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Die Welt · 1897-11-26 · 26 (26.11.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
26 (26.11.1897)
Article
Präzionistische Gestalten
Date
1897-11-26
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. Mr. 26. Und bezeichnend genug, gerade einer der hervorragendsten und liebenswürdigsten deutschen Rcchtslehrer, der in Leipzig frühzeitig gestorbene Otto Stobbe, der Verfasser des Werkes „die Juden in Deutschland", war ihm in Breslau ein hkngebender Freund geworden; er hatte sich am unablässigsten bemüht, dem jüdischen Geschichtsschreiber die Lehrkanzel an der schlesischen Hochschule zu bei schaffen. Sonderbarer Wechsel der Zeiten! Der unbedingt arische Stobbe wußte, daß Grartz ein Nationaljude war, und fand darin doch keinen Grund, die Gelehrsamkeit und den Scharfsinn des Freundes für die deutsche Wissenschaft ungenützt zu lassen. Allerdings, dies war vor siebenundzwanzig Jahren, und seitdem hat sich so Vieles geändert! Welcher Slobbe setzt sich heute für die Berufung Hermann Cohens von Marburg nach Berlin ein, der ebenfalls einst in Breslau bei Gractz in die Lehr«' ging, dann zum ersten heutigen Kantianer in Deutschland emporwuchs und gleichwohl ein unerschrockener Bekenner geblieben ist?' Vor jenen siebenundzwanzig Jahren also, und etliche Zeit früher und spater, schwelgten die deutschen Juden nn Hochgefühle ihres jungen Staatsbürgerthums; in jedem digital ijch beschäftigten jüdischen Gcrichtsassessor sahen sie einen Justizminifter der nächsten Zukunft, jeder jüdische Bicefeldwebcl galt ihnen als Vorbote und Bürge baldigster definitiver Assimilation. Wie kurz der Taumel war! In Breslau, wo die Universität und das Rabbincrseminar, das erste und damals einzige in Deutschland, neben einander bestanden, trat diese Hoffnungsseligkeit besonders deutlich zu Tage; es war gewissermaßen eine geistige Brücke zwischen dem Oderufcr, wo die Universität, und der Wallstraße, wo das Seminar sich befindet. Jacob Bernays und Hirsch Graetz lehrten hier wie dort, die Seminaristen theilten ihre Lehrzeit zwischen den Hörsälen dort und hier. Ein tonangebender Lehrer der Universität, der Hegelianer August Braniß, war Jude von Geburt, aus einer kleinen Posener Gemeinde stammend, hatte aber nach seiner Taufe die Vehemenz der Ueberläufer stets von sich ferngehalten und war mit seinen Brüdern im nahen Hcimatsorte,orthodoxen Talmudlehrern, in verwandtschaftlichcln Verkehr geblieben. Gractz, der seit dem Jahre 1854 am Seminar jüdische Geschichte und neben dem greisen Zacharias Frankel auch talmudische Exegese traktirte, war keiner von den vielen Hoffnungsseligcn; mit kaustischem Lächeln sagte er einmal zu einem begabten jüdischen Studenten der Jurisprudenz: „Wenn Sie Justizminister werden, so behandeln Sie nur die Juden auch recht gut." Wie konnte er auch vergessen haben, daß er aus dem winzig kleinen posenschen Judenstädtchen Lions herkam, wo bis zum Jahre 1848 ein specicllcs Judcngesctz die Sonderung zwischen Christ und Jude auf das Eindringlichste fühlbar gemacht hatte. Und wenn man ihn nun so sah, eilends durch die Straße gleitend oder zu einer bestimmten Nachmittagsstunde in einer Conditorei — Fischer und Basch, meine ich, hieß sie -r die Zeitungen durchblättcrnd, so hatte man das vollkommene Bild eines Ghettogeborenen, der nicht entfernt daran dachte, zu verleugnen, von wannen er kam und wohin er ging. Zwar der Vollbirt und das kurzgelocktc Haupthaar zeigten ein leichtmelirtes Blond, aber von der mittelgroßen schmalest, eckigen Gestalt beugte der Kopf sich nach vorne, aus dem gelblich-weißen Gesichte funkelten hinter Brillengläsern klein?, hurtige, graue Augen, und die hastige Rede hatte bei aller witzigen Dialcctik etwas Scheues, Verhaltenes, Tonloses, wie etwa die eines Gheltojuden von einst, wenn er unter die Leute jenseits seines Pferchs gerieth. Den „Bocher" konnte Graetz nie von sich abstreifen. Er selbst erzählte gelegentlich im Gespräche, wie im Jahre 1848 an der Unzulänglichkeit seiner Redekunst seine Candidatur um ein demokratisches Mandat in der preußische» Nationalversammlung gescheitert war, und wie er aus dem gleichen Grunde auch die von ihm eingeschlagcne Prediger-Laufbahn rasch verlassen hatte. Daran knüpfte er wohl die allgemeine Betrachtung, daß der Druck, der vor dem Jahre 1848 auf den Juden