Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 26 (26.11.1897)
- Article
- Präzionistische Gestalten
- Date
- 1897-11-26
- Page
- 5 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite 6. Ult. 26. nur zu lesen, wie er sich mit der großen Rabbinerversammlung der Bierzigerjahre abfand, um zu erkennen, wie wenig ihn die Reformarbeit zum Zwecke der Amalgamirung befriedigte. Irre ich nicht, so stammt von ihm das Witzwort iibcr Hermann Holdheim, den ersten Berliner Judenreformer posenscher Herkunft, der an einem Fußübel starb. „Er ist zu weit gegangen", lautete das Wort. In jenen Tagen, als ich des persönlichen Verkehrs mit Graetz mich zu erfreuen hatte, war Abraham Geiger der Rabbiner der Breslauer Gemeinde; zwischen ihm, der. kaum einige hundert Schritte entfernt, auf der Reuschenstraße wohnte, und dem Rabbinerscminar war von persönlicher Beziehung nicht die Rede und es ist schwerlich ein Trug meiner Erinnerung, wenn ich glaube, daß damals das Seminar noch des jüdischen Nationsbewußtseins voll war, während Geiger mit gewaltiger Beredtsamkeit dasselbe bekämpfte. Das breite Pathos Geigers und die Skepsis des kaustischen Graetz stammten aus verschiedenen Welten. Wer von Beiden recht behalten hat, kann heute nicht mehr streitig sein. Und auch dies steht mir wenigstens außer Frage, daß Graetz gegen den Zionismus, in dem lebendig geworden ist, was seine Seele bewegte, gewiß nicht protestirt haben würde. Er war der demokratische Weltbürger, der, ohne seine nationale Herkunft zu verleugnen, sich doch nimmer auf dem Wege einer politischen Generatio aequi voca in die Haut einer Nation umgcdacht hätte, die nicht die seine war. Stets ist es mir charakteristisch erschienen, daß er seinem großen Werke den Titel: „Geschichte der Juden" gab, nicht, wie es fein Vorgänger Jost gethan hatte, den Titel: „Geschichte des Judenthums". Er hat dadurch zweifellos andeutcn wollen, daß er die Juden als Nation, nicht blos als eine religiöse Gemeinschaft anschaute. Und wenn er heute noch lebte, so würde er, denke ich, den Prvtestrabbinern, welche einst zu seinen Füßen gesessen, in heiligem Zorne zurufen: „Der Zionismus zeigt den Juden den Weg zur Heimkehr, er ermuthigt sie zu dem Glauben, daß auch sie wieder bei sich zu Hause sein werden auf eigener Scholle; nehmt ihr dem armen, recht- und besitzlosen Juden auch diese Hoffnung noch, was bleibt ihm?" Der Iusttzirrthum Dreyfus. (Schluss.) Zur Zeit des Processes terrorisierten die Antisemiten in ihrer Weise die Regierung und die Majorität des Parlaments. Die Erinnerung an die Panamaaffaire war noch frisch in aller Gedächtnis. Bei jedem Anlasse drohten die Antisemiten mit dem Schreckgespenst der „gewissen kleinen Papiere." Alle Welt im Parlament und anderswo hielt Drumont für den Verwahrer eompromittierender Documente. Man zitterte vor Drumonts Blatt, der „Libre P arole", und hat übrigens auch jetzt noch nicht aufgehört zu zittern. Die Gesellen, die daran das größte Interesse haben, Dreyfus zu verderben, wahrscheinlich um den wahren Schuldigen zu retten, nützten diese Verwirrung der Geister reichlich aus. Die Antisemiten bemächtigten sich der Angelegenheit und ließen sie nicht mehr aus den Händen. Ja noch mehr! Die anderen Journale, die nicht gerade professionsmäßig den Antisemitismus betreiben, aber gerne eine Gelegenheit benützen, hie und da einen Juden zu verspeisen, auch diese machten die Affaire Dreyfus zu einer jüdischen. So war beispielsweise der Artikel, den Herrn Judet im „Petit Journal" veröffentlichte, von viel größerer Wichtigkeit als die Artikel der anderen Journale. Er verdankte diese Tragweite dem Journal, das ihn publicierte und das nicht für ein antisemitisches Organ galt, da ja die Anwesenheit eines Juden im Verwaltungsrathe, und zwar an einer der höchsten Stellen, natürlich einen solchen Gedanken nicht aufkommen ließ. So schuf man von allem Anfang an eine öffentliche Meinung voll Verblendung und Voreingenommenheit. „Nur ein Jude kann einen Verrath begehen, er ist es, den man der Rache aller ausliesert, er dem man alle Verbrechen und Schandthaten vorwirft; seine Zugehörigkeit zum Judenthum ist es, die ihn des Verrathes angeklagt, die allein ein Volk darüber trösten kann, dass es verrathen worden ist. „Einige Tage später nur war es, nachdem die Verhaftung des Capitain Dreyfus bekannt wurde, dass alle die Ausbrüche der Leidenschaft folgten, damals, als man noch nichts wusste, noch nichts wissen konnte, damals, als im Wettstreit der Neuigkeiten und sensationellen Angaben die krankhaft erhitzte Phantasie der Reporter die extravagantesten und unwahrscheinlichsten Geschichten erfand, durch welche der Chauvinismus erregt und der gesunde Sinn der Leser belhört wurde. Man kannte nicht einmal die Anklage und doch wurde