Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 3 (1899)
- Issue
- 5 (3.2.1899)
- Article
- Strömungen im Judenthum
- Date
- 1899-02-03
- Page
- 3 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die A Welt“ ^eite 3 Nr. ö Officier, der Professor, der vom Zionismus gehört hat — denn das haben unsere Feinde mit allen ihren Künsten nicht zu verhindern vermocht — fragt den jüdischen Millionär, mit dem er verkehrt: „Was ist denn das mit dem Zionismus?" — und erhält als Antwort entweder ein verächtliches Achselzucken oder die lächelnde Auskunft: „Eine Narrheit einiger obscurer Scribler, die von sich reden machen wollen, und einiger russischer Juden, die nichts anderes sind, als verkappte Nihilisten." Kein Wunder, dass die Frager sich mit dieser Aufklärung bescheiden und uns dann in dem Lichte sehen, in dem die jüdischen Millionäre uns ihnen zeigen. Es wird uns nicht oft Gelegenheit geboten, die gefälschte Meinung zu berichtigen, und es ist der zionistischen Bewegung, namentlich in ihren ersten Wegstrecken, natürlich sehr hinderlich, dass sie von den christlichen Kreisen nicht recht gewürdigt wird, deren Wohlwollen für sie ungemein wichtig wäre, und auf deren Wohlwollen der Zionismus bestimmt rechnen könnte, wenn die christliche Welt über ihn besser unterrichtet wäre. Die jüdischen Millionäre — um es nicht immer wieder- 'holen zu müssen, betone ich nochmals, ein für allemal: es ist wohl verstanden, dass ich hier immer nur von ihrer Mehrheit, vom Durchschnitte der Gattung spreche, dagegen sehr wohl weiß, dass es unter ihnen eine Minderheit von durchaus achtunggebietenden Ausnahmen gibt — die jüdischen Millionäre, sage ich, haben kein Recht, im Namen des jüdischen Volkes zu sprechen, denn sie kennen es nicht und haben keine Fühlung mit ihm. Alle ihre Aeußerungen über den Zionismus sind deshalb rein persönliche Meinungen, die bloß das Gefühl der Sprecher selbst und ihres engsten Gesellschaftskreises ausdrücken. Dass die jüdischen Finanzgrößen aber keine Zionisten sind, das ist verständlich. Ihr Reichthum gewährt ihnen alle Befriedigungen, die man sich um Geld verschaffen kann — und es gibt heutzutage nur sehr wenig Befriedigungen, die nicht ihren Marktpreis haben. Weshalb sollten sie Zionisten sein? Um ihre materielle Lage zu verbessern? Das haben sie nicht -nöthig. Um einem geschichtlichen und sittlichen Ideal zu dienen? Sie haben kein Ideal, nnd die bloße Nennung dieses Wortes genügt, um ihre Heiterkeit oder ihr Mitleid zu erregen. Um der Beschimpfung nnd Verfolgung zu entgehen? Sie leiden nicht darunter. Für sie besteht nämlich der Antisemitismus thatsächlich nicht. Sie gehören zu den bevorrechteten Ständen. Sie werden vom Staate mit Orden, Adelstiteln, Berufungen ins Herrenhaus ausgezeichnet. Sie betrachten sich als Mitglieder der Aristokratie, und diese lässt den Anspruch gelten. Der christliche Aristokrat sieht im jüdischen Millionär ein verkörpertes Vermögen, eine Ziffer aus zwei Beinen, und vor einer Ziffer hat jeder Realist Achtung. In Geldsachen hört, wie die Gemächlichkeit, so das Rassenvorurtheil auf. (Lebhafter Beifall.) Aber noch mehr! Der christliche Aristokrat findet, trotz seines grundsätzlichen Antisemitismus, den jüdischen Millionär, mit dem er, gesellschaftlich verkehrt, auch als Menschen ganz nett und lässt ihn dies häufig durch eine ausgesprochen sympathische. Behandlung fühlen. Das ist psychologisch leicht zu erklären. Der christliche Aristokrat wirbt häufig um eine Stelle im Verwaltungsrathe der Bank seines jüdischen Freundes nnd um die wohlgefüllte Hand seiker Tochter. Ans einem natürlichen Bedürfnisse der Selbstachtung überredet er sich, dass der Mann, dessen Geld er unter verschiedenen Rechlstiteln annimmt, ja eifrig sucht, auch an und für sich, abgesehen von seinem Vermögen, ein wünschenswerter Umgang für ihn sei. Denn er müsste sich ja vor sich selbst schämen, wenn er sich zu bekennen hätte, dass er in dem umschmeichelten Vorsitzenden der großen Bank, in dem Vater der heiratsfähigen Millionenerbin nur den Bündeljuden in Salonausgabe sieht (Lebhafter Beifall) und ihm alle die Gefühle widmet, von denen sein antisemitisches Herz voll ist. Man muss schon ein Cäsar