Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 20 (15.10.1897)
- Article
- Pariser Brief
- Date
- 1897-10-15
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6. Nr. 20. hat, zwischen der radicalen und jacobinischen Republik einerseits und der liberalen, progressistischen anderseits entbrannt. „Es würde zu nichts führen", sagte der Minister des Innern, „es zu verhehlen, daß die Unterschiede, welche die Republikaner von einander trennen, sich von nun ab weniger auf Fragen der Durchführung und der Taktik beziehen, als vielmehr auf die Principien und Doctrinen selbst". Die Antisemiten — ich spreche von denen des Parlaments — wie z. B. d'Hugues, der Abbe Guerand u. s. w. gehören der äußersten Rechten an. Sie sind auch Revolutionäre, obwohl sich ihre Revolution ganz deutlich von derjenigen der äußersten Linken unterscheidet. Die Socialisten sehen das Uebel in der Herrschaft des Capitals, die Antisemiten geben vor, es darin zu finden, was sie als jüdisch-freimanrerische Herrschaft bezeichnen. Die Ersteren sehen das Heilmittel in der socialen Revolution. Die Letzteren finden, daß es genügen wird, das Vermögen der Juden zu confiscircn, um in Frankreich die allgemeine Wohlfahrt herbeizusühren. Das letzte Ziel der Einen wie der Anderen ist die Revolution; die sociale für die Einen, die antisemitische für die Anderen. Die Antisemiten sagen sich, daß sie es wären, denen eine Revolution nützen würde, während die Socialisten sich wieder für ihre Partei in denselben Hoffnungen wiegen. Unterdessen pacticren Socialisten und Antisemiten miteinander. Da sie aber im Lande eine Minorität sind, so vereinigten sie sich aus freien Stücken mit der großen radicalen Partei. Das zeigte sich zur Zeit, als die Radicalen am Ruder waren. Die radicale Partei strebt nicht nach einer Revolution, sondern einzig und allein nach radicalen Reformen. Sie rechnet aber mit ihren Kräften und weiß, daß sie ohne das Bündnis mit den extremen Parteien des Parlaments immer numerisch schwächer sein wird als ihre Gegnerin, die Partei der Gemäßigten, welche von der Rechten unterstützt wird. Indes hat sich das Bündnis zwischen Radicalen einerseits und Socialisten und clericalen Antisemiten andererseits bisher nur ein einziges Mal in Frankreich selbst in einem Wahlkampf manifestirt, bekanntlich bei der Wahl eines Senators in Bordeaux, wo die socialistische Candidatur gegen die gemäßigte durchdrang. Ist es nun zu erwarten, daß dieses Beispiel bei den nächsten Wahlen für die gesetzgebenden Körperschaften Nachahmung finden wird? — Ich weiß es nicht. Was aber bisher nicht in Frankreich realisiert wurde, das ist in Algier bereits Thatsache. Dort bilden Radicale und Socialisten eine einzige große antisemitische Partei, welche im Kampfe gegen die opportunistische Partei steht. Die antisemitische Partei wagt es nicht, sich mit ihrem wahren Namen zu nennen, in Anbetracht dessen, daß man sich auf einem wesentlich semitischen Boden befindet. So hat sie sich-also den Namen einer antijüdischen Partei beigelegt. Und weshalb sind denn die Radicalen Antisemiten geworden? Die Sache ist höchst einfach. Deshalb, weil es die Juden mit den Gemäßigten halten. Die Partei der Gemäßigten ist in Algerien sicherlich im Verfall begriffen. Vielleicht auch, daß sie im Parlament schlecht vertreten ist. Doch hier handelt es sich ja nicht um die Ursachen des Verfalles irgend einer politischen Partei' in Algerien. Es wird uns genügen, uns mit der Constatirung der Thatsache zu bescheiden. Was wir mit genügender Sicherheit sagen können, ist das Eine, daß der Kampf gegen die Juden Algeriens seinen wilden Charakter zum Mindesten verlieren würde, wenn die Juden für die Radicalen stimmen würden. Können wir es aber von unseren Brüdern in Algier verlangen, ins radicale Lager überzugehen? Sind wir denn sicher, daß sie nicht, sobald sie derartig abschwenken, die Partei der Gemäßigten gegen sich haben, das heißt, die Partei, welche gegenwärtig in Frankreich im Besitze der Macht ist? Können wir behaupten, daß