Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 18 (1.10.1897)
- Article
- Hebbel's Judith
- Date
- 1897-10-01
- Page
- 16 (sequence 5)
- Language
- German
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Seite 16. Nr. 18. um zerschmettert wieder herabzustürzen. Das sind freili ch die vollendetsten Gegensätze, und eben darum gehören sie zusammen. Denn gerade im menschlichen Seelenleben ruft jede große Spamumg sofort eine Reaction hervor, und im Leben eines Balles herrscht stets eine Unterströmung, die das genaue Gegentheil dessen bedeutet, was als eigentliches und herrschendes Merkmal dieses Volksthumes auf der Oberfläche erscheint. Jur alten Testament ist uns das Hohe Lied erhalten geblieben, die Dichtung, welche eine brennende Erotik dictirte, und welche ihren Weg in das Buch der Bücher fand. Die Frommen aller Zeiten und Völker bemühten sich mit vielem Scharfsinn, in dieses glühende Liebesgedicht einen religiösen Sinn hineinzudeuten, mährend aufgeklärte ästhetische Nature» in ihm nur das Product einer ganz irdischen Volkspoesie erblicken wollten. Um so bezeichnender bleibt es, daß die Weisen in Israel das Gedicht dennoch den heiligen Urkunden ihres Volkes einverleibten. So religiös war Israel, daß auch das schlechtweg Heidnische und Anti-Religiöse in diesem Volke, die glühende Sinnlichkeit, mit dem ganzen eifervollen Pathos eines religiösen Actes zum Durchbruche kam. Und wir werden sofort daran erinnert, daß die alten Juden Söhne der heißen, syrischen Erde waren und sich von Culten umgeben sahen, die gerade das sinnliche Princip zum Ausgang nahmen. Lange genug herrschten in Pracht und Herrlichkeit Baal, Moloch und — König Salomo auf der Burg von Jerusalem. Es bedurfte gewaltiger Anstrengungen der abstrakten Gottesidee, bevor diese Götzen gestürzt wurden. Nun war das Sinnliche das schlechtweg teuflische Princip. Der Teufel ist eben das nothwendige Correlat 51t jedem Gottesglauben, und wenn er erst einmal anerkannt ist, dann bedarf es nur einer entschlossenen, stolzen Umwandlung der Worte — Satan wird wieder zum Gott. Er ist aber kein eifervoller Gott, welcher fesselt lind bindet und furchtbar seine zitternden Knechte straft, sondern ein Gott der Lust, ein Entsesseler aller Triebe, welcher jalichzt, singt und tanzt, oder, lun sein Herz zu laben, die Feuerfackel in die Städte der Menschen schleudert. Das Feuer ist so prachtvoll roth und das Geheul der Opfer so grauenvoll erhaben, daß diesem Gott-Satan, der sich auf ästhetische Genüsse versteht, das Herz im Leibe lacht. Ein solcher Gott, in dem, was er an ungeheuerlichen Freuden und Leiden spendet, steht der inenschlichen Phantasie unendlich näher, als der abstracto, erhabene Vertreter der Sittenideen, und viel mehr Menschen ähneln ihm, als deni Jehovah. Diese Aehnlichen — sollten sie sich nicht einmal auch als Götter fühlen? Als de» einen Gott? Als gottgewordenen Menschen? Ja, am Ende fühlen sie sich als den Messias, der über die Erde zieht, um einen großen Tag des Jauchzens und der allgemeinen Freude heraufzubeschwören. Wir haben ein Beispiel in der jüdischen Geschichte: ZabataiZewi. Wir haben endlich auch den Antichrist, welchen einst in Palästina die judenchristlichen Gemeinden concipirten, als sie noch im nationalen Boden wurzelten. Dieser Antichrist entsprach vollkommen dem Bilde, welches wir oben entwarfen, und mit genialem Jnstinct ließen jene Judenchristen den alten römischen Kaiser Nero Modell stehen Nero kam in einem Rom empor, welches von seiner nationalen Struktur nicht das Geringste bewahrt hatte und angesüllt und durchtränkt war von semitisch-syrischen Einflüssen jeder Art. Und später, als mit der Dynastie der Teuerer die Syrier den Thron bestiegen, entfaltete der junge Kaiser Heliogabal einen religiös-siunlich-sabernischen Aberwitz, wie es eben nur ein Syrier und tollgewordener Kabbalist vermochte. Im Grunde liegt auch hier das Factum der Ueberfüllung eines sterblichen Gefäßes vor. Ich habe gar nichts dagegen, daß man, eben so gut wie den Geist, auch die Sinnlichkeit, welche die Unterlage des Lebens ist, als etwas Göttliches bezeichnet. Dennoch aber muß der Mensch, der eben kein Gott ist, diesen beiden Emanationen der göttlichen Erscheinung mit Vorsicht gegenübertreten. Er muß ein anmuthig schwebendes Maß bewahren und die Freiheit des eigenen Wesens gegenüber diesen Mächten voll behaupten. Das aber kann keine der Personen im Judith-Drama. Das kann auch Holofernes nicht, auch nicht das Volk von Bethulien, dessen Nachkommenschaft, der Jude von heute, noch Spuren der furchtbaren Verstümmelung zeigt, welche ihm diese Ueberfüllung mit einem übermenschlichen Inhalt einst zuzog. Und doch ist es gerade dieses Uebermenschliche, welches den jüdischen Namen über den Erdball trug und die welthistorische Stellung des Judenthums begründete. Darauf kann man stolz sein. Um so mehr aber spürt man, daß Natur und Gott grausam gegen ihre Lieblinge sind, und daß es tragisch ist, über Menschenmaß hinauszuschreiten. Friedrich Hebbel hat von dieser Tragik einen Hauch gespürt, der uns aus seinem Judith-Drama nun entgegenquillt. Inden-Meder. Von Adolf Donath. 1. War ein kleines, stilles Haus, Drin ein Jude wohnte. Sabbath war's. Auf jedem Tisch Eine Kerze thronte. -st Und der alte Jude sang Eine Zanberweise, Und die Mutter und das Kind Sangen mit ganz leise: -st „Alle Sterne trauern hier," „Und die Rosen weinen." „Alle Vögel schweigen hier" „In den fremden Hainen." -st „Fliege, fliege mein Gebet" „Zu den fernen Weiten; „Wo die Burg der Ahnen steht," „Laß die Sehnsucht breiten!" * Und das Zauberlied erklingt. Weckt aus allen Träumen. . . Und des Kindes Sehnsucht singt Von den Cederbäumen. II. „Mirjam, hast Dir die Mutter geseh'n?" „„— Mutter weint in der Kammer — —"" „Mirjam, laß Deine Träume gehn," „Schau, wie die Bäume Dich lachend umstehn", „Wie sie Dir Blätter Herunterwehn! ..." „„— Mutter weint in der Kammer- * „Mirjam, kennst Du der Mutter Leid? . . ." „„— Mutter drücken die Sorgen,"" „„Mutter fürchtet des Nachbars Neid,"" „„Wenn in der Wiege mein Brüderchen schreit."" „„Mutter fürchtet die fiebernde Zeit. . ."" „„Mutter drücken die Sorgen-"" Im Verlag der „Welt" erscheint demnächst die neueste Broschüre von Dr. Theodor Herzl: „Der: Bcrseler: Lorrgr'etz". Herausgeber: $tau( Uafchrrirer. Verantwortlicher Redacteur: Dr. S. R Kandarr. Druck von Franz Schüler, Wien-Döbling.