwährend seiner Rede so oft losbrach, legte sich immer wieder rasch, weil man fürchtete, dass vielleicht im Lärme desselben ein Wort des Redners verloren gehen könnte. Nordau sprach beiläufig Folgendes: Meine liebe Kommilitonen! Ich pflege in Freundeskreisen manchmal zu sagen, dass es drei Lagen gebe, in denen der Mensch ein dummes Gesicht macht. Diese drei Lagen sind: das Anmessen eines neuen Rockes, das Rasierenlassen und das Empfangen wuchtiger Complimente. Ich habe heute Gelegenheit, mich mit dieser dritten Situation länger zu befassen, und zweifle nicht, dass ich das reglementmäßige dumme Gesicht gewacht habe. Und es war für mich geradezu eine Erfrischung, als mein Freund Dr. Herzl einen Angriff aus mich ankündigte. Das hat meinem dummen Gesicht wieder gestattet, ohne übernatürliche Weisbeit wieder menschlich auszusehen. Aber meine Hoffnung wich der Enttäuschung. Der Angriff war liebevoll, zart, brüderlich und er endete wieder mit einem Compliment. Ich denke nach, wo ich die Spitze des Angriffes zu suchen habe, entdecke sie aber nicht. Ich soll dem Socialismus zuviel