Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 18 (1.10.1897)
- Article
- Hebbel's Judith
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 15 (sequence 4)
- Language
- German
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Nr. 18. Seite 15. Und zugleich zeigt Samuels Leben und Samuels Sünde, daß nicht Zufall und Laune dieses Ideal geboren haben, sondern die harte Noth des Lebens. Diesen leidenschaftlichen, dämonisch sinnlichen Naturen konnte ein Gegengewicht nur durch eine gewaltsame Rcaction geboten werden, durch eine Einseitigkeit, die zu einem übermenschlichen, gewaltigen Inhalt wurde, den das schwache, sterbliche Gesäß auf die Dauer nicht fassen konnte. Und was nach der einen Seite durch diese unerhörte Anspannung aller Kräfte glücklich gewonnen wurde, mußte nach einer anderen Richtung wieder verloren gehen — es fehlte das Gleichgewicht. Diese Männer, die in der consequenten Ausgestaltung des Sittengebotes eine mehr als menschliche Thatkraft zu entfalten wissen, zittern wie verzärtelte Mädchen, wenn der Feind naht, und wagen kaum noch, sich) zu wehren. Erst als die Hand des Weibes ihnen das Haupl des gefürchteten Holofernes hinausgeworfen hat, öffnen sie die Thore und stürzen wie entfesselte Bestien auf die längst fliehenden Assyrier. Von diesem Schauspiel wendet die hochsinnige Judith sich mit Ekel ab und zeichnet es gebührend: „Das ist Schlächterwuth!" Und sie hat Recht. Denn diese Männer, die ihre Kraft auf andere Dinge richteten, sind nie dazu gekommen, eine schlichte, von unten herauf gewachsene Tapferkeit in sich großzuziehen. Sie sind nicht heldenhaft aus der natürlichen Fülle und vaterländischen Begeisterung heraus und darum auch gar nicht jener stolzen, halb wegwerfenden Großmuth fähig, die dem geschlagenen Feind noch goldene Brücken baut. Im Gegentheil, die fromme Raserei dieser Leute und ihr Wahn, daß sie dem Herrn ein wohlgefälliges Opfer bringen, wenn sie die Schaaren, die er mit Verwirrung schlug, verfolgen und mit dem Schwerte würgen, leiht der Rache der Unterdrückten und Schwachen, die endlich das langsam angesammelte Gift entladen können, noch einen Schein von Heiligkeit und weihevoller Gottesthat. So löst sich mühelos dieser psychologische Widerspruch, und wir haben im Guten und Bösen so ziemlich alle Elemente des jüdischen Nationalcharakters beisammen, soweit seine abstracto, sittlich-historische Wirksamkeit in Betracht kommt. Wie aber im Mittelalter neben deni Talmudjudenthum die schwärmerische Kabbala einherlief, so hat auch dieses Bild, welches in der Dichterwelt Hebbel's lebt, noch seine Kehrseite, die erst die volle Ergänzung bietet Denn auch Holofernes, dieser große Feind Israels, den die Hand eines hebräischen Weibes endlich fällt, ist ein echter, wahrer Jude, »ur daß er nicht den Talmud, sondern die Kabbala gelesen hat. Für einen Kritiker, der einen rein literarischen Maßstab anlegt, ist es peinlich, von Holofernes zu reden, von dieser zugleich interessantesten uud verfehltesten Gestalt des Judithdramas. „Auch reizte mich nebenbei," so schreibt Hebbel in der Vorrede, „an Holofernes die Darstellung einer jener ungeheuerlichen Individualitäten, die, weil die Civilisation die Nabelschnur, wodurch sie mit der Natur zusammenhingen, noch nicht durchschnitten hatte, sich mit dem All' fast noch als Eins fühlten und, aus e i n e m dumpfenPolytheismus in die frevelhafte Ausschweifung des M o n o t h e i s m u s st ü rz e n d, jeden ihrer Gedanken ihrem Selbst als Zuwachs vindicirten und Alles, was sie ahnten, zu sein glaubten." Diese Absicht hatte der Dichter mit der Holofernesfigur. Er wollte einen Menschen vorführen, der wild und einsam in einer grausig starren Gebirgsnatur empocwuchs und niemals das Weib kannte, welches ihn geboren. Jäger fanden ihn in einer Höhle, und es ging unter ihnen die Sage, daß dieser wilde Knabe von einer Löwin gesäugt worden wäre. Jedenfalls spürt er Löwenmark in seinen Knochen und fühlt sich verwebt mit der großen, furchtbaren Natur, mit dem Kampfe der Elemente, der gleichsam selbst durch alle seine Adern tobt. Die tiefe Aehnlichkeit der menschlichen Leidenschaft mit den geheimen Mächten der Natur