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Die Welt · 1897-10-01 · 18 (1.10.1897) · p. 13

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
18 (1.10.1897)
Article
Hebbel's Judith
Date
1897-10-01
Page
13 (sequence 2)
Language
German
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Nr. 18. Seile 13. Frauenbewegung gewinnt imnier mehr au Kraft und Energie und erobert sich neue Gebiete des Lebens. Aber über die praktischen Fragen des socialen Lebens ist der große Principienkampf, der gerade in Hebbel's Tagen hohe Wogen schlug, fast in den Hintergrund getreten. Kann die Frau des Mannes entbehren? Oder kann sie, wenn der Naturtrieb seine Rechte fordert, ihn als ein Spielzeug, als ein untergeordnetes Werkzeug behandeln? Aus diese beiden folgenschweren Fragen antwortete der große Dichter und grüblerische Denker mit einem schrillen Nein. Er geht aber noch weiter. Ein Weib, das solche Thaten dennoch wagt, handelt nicht aus innerster Natur, sondern schraubt sich gewaltsam zu einer künstlichen Höhe empor. — Der Zusammenbruch wird unvermeidlich. Und nicht anders machte es diese Judith, von der ihr verschmähter Liebhaber Ephraini sagt: „Sie fordert sich selbst heraus, um ihre Furcht zu vergessen." Daß sie aber in dieser Weise ihre Grenzen überschritt, lag nur zu einem Theil in der Schwäche des Mänergeschlechtes, unter welchem sie zu leben verdammt war. Wohl schmerzt es sie, daß sie diese Männer verachten muß; wohl auch sehnt sie sich nach einem Helden und vergleicht den verschmähten Ephraim mit einem Kieselstein, an welchen sie anschlug, uni zu prüfen, was darin verborgen lag. „Hätt' er einen Funken gegeben — der Funke war' in mein Herz hineingesprungen. Jetzt tret' ich den schnöden Stein mit Füßen!" Aber gleichzeitig durchzuckt sie die stolze Ahnung, daß da, wo Männer versagen, vielleicht sie, das schwache Weib, zu einer unerhörten That berufen ist. Kurz vorher war ihr in dem Gebet an Jehova, welches alle Schleusen ihrer Seele erschloß, das Geständnis entschlüpft: „Mit Entzücken sah ich's, daß jener, dem ich das große Werk abtreten wollte, um in Demuth das höchste Opfer zu bringen, sich davor feig und zitternd wie ein Wurm in dem Schlamm seiner Armseligkeit verkroch. „Du bist's, du bist's!" rief ich mir zu, und warf mich vor dir nieder und schwur mit einem theuren Eid, niemals wieder aufzustehen oder erst dann, wenn du mir den Weg gezeigt, der zum Herzen des Holofernes führt." Also die bekannten zwei Seelen in der Brust des Weibes, das sich einerseits nach einem starken Mann sehnt und andererseits aufjauchzt, daß es keine starken Männer gibt, weil ihm selbst dadurch die Möglichkeit gewährt wird, eine That zu thun, die über Mannesgröße himmelhoch hinauswächst. Brauchen wir noch zu sagen, welche der beiden Seelen der Natur des Weibes mehr entspricht? Und welche nur ein un- und widernatürliches Product eines größenwahnsinnigen Ehrgeizes ist? Nein, Judith fordert sich selbst heraus und diesen Widerstreit, den Unterschied zwischen dem echten ursprünglichen Handeln und den: Sich-Selbst-Herausfordern wollte der Dichter gerade zur Darstellung bringen. Judith büßt hart. Statt dem Holofernes als Rächerin ihres Volkes gegenüberzutreten, findet sie ihren Ueberwinder in ihm. Sie zittert und jauchzt in seinen Armen, läßt sich vom Feuer seiner Küsse durchlohen und wäre ihm ein liebendes hingebendes Weib, wenn er sie nicht lästig wegwerfen möchte. Daß sie dem Gewaltigen und glühend Verehrten nur ein Spielzeug in müßigen Stunden ist, darüber und darüber allein empört sich Judith. Aus gekränkter Fraueneitelkeit und gekränkter Liebe begeht sie eine feige That, — denn es ist feige, den Schlafenden zu uiorden. Wenn es eine Entschuldigung dafür überhaupt gäbe, dann könnte es mtr die höchste Noth und der Jammer eines Volkes sein, das sich am Rande des Unterganges befindet. Und Judith versucht wirklich gegenüber ihrer