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Die Welt · 1897-10-15 · 20 (15.10.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
20 (15.10.1897)
Article
Pariser Brief
Date
1897-10-15
Page
5 (sequence 1)
Language
German
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Nr. S0. Pariser Brief. Bon rr Luvvipor. Man tauscht sich allgemein, wenn man behauptet, daß seit der Emancipation der Juden in Frankreich der Antisemitismus gänzlich verschwunden sei. Daist eine Behauptung, die sich auf den bloßen Schein gründet, die aber keineswegs aufrecht bleibt, wenn man der Sache genauer auf den Grund geht. Wahr ist nur, daß der Judenhaß in Frankreich während des XIX. Jahrhunderts über den Bereich der Literatur nicht hinausgekommen ist. Es ist dies eine Erscheinungsform, die M. Bernard Lazare mit Recht als „antisemitisme serLptnrairbezeichnet hat. Konnte denn übrigens der Judenhaß überhaupt aus der Seele des französischen Volkes gänzlich verschwinden? Doch keineswegs! Es gibt ja eine allgemeine Ursache, die den Antisemitismus immer und überall erzeugt — die Zerstreuung Israels nämlich. In Frankreich wird der Jude, geradeso wie überall in andern Ländern, als Fremder, als Eindringling betrachtet. Nach der Verkündigung der Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit konnten die Franzosen ihre Gefühle gegen die Juden nicht zu Thaten werden lassen, ohne einen Widerspruch zwischen ihren Ideen und Handlungen aufzuweisen. Diese Gefühle einer instinctiven Gegensätzlichkeit gegen uns, Gefühle atavistischen Ursprungs, muffen in einer Propaganda durch das Wort allein ihre Grenze finden. Wenn wir auch die clericale und ultramontane Presse gar nicht erwähnen wollen, die ja nie aufgehört hat, den erbittertsten Kampf gegen die Juden zu führen, welche sie für den allmählichen Niedergang der Autorität von Thron und Altar veranwortlich machte, können wir mehrere Schriftsteller von Ru^ namhaft machen, die im Laufe unseres Jahrhundertuns Juden in ihren Schriften sehr hart mitgenommen haben. Einige von ihnen haben uns ganz offen den Krieg erklärt, wie z. B. Toussenel in seinem Werke „Die Juden — die Könige unseres Zeitalters" und die Brüder Goncourt in ihrem Romane „Manette Salomon". Andere haben unS so nebenbei einen Klaps versetzt. Der unheilvolle Einfluß dieser Letzteren ist aber vielleicht noch größer als der der Ersteren, umsomehr, als selbst diejenigen französischen Schriftsteller, die für Freunde der Juden galten, nicht ganz von dem Vorwurfe freizusprechen sind, uns in einer oder der andern Art Uebles nachgesagt zu haben. Ein typisches Beispiel dafür ist Renan. Ja, selbst der große Renan! Indem er die These von der geistigen Inferiorität des jüdischen Volkes vertheidigte, hat auch er zweifellos zur antisemitischen Bewegung seinen Theil beigetragen. Ich habe das wenigstens ziemlich oft von Katholiken sagen gehört. Unbestreitbar ist es allerdings, daß es in Frankreich keine antisemitische Propaganda der That gegeben hat. So hat es z. B. keine Aufstände gegen die Juden gegeben, es sei denn, daß wir den Aufstand rechnen wollten, der im Jahre 1848 im Elsaß stattgefunden hat. Um den Schritt von der Theorie zur Praxis zu machen, mußte auch der Antisemitismus bei den Juden Algeriens beginnen. Der Antisemitismus in Algier verfolgte genau dieselbe Bahn, wie der in Oesterreich. Er bemächtigte sich auf dem Wege der Wahlen der Stadtverwaltungen. Von da aus sucht er allmählich in den Senat und in die Kammer einzudringen, in Erwartung des großen Wahlkampfes im nächsten Jahre, zu dem er sich energisch und mit Ungestüm vorbereitet. Ich will den Ausgang dieses Kampfes nicht Vorhersagen; aber ich wäre gar nicht erstaunt, wenn Drumont und seine Leute darin Sieger bleiben würden. Unterdessen ruft der Antisemitismus gegen die Juden in Algier Aufstände hervor, deren unheilvolle Folgen sich schon wiederholt fühlbar gemacht haben. Aber auch in Frankreich selbst macht der Antisemitismus Anstrengungen, um von den Worten zur That überzugehen. Für den Augenblick hat er da noch nicht übermäßig an