sein, um zu sagen: J>ioii ölet, „Es riecht nicht" — für die Damen, die noch nicht Lateinisch verstehen. (Lebhafte Heiterkeit.) Dieser Cynismus großen Süles in der Geldgier ist zu imperatorlsch für gewöhnliche Edelleute. Der christliche Aristokrat, der nach Judengeld strebt, hält sich vor der Welt und vor sich selbst für verpflichtet, dieses Geld vorher durch ein Achtnngsbad für die Größjuden zu reinigen. (Lebhafter Beifall.) Ich bin deshalb durchaus zu glauben geneigt, dass die jüdischen Millionäre aufrichtig sind, wenn sie sagen: „Antisemitismus? Was ist das? Das gibt es ja gar nicht!" Das ist höchstwahrscheinlich in den meisten Fällen keine gespielte Naivetät, sondern echte. Sie fühlen keinen Antisemitismus! Und wenn andere Juden ihnen versichern, dass sie ihn wohl fühlen, so wissen sie ein unfehlbares Mitel, ihm zu entgehen: Der Verfolgte braucht bloß Millionär und Bäron zu werden, dann hört die Verfolgung sofort auf. (Lebhafte Heiterkeit und Beifall.) Das ist ihre Lösung der Judenfrage. Wir müssen zugeben, dass diese Lösung auf den ersten Blick eleganter, angenehmer, wünschenswerter scheint, als die zionistische. Wir werden die betreffenden jüdischen Millionäre aber wahrscheinlich in Erstaunen setzen, wenn wir ihnen sagen, erstens, dass ihre Lösung der Judenfrage nicht jedem Verfolgten zugänglich, zweitens aber, dass sie keineswegs eine so endgiltige ist, wie sie scheint. Das Judenthum war in den Ländern des Westens im Absterben begriffen. Taufen, Mischehen, Freidenkerthum lichteten seine Reihen, und der Augenblick konnte annähernd vorherbestimmt werden, wo es sich vollständig würde aufgelöst haben. Zwar hätte dies noch nicht nothwendigerweise sofort den Tod des Judenthums selbst bedeutet, denn im Osten starb es nicht so rasch, und die Gefahr bestand immerhin, dass der Auflöstmgsvorgang durch das Einströmen frischen jüdischen Blutes aus dem Osten aufgehalten worden wäre. Allein, gegen diese Gefahr konnte man sich schützen. Ein gutes kleines Verbot der Einwanderung ausländischer Inden hätten die jüdischen Millionäre mit ihrem Einflüsse wohl schon durchsetzen können, und wahrscheinlich würden sie die Regierungen nicht lange darmn haben bitten müssen. Unter dem Schutze einer strengen Grenzsperre, über deren unerbittliche Durchführung die Großjnden scharfäugig gewacht hätten, wäre das Uebel des Judenthums dann allmählich erloschen. Das ist die Methode, die sich auch gegen Seuchen bewährt hat. Zwar will der heutigeAntisemitismus auch von der langsamen Schmelze und Versickerung nichts wissen; aber die Großjudeu glauben ja an ihn nicht oder halten ihn für eine vorübergehende Erscheinung. Der Zionismus macht nun diesen klugen Plan zunichte. Lebende ausländische Juden kann man ans den Ländern des Westens ausschließen, Gedanken nicht. Dringt aber der zionistische Gedanke erst in eine Judenschast ein, so will sie nicht länger sterben, dann verjüngt sie sich von innen heraus, auch ohne fremden Zufluss. Dann gibt es wieder Juden, sie werden wieder bemerkt, man nimmt auch an den jüdischen Millionären wieder ihre Eigenschaft als Juden wahr, man glaubt ihnen nicht länger, dass sie gute Arier sind, wie alle anderen Arier auch, und das ist widerwärtig . . . Hier haben Sie das große Verbrechen des Zionismus. Die gewissen Millionäre hatten geduldig, leise, schlau das Kabel, das sie an das Judenthum knüpfte, fast ganz durchs gesägt und hiengen nur noch an einem schwachen jüdischen Faden, den eine letzte, geringfügige Anstrengung abgerissen hätte. Da schreit der Zionismus über alle Dächer: „Es gibt ein Judenthum! Wir sind eine Rasse! Es gibt leider auch einen Auswurf des Judenthums, aber selbst dieser Auswurf ist noch jüdisch. Das ist zwar unser Schmerz, aber wir können es nicht ändern." Wir schlagen, ohne es zu wollen, Angeln mit Widerhaken in das Fleisch der feigen Ausreißer und binden sie wieder an das Judenthum, wovon sie, in aller Stille loszukommen hofften. Sie wollen untertauchen und der Zionismus legt sich ihnen wie eine sonderbare Verbindung von Schwimmgürtel und Zwangsjacke um den wohlgenährten Leib. (Lebhafter Beifall und Händeklatschen.) Der Zionismus unterbricht die Verjährung der Rechtsansprüche