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Die Welt · 1899-02-03 · 5 (3.2.1899) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
3 (1899)
Issue
5 (3.2.1899)
Article
Strömungen im Judenthum
Date
1899-02-03
Page
4 (sequence 3)
Language
German
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Seite 4 „Die # Welt“ Nr. 5 Abrahams auf alle seine Nachkommen. Wie soll ein jüdischer Millionär, der so nahe daran war, dieses schmückende Beiwort abzuwerfen, hierüber nicht empört sein? Ich sehe aber noch einen zweiten Grund der Feindschaft so vieler jüdischer Finanzgrößen gegen den Zionismus. So protzig und hochnäsig sie scheinen, sie haben eine atavistische Aengstlichkeit nicht vollständig überwunden. In Stunden der Gedrücktheit kommt etwas wie ein Zweifel über sie, ob ihre Stellung in der Welt denn auch wirklich so sicher sei, wie sie sich selbst weismachen möchten? Sie kennen zwar die jüdische Geschichte nicht, aber sie haben doch einmal dunkel etwas läuten hören, hass es auch in England unter Richard Löwenherz, in Frankreich unter Philipp dem Schönen, in Spanien unter Ferdinand und Jsabella jüdische Millionäre gegeben hat, die gleichfalls in Palästen wohnten, Hof- und Staatsämter bekleideten, den Adel des Landes mit Trüffelmahlzeiten bewirteten und dass dann plötzlich, ohne Warnung, ein furchtbarer Tag anbrach, der diese lächelnden Millionäre in verstümmelte Leichen und die Glücklicheren unter ihnen in landfahrende Bettler verwandelte, deren Nachkommen heute in den Judengassen Polens und Rumäniens verhungern und verkommen. Da quillt aus dem tiefsten Grunde ihrer bangen Seele die Frage empor: „Wie, wenn selbst dieser Marmorpalast, dieses Stahlspind mein Vermögen doch nicht genügend beschirmen würde? Wie, wenn selbst ein gräflicher Cavallerie-Officier als Schwiegersohn kein ausreichender persönlicher Schutz wäre?" Und dieser unheimliche Gedanke träufelt Wermuth in ihren Kelch voll Röderer extra dry. (Heiterkeit und Beifall.) Schwarze Gedanken dieser Art suchen sie öfter heim, als sie vor anderen merken lassen. Sie machen verzweifelte Anstrengungen, um sie zu unterdrücken. Sie belohnen mit der Freigebigkeit morgenländischer Herrscher ihre Leibastrologen und Hofnarren, die ihnen die dunklen Nachtfalter von der Stirne scheuchen und sie mit fröhlichen Weissagungen und schmeichelnden Witzchen in Sicherheit lullen. Ihre ganze Wuth dagegen — die Wuth jedes Trojervolkes gegen jede Kassandra! — richtet sich gegen die Zionisten, die laut aussprechen, was siesich nicht leise zu gestehen wagen, und die ihnen zwischen den praerafaelitischen und impressionistischen Gemälden an der Wand ihrer blendenden Salons das flammende Mene Tekei zeigen. . Das ist das ganze Geheimnis der Feindschaft vieler jüdischer Finanzgrößen gegen den Zionismus. In der Gegenwart fühlen sie den Antisemitismus sehr wenig oder gar nicht. Bor der Zukunft verschließen sie krampfhaft die Augen oder hoffen, dass neue Katastrophen, die etwa über das Judenthum Hereinbrechen mögen, sie nicht mehr als Juden antreffen werden. Sie haben jede Zusammengehörigkeit mit dem jüdischen Volke gelöst und sind grimmig empört über die Zionisten, die wieder ein Band um alle Nachkommen Abrahams zu schlingen unternommen haben. Sie meinen, der Antisemitismus, wenigstens soweit er sie berühren kann, werde von selbst aufhören, wenn erst der letzte Jude des Westens sich getauft hat und den Juden des Ostens der Einlass in die judenrein gewordenen Länder des Westens verweigert wird, und sie behaupten, dass wir es sind, die den guten harmlosen Antisemiten böse Gedanken einflüstern, indem wir sagen: „Es genügt, dass irgendwo in der Welt rechtlose, unterdrückte Juden leben, um den Antisemitismus nicht bloß dort, sondern überall zu erhalten, und es genügt, dass der Antisemitismus lebendig bleibt, um die bloße Taufe, wenigstens für die ersten Geschlechtsfolgen, zu einer ungenügenden Juden-Schutzmaßregel zu machen." Und selbst diejenigen antizionistischen jüdischen Millionäre, die wir nicht beschuldigen dürfen, dass sie die feige Flucht aus dem Judenthume vorbereiten, die sich thatsächlich noch ein Fünkchen jüdischen Gefühles unter dicken Aschenschichten bewahrt haben, selbst diese besseren Leute sind entrüstet über uns. Weshalb diese? Aus einem menschliche» Grunde, den wir ihnen nachfühlen können und deshalb