der Liberalismus der Gemäßigten diesen nicht erlauben wird, Antisemiten zu werden? Und die Radicalen? Hindert sie etwa ihr Radicalismus, die heftigsten Antisemiten zu sein? Und dann. Mer weiß denn, ob nicht die gemäßigte Partei in einigen Jahren, wenn sie besser vertreten ist, ihren Einfluß und ihr politisches Ansehen von früher wiedergewinnt? Kann man die Inden auffordern, von einem Tag auf den anderen ihre Parteiangehörigkeit zu wechseln? Wie immer man es also ansehen mag — die Lage der algerischen Judenschaft ist wahrhaftig eine tragisch». Ist sie mit den Gemäßigten verbündet, so hat sie die Radicalen gegen sich; hält sie es mit den Radicalen, so wird sie zweifellos die-Gemäßigten gegen sich haben. Die Inden merken, daß sie in Algerien als Fremde behandelt werden. Es liegt eine Ironie von wahrhaft grausamer Art in diesem Titel eines Fremden, den man anf die Juden Algiers anwendet. Es sind noch nicht 70 Jahre her, daß Algier eine französische Colonie ist, während die Juden nach Zeugnissen von Geschichtsschreibern dort seit undenklichen Zeiten wohnen. Aber der Franzose ist Sieger, und Gewalt geht vor Recht. Das ist so ein Thema zum Nachdenken, das man unseren jüdischen Antizionisten empfehlen könnte. Wenn die Franzosen sogar auf afrikanischem Boden den Juden als Fremden behandeln, wie wird das erst in Frankreich selbst sein, wenn die politische Lage für die französischen Inden dasselbe unlösbare Problem schaffen wird! Nun denn! Der Kampf zwischen der radicalen und jakobinischen Republik, von dem ich oben gesprochen habe, könnte die Juden Frankreichs in dieselbe Lage bringen, wie die der algerischen Juden. O, cs ist gar nichts Unmögliches in dieser Hypothese. — Das ist genugsam bewiesen durch die Stellung der Radicalen der Hauptstadt gegen die Juden Algeriens. Haben es nicht die radicalen Journale gesagt, das Decret Cremieux, das die algerischen Inden allesammt emancipirte, sei „ein historischer Fehler" gewesen? Und die Radicalen des Parlaments? Waren sie es nicht, welche dieselbe Meinung von der Tribüne des Palais Bourbon herab verkündet haben? Und hat etwa die Regierung selbst gegen die Worte der Radicalen protestirt, gegen diese Worte, welche die Juden und das Decret Cremieux betrafen? Wenn ich hier von Radicalen spreche, handelt es sich nicht um die Vertreter der extremen Ansichten des Radicalismus. Der anonyme Verfasser der täglichen politischen Aussätze im „Eclair" ist ein früherer Präsident des Stadtrathes von Paris, ein Radicaler gemäßigter Richtung. Er ist es, der vielleicht am allerbestimmtesten und klarsten den algerischen Juden feindlich gesinnt ist. Hat endlich nach den Debatten über die Judcnfrage, welche im Jahre 1895 in der Deputiertenkammer stattfanden, nicht eben derselbe Verfasser in einem den Juden eher ungünstigen Sinne einen Artikel geschrieben, indem auch er ihnen andichtete, daß sie die größten Besitzer unrechtmäßig erworbenen Capitals seien, und daß das Volk von ihnen noch Rechenschaft fordern werde? Soll denn noch ein Artikel von Francois Cop pee Erwähnung finden, der eine Fluth von ungerechten und nicht zu rechtfertigenden Beschimpfungen über das Haupt der algerischen Juden schüttete und es dabei nicht unterließ, hinzuzufügen, -aß er keineswegs ein Antisemit sei? „Die Lage der algerischen Juden", sagte ein jüdischer Journalist, „verdient unsere Aufmerksamkeit nicht nur, weil es unsere Pflicht ist, unsere Brüder in dieser französischen Colonie zu vertheidigcn, sondern noch besonders deshalb, weil sie uns französischen Juden eine nützliche Warnung sein kann. Wenn wir die Thaten der Antisemiten dort unten in Betracht ziehen, so können wir daraus entnehmen, was uns in Frankreich an dem Tage erwartet, an dem unsere Feinde ihr Ziel erreicht haben werden". Was unser ausgezeichneter Glaubensgenosse nicht gesagt hat, das ist, daß die politische Lage in Frankreich die nämlichen Anzeichen aufweist, wie die in Algier, daß infolgedessen diese „nützliche Warnung" eine umso bedeutungsvollere Wichtigkeit