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Die Welt · 1897-10-01 · 18 (1.10.1897) · p. 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
18 (1.10.1897)
Article
Hebbel's Judith
Date
1897-10-01
Page
14 (sequence 3)
Language
German
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Seite 14. JPi?2&W{lL‘ Nr. 18. und abstracte, schier zähneklappernde Gottesfurcht. Wer aber einmal das Furchten lernte, der besitzt ein zages Herz und die stolze Judith, die selbst sich als gottesfürchtig preisen läßt, sollte sich gerade nicht wundern, daß sie in Bethulien keine Männer mehr findet. Immerhin vertheidigen diese Männer um ihres Gottes Willen diese Stadt mit Ausdauer, bis ihnen die Brunnenleitungen abgeschnitten sind, während die Assyrier vor den Quellen außerhalb des Thores sorgsam Wache halten. Und nun, in dieser gänzlich hoffnungslosen Lage beginnen auch die wenigen echt und natürlich empfindenden Männer in dieser Stadt Bethulien mit Sorge in die Zukunft zu blicken. Der Mannesehre ist genug gethan und sie müssen die Verantwortung für die Frauen, Kinder und Greise der Stadt übernehmen. Vielleicht kann durch das Oeffnen der Thore und Aufgabe eines hoffnungslosen Widerstandes das Loos der Bewohner, das immerhin schrecklich genug sein wird, einigermaßen gelindert werden. Solche Gedanken sind zu natürlich und selbstverständlich, um nicht bei tüchtigen Männern, die ihr Gemeinwesen lieben, ein geneigtes Ohr zu finden. Auch bei solchen Männern, die ihren persönlichen Muth genügend bewährt haben, um nicht durch den Vorwurf der Feigheit vom Rathe, sich dein Feinde zu übergeben, zurückgeschreckt zu werden. So denken und empfinden die wahren und berufenen Leiter eines Gemeinwesens, die ebenso heldenhaft zu kämpfen, als sich mit großartiger Resignation dem Unvermeidlichen zu fügen wissen. Nur in Bethulien haben sie nichl das Heft in der Hand. Bethulien ist eine Priesterstadt, die so sehr auf den Allinüchtigen vertraute, daß sie vergaß, sich mit den nöthigen Lebensmitteln für eine lange Belagerung zu versehen. So sah mau sich schon an des Abgrundes Rand, als der Feind die Brunnenleitungen zerstört hatte und nian könnte es den Bewohnern kaum verdenken, daß sie sich von den Priestern, die so schlechte Rathschläge ertheilt hatten, wieder abwandten und den tüchtigen praktischen Männern ihren Beifall schenkten, die jetzt aus Gründen des Gemeinwohls zur Uebergabe mahnten. Da aber zeigt es sich, daß das Volk von Bethulien ein überirdisches Priestervolk ist, und daß dieMigen, die es nnt beiden Füßen auf die sichere, dauernde Erde stellen möchten, ein Ende mit Schrecken zu gewärtigen haben. Das murrende, verzagende Volk hört unwillig die Rede eines seiner Aeltesten, der an die Wunder erinnert, die in Moses Zeiten der Herr gethan. Aber die Lippen dieses Trostpredigers sind blaß und zittern; unstät irrt sein Auge und seine Zähne, so scheint es, möchten die klingenden Worte zerreißen, hinter denen sich seine Angst verbirgt. So wird es dem praktischen verständigen Assad leicht, durch schlichte Einwürfe des gesunden Menschenverstandes alle Trostgründe aus uralter heiliger Erinnerung wie Seifenbälle in die Luft zu blasen, in welcher sie kläglich platzen. Mit Wohlgefallen schaut das ganze Volk auf den tüchtigen Affad, der neben sich einen lebendigen Beweis seines edlen und werkthätigen Herzens hat. Denn an der Hand führt er sorgsam seinen stummen und blinden Bruder Daniel, denn er mit mütterlich treuer Sorgfalt wartet und behütet. Diesen Bruder hat er mit Speise und Trank erquickt, er pflegte ihn bei Tag und 4lacht und ließ ihn bei sich wohnen. Gerade das Mitleid mit diesem Stummen, der vor Durst zu verschmachten scheint, tönt aus den Worten wieder, mit welchen Assad die Uebergabe der Stadt verlangt. Aber dieser Stumme laß: mit einer Geberde des Agscheues die Hand des Bruders fahren und dieses wundergläubige Volk erlebt nun wirklich ein Wunder. Denn der Stumme spricht. Seine von Geburt an gefeßelte Zunge regt sich zu ihrem ersten Wort, welches gleich auch ein Wort des Todes, der Verdammnis und des Entsetzens ist. „Steinigt ihn, steinigt ihn!" ruft er in die Menge hinein und deutet aus seinen Bruder. Gleich darauf aber scheint ihn dieser Geist des Herrn zu verlassen und seine eigene freie