Boden gewonnen, wahrend er dort unten, auf afrikanischer Erde, bereits den Sieg davon getragen hat oder zum Mindesten nicht mehrweit davon entfernt ist. Nun wollen oberflächliche Beobachter die Erfolge des Antisemitismus in Algerien der stillschweigenden Unterstützung zuschreiben, welche ihm bisher der Generalgouverneur der Colonie, M. Ca mb on, angedeihen ließ. Ohne die unheilvolle Rolle zu leugnen, die Cambon in der Entwicklung der antisemitischen Bewegung in Algier gespielt hat, glaube ich doch der Wahrheit näher zu kommen, wenn ich behaupte, daß. die Haltung des Gouverneurs eine directe Folge der Lage der Colonie war, wenigstens in politischer Hinsicht. Diese Lage war eine der wirksamsten Ursachen für die Fortschritte des Antisemitismus. In Algerien befinden, sich jetzt eben zwei große politische Parteien miteinander im Kampfe: Die Gemäßigten und die Radicalen. Die radicale Partei gruppirt um sich die Anhängeraller extremen Ansichten, des Socialismns, des Antisemitismus u. s. w. Wir werden sehen, wie diese radicale Partei nicht bloß ein Bündnis , mit den Antisemiten geschlossen hat, sondern wie sie selbst, und zwar vollständig, antisemitisch geworden ist. Nach dem Kriege von 1870/71 war die politische Lage durchaus nicht dieselbe wie heute. Man kennt ja den Schlachtruf Gambettas : „Der Clerialismus — das ist der Feind!" Die republikanische Partei hatte gegen die reactionäre zu kämpfen. Die eine wie die andere schied sich in Fractionen von verschiedener Färbung. Diese Fractionen waren aber alle miteinander einig, sobald es sich um die großen principiellen Fragen handelte. Die Rechte und die Linke — das war die große Scheidung der Parteien. In Algier war. die politische Lage dieselbe wie in Frankreich. Radicale und Gemäßigte bildeten miteinander die große liberale, progreffistisch-republikanische Partei gegen die Reaction. Damals waren die Juden mit den Republikanern gegen die Reaction verbündet. Die Radicalen waren also Freunde der Juden mit derselben Berichtigung wie die Gemäßigten. Aber, aber — die Zeilen ändern sich. Sowie der gemeinsame Feind, die reactionäre Partei numerisch und moralisch bedeutend geschwächt war, wurden die Streitigkeiten innerhalb der republikanischere Partei offenkundig. Die Rechte und die Hinke schmollen zwar noch immer miteinander. Das linke Centrum aber nähert sich ganz sachte dem Centrum der Rechten, während die äußerste Linke mit der äußersten Rechten kokeltirt. Man hört fast nicht mehr den alten Kampfruf: „Der Clericalismus — das ist der Feind!" Oder vielmehr, wenn er noch manchmal unter den Wölbungen des Palais Bourbon erschallt, so geschieht es nicht mehr mit derselben Kraft, derselben Heftigkeit und demselben Grimm, wie in der guten alten Zeit der heroischen politischen Kämpfe, sondern erhört sich nur mehr an wie ein Echo vergangener Tage. Auf Vereinen Seite steht nunmehr das linke Centrum, das heißt, die Gemäßigten, die Opportunisten mit dem rechten Centrum, mit den Ralliirteu und mit denen, die mehr oder weniger officiell, mehr oder weniger freiwillig der gegenwärtigen Regierung ralliiert sind, um mit ihr das „collectivistische Ungeheuer", die „sociale Revolution" nachdrücklichst zu bekämpfen. Die äußerste Linke, das ist wahr, wirst dem linken Centrum vor, daß es selbst die Principien der Revolution verleugne, wenn es mit der Rechten ein mehr oder weniger eingestandenes Bündnieingehe. Anderseits aber weist die äußerste Linke niemals die Hilfe der äußersten Rechten zurück, welche ja auch eine Revolution ersehnt — die reactionäre nämlich. So bediente sich das radicale Ministerium, das von Bourgeois geleitet wurde, nicht nur der Hilfe der Coltectivisten, sondern wurde auch von den clericalen Antisemiten der äußersten Rechten unterstützt. Wie dem nun auch sei, das ist unleugbar, daß es sich heute nicht mehr um dm großen Kampf zwischen der geeinten Republik und der Reaction handelt. Jetzt ist der Wahlkampf, wie erst jüngst M. Barthon in seiner Programmrede zu Boyonne erklär.

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