Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Article
- Strömungen im Judenthum
- Date
- 1899-02-03
- Page
- 6 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 5 „Die A Welt}* Luther im Hebräischen, die Rabbiner weihten die Reformatoren in alle Geheimnisse der jüdischen Ueberlieferung ein und gaben ihnen die Waffe der Bibelauslegung in die Hand. Das alte Testament kam auch im Christenthunie wieder zu Ehren, doch als die Reformation gesiegt hatte, da benützte sie ihre neue Kenntnis der heilige» Schrift, um zu beweisen, dass die Juden von Gott verflucht sind, und sie behandelte sie vielfach schlechter, als vorher der Katholicismus. Die Encyklopädisten erheben sich gegen das Dogma, die Aufklärung beginnt ihren Kampf gegen den Kirchenglauben. Die Juden werden sofort ihre begeisterten Apostel. Da der Fanatismus ihr Todfeind war, so musste folgerichtig die Aufklärung das Heil sein. Die Aufklärung hat auch gesiegt. Der dogmatische Fanatismus ist überwunden und liefert nur noch Rückzugsgefechte. Den Juden aber hat dies wenig genützt. Wohl verfolgt man sie nicht länger um ihres Glaubens willen, dagegen aber im Namen eines wissenschaftlichen, anthropologischen Grundsatzes, wie es sich für aufgeklärte Söhne des 19. Jahrhunderts geziemt (Heiterkeit), man verfolgt sie wegen ihrer Rasse. (Lauter Beifall und Händeklatschen.) Die große Revolution bricht den Despotismus, verkündet die Menschenrechte, bringt der Welt die Freiheit. Das muss nun aber wohl die Erlösung sein! Die Juden wiederholen es selig, sie glauben es, sie tragen die Bewegung in die weiter zurückgebliebenen Länder hinüber, sie betheiligen sich überall leidenschaftlich an den Bolkskämpfen für die Freiheit, so dass man beispielsweise die Erhebung von 1848 geradezu als eine jüdische Bewegung hatte bezeichnen können, und heute dulden die liberalen Parteien ihre jüdischen Mitstreiter nur noch verlegen und nnmuthig in ihren Reihen oder weisen sie ohne Umschweife ab, um nicht als Judenschutztruppe zu gelten und das Volk sich zu entfremden. (Lebhafter Beifall.) Nach solchen Erfahrungen haben wir das Recht, de» jüdischen Socialisten zu sagen: die Reformation hat manche Ketten gesprengt, die der Juden hat sie fester geschmiedet; die Aufklärung hat die Geister befreit, den Hass gegen die Juden — pardon, gegen die Semiten hat sie eher gesteigert, als gemildert; die Grundsätze der großen Revolution haben die Welt erobert, die heutigen Liberalen aber bedeuten den Juden höflich oder rauh, dass ihre Mitarbeit am Werke der politischen Freiheit nicht gewünscht wird. Der Socialismus wird Ihnen genau die nämliche Enttäuschung bereiten (laute Zustimmung), wie die Reformation (lebhafter Beifall und Händeklatschen), die Aufklärung, die politische Freiheitsbewegung. Wenn wir es erleben sollten, daß die socialistische Theorie Praxis wird, so werden Sie erstaunt sein, in der neuen Ordnung Ihren guten alten Bekannten wieder zu finden, den Antisemitismus. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen). Es wird Ihnen nichts helfen, dass Marx und Lassalle Juden gewesen sind. Wenn mir gestattet sein soll, Kleines mit Großem, mit Größtem zu vergleichen: Ter Stifter der christlichen Religion ist gleichfalls ein Sohn des jüdischen Volkes gewesen. Es ist mir aber nicht bekannt, daß die Christenheit sich dafür dem jüdischen Volke zu Dank verpflichtet glaubte. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Ich zweifle keinen Augenblick lang, dass die socialistischen Theoretiker allen ihren Lehren treu bleiben, nie die Rassenfrage aufwerfen werden. Aber die praktischen Führer werden mit der Wirklichkeit zu rechnen haben, und die Gefühle der Menge werden auch ihnen in absehbarer Zeit eine antisemitische oder, sagen wir, «semitische Politik auf- »öthigen, wie sie sie den Leitern der freisinnigen Bürgerparteien aufgezwungen haben. Man wird dann einfach sagen, die socialistische Solidarität erstrecke sich bloß a»f die höhere Rasse, nicht auch auf die niedrigere, und man wird die jüdische Rasse zur Menschheit zweiter Classe, zu den Negern und gelben Kulis zurückstellen. Möchten die jüdischen Proletarier, die socialistischen Theoretiker unter den Juden unsere Worte hören und beherzigen. Der Zionismus arbeitet für sie und kann ihre Mitwirkung nicht e itbehrcn. An den kernfaulen jüdischen Dccadcnten, an diesen verkommenen Nachäffern einer theils toll, theils blödsinnig gewordenen Zeitmode liegt uns nichts. Sie mögen verwesen, wo sie sind. Wohl aber liegt uns an den socialistischen Enthusiasten. Sie haben ein Ideal, sie haben Glauben an Entwicklung nnd Zukunft, sie haben Sittlichkeit und Thatkraft, gerade das, was zu einem Zionisten erforderlich ist. