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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
Strömungen im Judenthum
Date
1899-02-03
Page
5 (sequence 4)
Language
German
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Nr. 5 Geile S „Die Welt“ Temperament entspricht, dem Socialismus in die Arme, von dem sie allein das Heil zu erwarten erklären. Auf die jüdischen Proletarier nun können wir in keinem Falle verzichten, auch nicht auf einen Theil derselben. Wenden Sie sich von uns ab, so spielen wir ihnen gegenüber nicht die Stolzen, sondern gehen ihnen geduldig nach und suchen sie zu überzeugen, dass nur ein Missverständnis uns trennen kann. Wir wünschen und hoffen von ganzem Herzen, dass uns dies gelingen wird. Die jüdischen Proletarier, die Socialisten geworden sind, bilden sich anscheinend ein, dass sie deshalb den Zionismus verwerfen müssen, dass Zionismus und Socialismus einanoer grundsätzlich ausschließen. In dieser Allgemeinheit ist dies sicher ein Jrrthum. Wohl hat der Socialismus als sehr entferntes Ziel die Verbrüderung aller Menschen ohne Unterschied der Abstammung. Aber genau das nämliche Ziel hat der Zionismus auch. Einstweilen, bis zur Erreichung dieses sehr entfernten Zieles, erstrebt der Socialismus die Organisierung der Arbeiter aller Länder zu einer einheitlichen Classe, die, ohne sich an politische Grenzen zu kehren, den Kampf gegen andere Classen der heutigen Gesellschaft führen soll. Aber die christlichen Socialisten, in denen das Klassenbewusstsein voll entwickelt ist, hören deshalb keineswegs auf, sich als Angehörige eines bestimmten Volkes, zu fühlen, und die berufensten Wortführer des Socialismus haben sich immer unwillig dagegen verwahrt, wenn man sie als vaterlandslose Gesellen behandelt hat. Es ist nun nicht einzusehen, weshalb nur der jüdische Socialist seine Zugehörigkeit zum jüdischen Volke verleugnen muss, während alle anderen. Socialisten sich mit Stolz als Deutsche, Engländer, Amerikaner, Franzosen bekennen. Die jüdischen Proletarier sind von allen Ausgebeuteten weitaus die Ausgebeutetsten, von allen wirtschaftlich Schwachen weitaus die Schwächsten. Wo sie am zahlreichsten sind, da haben sie keine Freizügigkeit und sind infolgedessen verhindert, ihre Arbeitskraft im vortheilhaftesten Arbeitsmarkte zu verwerten. . Christliche Unternehmer verwenden sie ungerne und nur wenn sie billiger zu haben sind als die christlichen Arbeiter, und selbst jüdische Unternehmer ziehen diese vor, weil ihnen die jüdische Sabbathfeier, die Intelligenz und der Gleichheitsstolz des jüdischen Lohnarbeiters unbequem sind. Alles, was diese unternehmen, um sich zu vertheidigen, hat denn auch unseren unbedingten, rückhaltslosen Beifall. Sie sollen zu diesem Zwecke jedes Bündnis eingehen, das vom Gesetze nicht verboten ist, sie sollen in jede« Lohnkampfe, bei jedem Ausstande fest zu ihren christlichen Genossen stehen und ihnen ein Beispiel jüdischer Treue und jüdischer Zähigkeit geben. Sie sollen überall, wo ihr Erdenschicksal sie hingestellt hat, strammsteClassensolidaritätüben, bis sie sich auf dem Boden Palästinas frei organisieren können, wie es ihnen für ihr Interesse am zweckmäßigsten scheint. Und ich frage nochmals: Weshalb sollen sie all das nicht als gute Zionisten thun können? Ebenso wichtig wie die materiellen sind die moralischen Strebungen des Socialismus. Aber auch diese moralischen Strebungen stehen nirgendwo im Gegensätze zum Zionismus. Was sage ich: nicht im Gegensätze? Sie sind im Zionismus geradezu verwirklicht! Alles, was im Soeialismus Zukunftsideal ist, das ist im Judenthume geschichtliche Realität gewesen und kann es sofort wieder werden, wenn das jüdische Volk sein Selbstbestimmungsrecht von Neuem erlangt. Welches sind die wesentlichen Punkte der socialistischen Weltanschauung? Ehrung der Menschenwürde in jedem Individuum, ohne Unterschied von Stand und Beruf. Gleichmäßige Schätzung jeder Arbeit, die ein Bedürfnis der Gesammtheit befriedigt. Anerkennung des Rechtes jedes arbeitswilligen Individuums auf einen Mindestantheil an den Lebensgütern und auf ein billiges Maß von Glück. Einfügung des arbeitenden, Werte schaffenden Individuums in den höheren Gesamwtarbeitsplan des Gesellschafts-Organismus, um das Chaotischwerden der Einzelanstreugungen zu verhüten, bei gleichzeitiger voller Achtung der geistig-sittlichen Selbständigkeit des Individuums. Das ist ungefähr der vbilosophische Kern des Socialismus, zu dem dann noch eine Gefühlsbeimischung von etwas Bruderliebe für alle Menschen, von etwas Glauben an die Entwicklungsfähigkeit der Menschheit, von etwas Hoffnung auf eine bessere Zukunft tritt. Nun denn, alle diese Punkte sind alte jüdische Ideale, deren Wiederbelebung gerade das Ziel des Zionismus ist. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wer hat die Menschenwürde höher bewertet, als das jüdische Volk, das zuerst den Begriff der Gotteskindschaft, d. h. aus dem Mystischen ins Rationalistische übersetzt, der souveränen geistig-sittlichen Persönlichkeit schuf, das sich feierlich ein Volk von Priestern, d. h. von Dienern des Ideals nannte, und das sich als in einem persönlichen Vertragsverhältnisse zu Gott, d. h. zur höchsten Sittlichkeit stehend, empfand? Wer hat den Gleichheitsbegriff tiefer erfasst, als das jüdische Volk, das laut verkündete: Alle Israeliten sind Brüder, das die gleiche Leistung an die Gesammtheit vom Reichen wie vom Armen forderte, und keine andere Vornehmheit gelten ließ, als die des reicheren Wissens und der höheren Tugend? (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wo finden Sie die sociale Gerechtigkeit des Gesetzes Mosis, das im regelmäßig wiederkehrenden Jubeljahre die Anhäufung des Besitzes in den Händen weniger wirtschaftlich Ueberlegeuer rückgängig machte, und die Fürsorge für die Armen, die Witwen, die Waisen, ja sogar die Fremdeu zu einem Glaubensgebote erhob? (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wo schätzt man die persönliche Freiheit mehr als im jüdischen Gesetze, das den Selaven zur Festnaglung seines Ohrläppchens an den Thürpfosten verurtheilte, wenn er erbärmlich genug war, die ihm nach sechs Jahren von rechtswegen wiedergegebene Freiheit abzulehnen? Und wer achtet die Handarbeit, jede ehrliche Arbeit höher, als das jüdische Volk, dessen größte Lehrer und Weisen in der Blüthezeit des jüdischen Geistes Schuster, Maurer, Zimmerleute waren und ausdrücklich lehrten, es gezieme dem Geistesadeligen, seinen Lebensunterhalt mit Handarbeit zu gewinnen und daneben die Wissenschaft um ihrer selbst willen, nicht um Lohn, zu pflegen? (Stürmischer Beifall.) Glauben Sie denn, es ist Zufall, daß an der Wiege des heutigen Socialismus die Juden Marx und Lassalle stehen und dass auch heute unter den Theoretikern des Socialismus Juden einen ersten Platz einnehmen? Diese Männer haben gut ihr Judenthum verleugnen, in ihnen waltet, ihnen unbewusst, jüdischer Atavismus. Sie haben aüs den latenten Volksüberlieferungen, aus denen sich die Uranlage jedes Individuums zum größten Theile zusammensetzt, die Begeisterung für sociale Gerechtigkeit überkommen, die in ihrem Falle die Form der Auflehnung gegen eine als ungerecht empfundene Gesellschafts¬ und Wirtschaftsordnung annahm und zur Entwicklung des socialistischen Programmes führte. Seit die Nacht der Diaspora über das jüdische Volk hereingebrochen ist, halten seine ausgezeichneten Geister unausgesetzt angestrengten Auslug nach einem Hoffnungsstrahl. Lynkeus, der Thürmer, steht unbeweglich hinter seiner Zinne und wendet das Auge vom schwarzen Horizont nicht ab. So oft er in der Finsternis den leisesten Schimmer aufglimmen sah, schmetterte er jedesmal jauchzend hinunter: „Der Morgen graut!" und jedesmal fuhr das jüdische Volk mit Tumult empor und jubelte dem neuen Tage entgegen, aber jedesmal überzeugt es sich, wenn es Mittag wurde, dass es wieder ein Tag der Enttäuschung war. Die Juden wissen sehr genau, dass die einzigen Quellen ihrer Noch und Leiden Fanatismus, Roheit, Unwissenheit, Despotismus sind. So oft sie dann auch wahrzunehmen glaubten, dass eine dieser vier Unholdgewalten in der Welt schwächer wurde, gaben sie sich der Hoffnung hin, dass nun die Notb ein Ende haben müsste, aber bisher war diese Hoffnung noch jedesmal eitel. Als die Reformation der Christenheit Befreiung von Geistesdruck versprach, da begrüßten die Inden diese Bewegung, die auch ihnen Gerechtigkeit zu verheißen schien. Liria unterwies

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