Menschlichkeit kommt zum Durchbruch. In innigen Worten dankt er dem Bruder und will Assads Hand ergreifen. Da aber packt ihn von neuem das Entsetzen und zum "zweiten Mal hört die Menge seinen furchtbaren Aufschrei: „Steinigt ihn, steinigt ihn!" Nun gibt es kein Halten mehr und von den Steingeschoßen eines rasenden, fanatisirten Volkes wird der treue Assad bis zur Unkenntlichkeit zerschmettert. Aber der Freund dieses Unglücklichen, der edle Samaja, kann nicht glauben, daß Gott sich einen Brudermörder zum Propheten weckte. Ihm steht vielmehr absolut fest, daß nicht Gott, sondern ein Geist der Hölle den Mund des Stummen entsiegelte. „Was gegen die Natur ist, ist gegen Gott" und das Volk glaubt ihm umso mehr, als Daniel ob seiner That tief entsetzt ist und seine Zunge schon wieder gefeßelt scheint. Da er sich als Brudermörder fühlt, ergreift er ein Messer, um es sich in's Herz zu stoßen. Aber ein Krampf zuckt durch seine Finger, so daß er das Messer weit von sich schleudert und über Samaja herfällt, den er erwürgt. Ueber das weitere Schicksal Daniels wirft der Dichter einen Schleier und läßt nur ahnen, daß der Stumme nach dieser zweiten Unthat von noch stärkerer Verzweiflung gepackt wird und sich durchbohrt. Ihm ist es ergangen, wie der Judith. Ihn erfüllte und überfüllte ein übermenschlicher Inhalt, der das Natürlich- Menschliche ihn ihm zerstörte, so daß er untergehen mußte als er wieder zur Besinnung kam. Für das entsetzte Volk steht es aber nun fest, daß Assad und Samaja die Opfer des gerechten Zornes des Herrn waren, und Delia, das Weib des einen Gemordeten, spricht mit Fug das schwere, bittere Wort: „Weiter haben sie keinen Trost für mich, als daß sie sagen: Er, den ich liebte, sei ein Sünder gewesen." Und doch zeigt Jehovah, daß er auch langmüthig sein kann, und daß viel größere Sünder, deren Vergehen auch einem natürlichmenschlichen Empfinden niit furchtbarer Deutlichkeit einleuchtet, lange, lange zu warten haben, bis sie die Rache des Herrn ereilt. Der uralte, blinde Greis Samuel sieht sich in der Noch dieser Tage, da die wasserarme Stadt zu verschmachten droht, veranlaßt, dem Enkel, der ihn führt und welcher ein Sohn des Ham ist, folgendes Geständniß abzulegen: „Samuel schlug den Aaron, spitz war der Nagel, weich war das Hirn, tief war Aarons Schlummer in seines Weibes Schoß. Samuel nahm des Aaron Weib und zeugte den Ham mit ihr. Aber sie starb vor Entsetzen, als sie das Kind erblickte, denn des Kindes Haupt trug das Zeichen des Nagels wie des Todten Haupt. Und Samuel ging in sich und kehrte sein Angesicht gegen sich selbst. Und nach einer Weile fragt dann der Greis: Aarons Sohn, wo bist Du, oder seines Sohnes Sohn, oder sein Bruder, daß Samuel den Stoß Eurer Hand nicht fühlt, noch den Tritt Eurer Füße? Auge um Auge, sprach der Herr, Zahn uni Zahn, Blut um Blut." Aber als der Enkel nun erwidern muß, daß Aarons Sohn todt wäre und seines Sohnes Sohn, das ganze Geschlecht, da entringt sich dem wilden Alten die zornige Klage: „Blieb kein Rächer? Sind dies die letzten Zeiten, daß der Herr die Sünde stehen läßt und die Sicheln zerbricht? Wehe, wehe." Weiter aber kommt Samuel nicht, da der Enkel ihn rasch hinwegführt, und der stille Leser des Dramas hält schier erschreckt inne, uni nachzugrübeln, welche seelischen Räthsel diese gewaltige Figur ihm enthüllt. Ja, gewaltig, grandios ist dieser uralte Samuel, wie in Felsen eingehauen, und von ihm wird man gewiß nicht behaupten können, daß er eine Waschlappennatur, ein kraftloser Feigling wäre. Und doch hat er auch mit Assad und Samaja, diesen tüchtigen, praktischen Männern, nicht das Geringste gemeinsam, sondern er gehört durchaus zu jenen Gottesfürchtigen, die gar schwachen Männermuth in der Schlacht zeigten und die Vorbereitungen zur Vertheidigung der Stadt gröblich vernachläßigten. Aber gerade das Beispiel des uralten Blinden beweist zur Genüge, daß diese Gottesfürchtigen und scheinbaren Kopfhänger gewaltige Männergestalten waren, die mit furchtbarer Energie auf die Verwirklichung ihres Ideals hinarbeiteten. Eine Sache für sich ist es, daß dieses Ideal in der Gebundenheit ruhte, statt in der Freiheit, in zerknirschter Demuth, statt in stolzem, heldenhaftem Thun.

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