muß einem gewaltigen Temperament, wie dem jungen Holofernes, sehr einleuchten. Diese Naturgewalten werden aber vom Politheismus als Götter verehrt, und so kann 'der milde Jägersmann gar wohl aus den Gedanken kommen, sich selbst, beziehungsweise die Natnrgewalt, die in ihm lebt, als eine Gottheit zu betrachten. Da er aber, wie Hebbel sagt, zu jenen ungeheuerlichen Individualitäten gehört, die jeden ihrer Gedanken ihrem Selbst als Zuwachs vindiciren und alles, was sie fühlen, auch schon zu sein 'glauben, so kommt er über den Vergleich und die Symbolik rasch heraus. In ihm wächst also der ungeheuere Gedanke 'empor, daß er einer der Mitgötter des Alls sei. Dann aber — der Sprung zum frevelhaften Monotheismus ist dann nicht mehr weit. Nun empfindet Holofernes eine -wahnwitzige Eifersucht gegen alle anerkannten Gottheiten 'und gegen Völker und Männer, die es wagen, noch eine -höhere Gewalt zu fürchten, als ihn, den Holofernes. Diese Eifersucht, die bald zu den schaurigen Höhen des Größenwahns hinaufstcigt und bald in der sandigen Flachebene Possenhafter Renommage kindlich verröchelt, erklärt auch -des Holofernes fürchterliche Grausamkeit gegen widerstrebende Feinde, welche einer echten und wahren, rein menschlichen Heldennatur fremd zu sein pflegt. Und doch ' ist er großniüthiger Regungen nicht ganz unfähig. Gelegentlich siegt der Held in ihm über den Gott Aber man braucht sich nur, um die Grenzen jener Großmuth festzustellen, an ' jene Antwort zu erinnern, welche er der Judith gab, als - sie ihm ausmalte, wie überwältigend und übermenschlich ' sein Triumph wäre, wenn er durch eine unerhörte, gnadenspendende Großmuth die vor ihm zitternden Männer 1 Bethuliens besiege» und beschämen würde. „Weib, ahnst - Du nicht, daß Du nur dies Alles unmöglich machst, indem Du mich dazu aufforderst? War' der Gedanke in mir selbst aufgestiegen, vielleicht hält' ich ihn ausgeführt Rnu ist er dein und kann nimmer mein werden." Hier kommt in einer fast kindlich naiven Weise der Gottes- und Allmachtschwindel zum Durchbruch. Und innner mehr und mehr wühlt Holofernes in diesen Wahn sich ein, läßt allen Kräften, Launen und Anfällen seiner Riesennatur die Zügel schießen und schlürft mit gierigen Lippen bis auf den Grund den Trank ' des Lebens — bis eines verachteten Weibes Hand sein Haupt vom Rumpfe trennt. Ja wohl, ein Weib fällt diesen Holofernes, der wenige Stunden vorher noch in Gedanken schwelgte, die sich mit einer ihm bevorstehenden unerhört heroischen Todesart beschäftigten. Ich hoffe, daß diese wenige» Andeutungen genügen werden, um einen Begriff von der gewaltigen Kühnheit der dichterischen Conception zu geben. Aber so hoch ich Friedrich Hebbel bewerthe, hier ist er gescheitert. Freilich wäre, um diese riesenhafte Gestalt individuell, lebendig und plastisch auszugestalten, die vereinigte Kraft eines Shakespeare und Dante nothwendig gewesen — eine dichterische Capacität also, wie sie die ganze bisherige Menschheit noch nicht hervorgebracht hat. Darum können dein trotz alledem großen Friedrich Hebbel inildernde Umstünde nicht versagt werde». Sein Holofernes hat gar manche Aehnlichkeit mit dem bekannten Raisonneur französischer Dramen, welcher zunächst sich selbst und dann seine gesaimnte Mitwelt zum Gegenstände geistreicher Erörterungen macht, die aber nicht in eine lebendige Dichtung, sondern in ein brillantes Feuilleton hineingehören. Friedrich Hebbel freilich, wie seine Tagebücher beweisen, war nicht flüchtiger Feuilletvnist, sondern ein tiefgründiger Denker. Darum stehen auch die Reflexionen eines Holofernes geistig viel höher, als das Brillantfeuerwerk des jüngeren Dumas. Und vor Allem, was bei dem Theaterraisonneur sonst nie der Fall — Holofernes gehört organisch in dieses altjüdische Stück hinein und vervollständigt das Bild des Nationalcharakters, gewährt den letzten und tiefsten Blick in die jüdische Volksseele. Dem ersten, noch oberflächlichen Blick muß freilich nichts ungeheuerlicher erscheinen, als die Behauptung, das; das starr fromme, puritanische Judenvolk irgendwie mit dem Frevler verwandt wäre, der in wahnwitziger Verblendung sich selbst aus den Stuhl Gottes zu setzen wagte