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Alles, was sie sind, können sie als Zionisten sein, und so gewiss, wie ihnen ihre Verleugnung des Judenthums, die sie missverständlich als eine Vorbedingung ihres Socialismus betrachten, bittere Enttäuschungen bereiten wird, so gewiss können sie im Zionismus allen ihren Idealen nachleben, .sich zur Befriedigung, ihrer Weltanschauung zur Ehre, ihrem proletarisierten, rechtlosen Stamme zum Heile. (Tosender, minutenlanger und wiederholt sich erneuernder Beifall und Händeklatschen.) G Der Uordau-Tommers. Donnerstag den 26. Jänner fand der von der zionistischen Studentenschaft zu Ehren N o r d a u s veranstaltete Commers im „Hotel Continental" statt. Der große, schöne Saal war prächtig dekoriert. Die Wappen und Fahnen der Verbindungen schmückten den Obertheil des Saales dort, wo die Ehrengäste und die Leiter des Commerses, die Präsides der „Kadimah", „Unitas", „Jvria" und „Maccabaea", ihre Plätze eingenonimen hatten. Schon lange vor dem Beginne des Commerses war der Saal überfüllt von jüdischen Bürgern mit ihren Familien, von den Vertreter:! der Wiener zionistischen Vereine und der zionistischen Studentenschaft. Kurz vor der Eröffnung des Commerses herrschte ein so lebensgefährliches Gedränge, dass die Ordner sämmtliche Saalthüren öffnen ließen, theils um die im Saale herrschende Hitze etwas zu mildern, theils auch um für alle Fälle sämmtliche Ausgänge offen zu halten. Der Präsident der „Kadimah", Armins ky, eröffnete den Commers mit der Begrüßung der Gäste, vor allem Nord aus, der mit dem Burschenbande der „Kadimah" auf der Brust erschienen war, um der gesammten zionistischen Studentenschaft schon dadurch zu zeigen, dass er an diesem studentischen Abend sich ganz als ihresgleichen fühlen wolle. Die Namen Nordaus, Herzls, sowie die der zahlreich erschienenen Mitglieder des großen Actionscomites, die wegen wichtiger Conferenzen in Wien weilten, wurden von den Theilnehmern des Abends mit jubelndem Beifalle begrüßt. Nach Absingung des „Gaudeamus“ ergriff der Präses der „Jvria", Ehrlich, das Wort zur Festrede. Er schilderte darin die Aufgaben der zionistischen Studentenschaft und gelobte, dass dieselbe das Banner des Zionismus stets in seiner Reinheit bewahren und Hochhalten wolle. Der Rede, die in ausgezeichneter Weise vorgetragen wurde, folgte rauschender Beifall. Als dritter studentischer Redner sprach cand. med. Munk einen sehr gelungenen Toast auf N o r d a u und H e r z l. Dann ergriff Dr. H e r z l das Wort. Er bemerkt nach einigen einleitenden Worten, Dr. Nördau habe vielleicht in seiner gestrigen Rede unseren Gegnern etwas zu weh gethan. In gewisser Hinsicht wären wir unseren Gegnern zu Danke verpflichtet. Solche Gegner können einer Bewegung nur nützen. Dr. Herzl gibt dann eine kurze Uebersicht über den Verlauf der zionistischen Bewegung: „So haben wir, die wir hier zuerst mit dem großen Schweigen zu kämpfen hatten, allmählich Angriffe auf uns niederprasseln gefühlt, die schließlich auszuhalten waren, die aber dazu beigetragen haben, uns bei aller Welt in ein gewisses Ansehen zu bringe». Wir sind also unseren Gegnern auch zu Danke verpflichtet. — In einer französischen Posse kommt ein Mann vor, der feig ist. Nun ergibt es sich, dass er durch ein unglückseliges Zusammentreffen gezwungen ist, sich zu schlagen. Seine Frau, die ihn für einen Feigling gehalten hat, ist ganz erstaunt: „Was, Du fürchtest Dich nicht?" — „O ja," lautet die Antwort, „aber wenn ich nicht fürchtete — wo wäre dann der Muth?"-Wenn wir keine Gegner hätten, wenn die zionistische Bewegung wie ein Haar aus der Milch sich hätte