nicht brandmarken, sondern mitleidig nachsichtig belächeln wollen. Der Zionismus fordert eine Anstrengung von ihnen, und weshalb sollen sie denn eine Anstrengung machen? Das haben sie ja gar nicht nöthig. Der Zionismus unterbricht das Behagen ihrer Denkgewohnheiten. Das braucht sich doch ein reicher, zufriedener Mann nicht gefallen zu lassen. Wir entschuldigen unser Attentat auf ihre Lebensidylle mit dem Hinweise auf die Leiden unserer Brüder im Osten. Ja, in Dreitenfelsnamen, weshalb leiden denn diese unglücklichen Brüder nicht weiter ergeben, und namentlich schweigend, wie alle die Zeit her, damit auch die glücklichen Stammgenosscn weiter, wie bisher, gute Juden bleiben können, ohne von den zionistischen Quälgeistern fortwährend gestachelt und gespornt zu werden? Ach, die armen Reichen dieser Kategorie ahnen nicht, welche geheime Charakter-Eigenthümlichkeit ihre Haltung uns offenbart. Sie leiden an der greulichen jüdischen Erbkrankheit, die das Goluth in unserem Stamme erzeugt hat und unterhält: an der Schnorrsucht. (Heiterkeit.) Sie, die großen Millionäre, verlangen von den Hungerleidern des Ostens das Almosen ihrer eigenen Ruhe. Sie, die Ueberreichen, betteln bei dem Aermsten der Armen „Schenke mir den ungetrübten Genuss meiner Renten, indem Du mir Deine Hoffnung zum Opfer bringst!" Der arme Jude hat ein bekannt gutes Herz.. Diesmal aber muss er die Sammelbüchse vorübergehen lassen, ohne die milde Gabe einzuwerfen, die seine Millionäre von ihm verlangen: seine Erlösung. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir haben auch die Protestrabbiner gegen uns. Soll ich diese Leutchen gleichfalls eines Wortes würdigen? Meinethalben. Ich will es im Vorübergehen thun. Der Vollständigkeit halber. Was diese ehrenwerten Gemeindebediensteten sagen oder nicht sagen, das hat genau den nämlichen Wert. Ihre Bedeutung im Judenthume ist gleich Null. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Lehrer und Führer des Volkes sind sie längst nicht mehr. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Dem aufgeklärten Juden sind sie ein Spott, den strenggläubigen ein Aergernis. Ob sie selbst an irgendetwas, ausgenommen ihr Gehalt, glauben, das weiß ich nicht. (Lebhafter Beifall und Heiterkeit.) Ich habe auch kein Recht, es zu untersuchen, und übrigens geht die Sache niich auch gar nichts an. Dass sie es aber nicht verstanden haben, den Glauben in ihren Gemeinden zu pflegen und zu bewahren, das lehrt ein Blick in ihre verödeten Synagogen, wo das Minjan für den täglichen Gottesdienst in der Regel besoldet werden muss. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) In der jüdischen Menge haben sie die Kenntnis der hebräischen Sprache, der jüdischen Geschichte, Sitten, Bräuche nicht zu erhalten gewusst, so dass sie den jüdischen Ueberlieferungen ungefähr vollständig entfremdet ist. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Die jüdischen Reichen, die ihnen ibr Amt und Gehall geben, zeigen ihnen ironisch, was sie von einem Judenthnm halten, dessen Vertreter die Protestrabbiner sind, indem sie sich oder ihre Kinder der Reihe nach taufen lassen. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Jetzt machen diese wackeren Männer den Reichen dadurch ihren Hof, dass sie ihre salbungsvolle Stimme im Namen der jüdischen Religion gegen den Zionismus erheben. Berufenere als ich haben die jüdische Religion gegen diese unvermutheten Bertheidiger in Schutz genommen. Äon meinem Standpunkte eines jüdischen Freidenkers aus kann ich nur sagen: Dieser Zug, die Feindschaft gegen die echteste und tiefste Bewegung, die das jüdische Volk jemals gekannt hat, fehlte uns bisher im Charakterbilds der Protestrabbiner. Jetzt ist das Bild vollständig. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Wir haben ihnen für diese Befriedigung unserer ästhetischen Anforderungen an Einheitlichkeit des Charakters und unseres Bedürfnisses nach Folgerichtigkeit lediglich zu danken. §j zEs ist aber auch wieder eine Thatsache, vor der wir vergebens die Augen verschließen würden, dass uns aus' der jüdischen Arbeiterschaft heraus gleichfalls heftige Absagen entgegengeschleudert worden sind. Ei» Theil der jüdischen Proletarier stößt den Zionismus zurück und wirft sich leidenschaftlich, wie es dem jüdischen

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