im deutschen Osten lastete, in Gemeinschaft mit der eigenthümlichen talmudiicheN Sprechmethode, die Entwicklung öffentlicher Beredtsamkeit unter ihnen verhindert habe. Und richtig ist, daß die jüdffchen Redner der vor- und nachmärzlichenZcit nicht aus dem Osten stammten; Gabriel Riesfer, der hinreißend redegewaltige Viccpräsident der Pauls-Kirche, war ein Hamburger, Abraham Geiger ein Frankfurter, Isaak Mannheimer war aus Schweden. Doch wenn man erwägt, daß Eduard Simsou, der elastische Parlamentsrcdner, die beiden Brüder Heinrich und Ludwig Simon, die ausgezeichneten Sprecher der Frankfurter und Berliner Nationalversammlung, und nach ihnen Ferdinand Lassalle, allesammt geborene Juden, von Königsberg und Breslau kamen, so ist doch wohl wesentlich die Beschäftigung mit dem Talmud von frühester Jugend auf allein schon hinreichend gewesen, um die Kunst der Rede nicht aufkommen zu lassen. Nicht, als ob die Beschäftigung mit dem Talmud die Beredtsamkeit überhaupt erstickte; nur eben die Kunst der öffentlichen Rede wird durch sie erdrückt. Ein Pjchat, eine Dräsche werden anders gesprochen, als ein politischer Speech oder ein academischer Festvortrag. Das ist ein wahrer Wirbcltaiiz von Syu- und Antithesen, von Prämissen und Einwendungen, von Schlüssen und Syllogismen, begleitet von einer stereotypen anf- und niedergehenden Sprcchmelodie, von Bewegungen des Kopfes und der rechten Hand, welche die dialcctische Wirkung verstärken. Die vier großen Rabbiner deS Ostens, deren Lehreinfluß sich noch bis zum Jahre 1848 erstreckte, Rabbi Akiba Egcr in Posen, der Rabbi von Lissa, Rabbi Mordochai Benet in Nikolsburg und Rabbi Moses Sofer in Prcßburg, waren allesammt keine Redner, sondern Schul Häupter im alttalnmdischen Sinne. So war auch Gractz auf das Forschen und Finden in der Studirstube hingcwicsen; daß er aber darüber die Fühlung mit dem öffentlichen Leben nicht verlor, dafür sorgte die immense Vielseitigkeit seines Geistes. Freilich, der Mann, der in der Politik sich stets auf der Seite des fortgeschrittensten Freisinns befand, bedurfte der Illusion der Assimilirung nicht und er hat sich ihr auch niemals hingegeben; er war aber gleichwohl tief verbittert über ihren vollendeten Bankrott, als die antisemitische Brutalität sich mit ihrer Agitation der Massen bemächtigte und in der Gesellschaft, in den Kanzleien der Burcaukraten mit reißendem Erfolge Proselyten fand. Nicht lange vor seinem Tode — er starb im Jahre 1891 — war Graetz in Wien. Irr den Runzeln seines Gesichtes, in seiner tiefgebeugten Gestalt offenbarte sich der nagende Seelenschmcrz; cs war innerlich in ihm etwas zerbrochen, man las es aus seinem traurigen Auge, wie man cs auch aus dem Blicke Berthold Auerbachs gelesen hatte, der im Jahre 1848 ebenfalls in Breslau untergekommen und später unter dem Zusammenbruch seiner dcutschnationalisirenden Hoffnungen buchstäblich hingesiecht war. In Breslau war der Antisemitismus ja besonders früh und besonders wild aufgeschossen und über der Pforte deS Zwingers, der kaufmännischen Ressource, hatte er vor fünfundzwanzig Jahren schon die Afsichc angcheftct: „Juden und Hunden ist der Eintritt verboten". Aber tapfer und zuversichtlich war Graetz trotz alledem geblieben: in den Pelz gehüllt, schlotternd, mit tief gesenktem Haupte, schritt damals der fast siebzigjährige Mann an einem Spätherbstabcnde neben mir, der ich ebenfalls vorübergehend in Wien weilte, auf der Ringstraße, und was er sprach, war halb geknirscht und halb — gcjubelt. Ich habe mir nichts ausgezeichnet, aber noch heute ist in mir der Eindruck jenes Gespräches lebendig, dem er immer wieder die Wendung gab: Nun werden wir doch endlich cinsehen, daß wir zusammen gehören, daß wir auf Niemanden als auf uns selbst angewiesen sind, daß keine Verfassung und kein Gesetz uns gewährleisten können, was wir uns nicht, als geschlossener Stamm kämpfend, selbst erstreiten. Und was seine Schüler, die Güdemann und Vogclstcin, Rahmer und Guttmann auch sagen mögen, das nationaljüdische Bekenntnis ihres Lehrers, der sie alle überragte, werden sie nicht in Frage stellen. Es ist nicdergclegt in dem großen Werke seines Lebens. Er hat forschend und suchend, ahnend und findend mitgclitten, was durch die Jahrtausende der Geschichte an den Juden verübt worden, und man hat

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