nicht einmal gemuthmaßt, dass der Angeklagte unschuldig sein könnte. „Niemals", sagt Bernard Lazare mit Recht, „zeigte sich eine solche Erbitterung, solche Ausbrüche der Leidenschaft. Die Presse und das Publikum gewähren dem, der diese vergangenen Vorfälle an sich vorüberziehen lässt, das Schauspiel einer Horde von Wilden, die einen greulichen Tanz um den Marterpfahl herum aufführen, an dem ein unglücklicher Mensch angebunden ist. Man verlor zu der Zeit nicht nur die Vorstellung der Gerechtigkeit, sondern auch die des ganz gewöhnlichen Verstandes, indem man einem Capitain des Generalstabes zumuthete, alle Geheimnisse der Landesvertheidigung zu kennen, indem man zuglauben schien, dass er die Sicherheit der Nation, das Leben aller in seiner Hand hielt und sie auslieferte, und dass sein Tod allein einen jeden von aller Angst und schrecklichem Alpdrücke befreien könne. Man steht förmlich verwirrt einer solchen Verirrung gegenüber, die ohne Beispiel ist und die man nie sich derartig verbreiten gesehen hat bei der Nachricht von irgend einem Berrathe, und möge er auch noch so ungeheuerlich gewesen sein. Und diese Bethörten hatten Angst, dass ihnen vielleicht ihr Opfer entkommen könnte. Während der Untersuchung wollten sie Unterströmungen sehen, Fallstricke bemerken und Einflüsse aller Art. Man will den Verräther retten, weil er ein Jude ist, so hörte man immer wieder sagen, und doch wusste man ja noch nicht, ob er wirklich ein Verräther sei. Ein Brief der damals im „Petit Journal" erschien, ist diesbezüglich sehr charakteristisch. Noch vor der Verurteilung des Capitain Dreyfus schrieb ein Leser des „Petit Journal" diesem Blatte folgendes: „Was die Bestrafung der Verräther in China betrifft, deren schreckliche Strafe sie uns miltheilen, machen sie den Zusatz : „In Frankreich haben wir für die Verräther die öffentliche Degradation und die Kugel. Das genügt auch." O nein, das genügt ganz und gar nicht. Weg mit solcher Weichherzigkeil! Man hat leider zu viel davon in Frankreich bei den Verbrechern und insbesondere bei den gemeinen Lumpenkerlen, welche ihr Vaterland verkaufen! Die Strafe ist zu gering. Wenn ich sein Richter wäre, ich, der ich einem Thiere nicht das geringste Leid anthun kann, ich würde ihn zuerst, wie ein wildes Thier, in einen eisernen Käfig sperren und ihn darauf an der Front mehrerer Regimenter im Marsfelde vorübeiführen lassen. Dort müsste ihm jeder Officier ins Gesicht spucken. Dann erst die öffentliche Degradation und die Kugel. Ich wiederhole nochmals, man tst zu milde mit den Verrätbern in unserem Vaterlande." „Sicherlich", sagt Bernard Lazare voll Trauer, „weiß man, dass die menschliche Bestialität ohne Grenzen ist. Wer aber wird nicht die Schamröthe ins Antlitz steigen fühlen, wenn er diese Wildheit sich so offenbaren sieht, ohne dass diejenigen, welche die Ersten sein sollten, sie in Schranken zu halten, ein Wort des Tadels für sie zu finden gewusst haben! Sie haben sie ganz im Gegentheil noch willkommen geheißen, sie haben sie gebilligt. Noch mehr! Gerade sie sind es, die sie zügellos gemacht haben! Sie sind es, die diese Menge bethört haben, die vor Furcht zitterte bei der Idee, dass sie verkauft worden sei, diese Menge, die bald darauf dem unschuldigen Capitain Dreyfus die furchtbaren Worte zubrüllen sollte: „Ins Wasser mit ihm. Nach Satory! Tod dem Juden!" ein schreckliches Echo des uralten Haffes, der in den dunklen Tiefen des Bewusstseins und des Herzens bis dahin geschlummert hatte. Aber das genügte noch nicht, fügt Bernard Lazare hinzu. Man organisierte solche Kundgebungen, die noch tiefer auf die Gemüther einwirken sollten. In Algier wurden antisemitische Meetings abgehalten, böi welchen man verlangte, dass gegen den Capitain Dreyfus und die Juden eine strenge Justiz walten solle. Man verbreitete Gerüchte, ganz geeignet, die Leidenschaften aufzupeitschen. Der Kriegsminister, sagte man anfangs, ist der Diener der jüdischen Finance. „Die Juden hören nicht auf zu intriguieren, um Dreyfus zu retten", schrieb die „Libre Parole" vom 7. November. „Schließlich ist es das Großjudenthum, welches den Capitain Dreyfus, ganz im Widerspruch mit den Absichten seiner Vorgesetzten, ins Kriegsministerium gebracht hat. Es ist noch sehr fraglich, ob die Juden nicht Dreyfus absichtlich in die Stellung brachten, die er im Generalstab einnahm, in der geheimen Hoffnung, dass er eines Tages das thun werde, was er nun wirklich gethan Hai." Und die P a 1 r i e und alle die „patriotischen" Journale wiederholten diese Ausführungen. Sie wiesen auf die Corruption hin, die sich überall hin erstrecke, über die Räume des Generalstabes, über die Richter des Kriegsgerichtes, über alle dje, welche, mehr oder weniger in diese Affaire verwickelt sind, t, i j r ' i