schlichten, weiblich freien Dienerin Mirza das Ungeheuerliche dieser That mit dem Schild des Patriotismus zu decken. Judith: Warum ich kam? Das Elend meines Volkes peitschte mich hierher, die dräuende Hnngcrsnoth, der Gedanke an jene Mutter, die sich ihren Puls aufriß, um ihr verschmachtendes Kind zu tränken. O, mm bin ich wieder mit mir ausgesöhnt. Dies alles hatt' i ch über mich selbst vergessen! Mirza: Du hattest es vergessen. Das also war's nicht, was dich trieb, als du deine Hand in Blut tauchtest. Judith (langsam, vernichtet): Nein — nein — du hast recht — das war's nicht — Nichts trieb mich, als der Gedanke an mich selbst. O, hier ist ein Wirbel! Niein Volk ist erlöst, doch wenn ein Stein den Holofernes zerschmettert hätte — es wäre dem Stein mehr Dank schuldig als jetzt mir! — Dieses Urtheil, welches Judith über sich selbst fällt, unterschreibt auch der Dichter und somit könnte eö scheinen, das; ihm das Nationale und Altjüdische an diesem Stoff ganz in den Hintergrund trat gegenüber dem Auslehnen des Weibes gegen seine innerste Natur. So ist der Schein, aber dieser Schein trügt. Im Unterbewußtsein der Judith wirkt als ein treibendes Motiv, welches ihr ganzes Wesen bestimmt, der Umstand mit, daß sie, die Vermählte, doch niemals Weib geworden ist. Sie lag niemals in den Armen des Gatte», sie zog niemals Kinder groß und wandelte in nnnahbarer unfruchtbarer Schönheit durch die Reihen ihres Volkes. Und warum? Weil eine geheimnisvolle höhere Macht den Gatten um seine Gnttenrechte betrog Hebbel spricht es nicht aus und läßt es doch ahnen, daß diese höhere Macht niemand anderer ist als der Gott Israels, welcher dieses junge Weib zum Werkzeug erkor, uin sein auserwähltes Volk zu retten und seine Allmacht zu beweisen. Freilich ein Werkzeug, welches zerbrochen und verworfen wird, nachdem es seinen Dienst gethan. Oder richtiger, ein enges sterbliches Gefäß, welches von der Uebersülle eines unendlichen Inhalts in tausend Stücke gesprengt wird. Und diese Zerstörung des Irdischen durch einen überirdischen Gehalt ist das Leitmotiv, der eigentliche Inhalt des Judith-Dramas. Sie wird zerstört, weil Jehova sie zum Werkzeug erkor, ihr die irdischen Freuden des Weibes raubte und sie dadurch zwang, sich selbst wahnwitzig herauszufordern und zu einer That zu stacheln, die über die Natur des Weibes weit hinausging. Und wie Judith geht auch Holofernes zu Grunde, weil er im Einsaugen aller Kräfte der Natur und des Weltalls sein schwaches sterbliches Gefäß zersprengt. Er ist gleichsam der Gegenpol zu dem vorn abstrakten überirdischen Gottesinhalt erfüllten Judenvolk, welches gleichfalls schon Spuren zeigt, daß es seine überirdische Mission mit der Zerstörung und Verstümmelung seines natürlichen Theiles zu büßen haben wird. Gerade die Schilderung dieser altjüdischen Volksseele bildet entschieden die Glanzseite in dem künstlerisch nicht immer einwandsfreien Judith-Drama. Hier erhebt sich Hebbel's Dichterkraft zu einer Höhe der Gestaltungssühigkeit, wie nie vorher und nie nachher, selbst nicht in seinen Nibelungen. Man weiß kaum, was man mehr bewundern soll, die lebendigen Farben seines Gemäldes oder die Schlichtheit seiner Mittel, mit denen er es versteht, diesen complicirten Proceß auf die einfachen urewigen Grundtriebe der menschlichen Natur zurückzuführen. Und wir ahnen, daß wir einem Nationalcharakter gegenüberstehen, der in seinen guten und seinen schlimmsten Eigenschaften befähigt war, Jahrtausende zu durchdauern. Schon wissen wir, daß der Muth dieser jüdischen Männer, welche die Stadt Bethulien gegen den Holofernes vertheidigen, nicht auf der Heldenhöhe steht. Kaum naht ihnen Holofernes, so ersaßt sie ein Zagen und Zähneklappern, daß sie alle Thore weit aufreißen möchten, um die Assyrier in die Stadt strömen zu lassen. Die Assyrier werden zwar morden und im Blut ihrer Weiber und Kinder schwelgen. Aber sie könnten, versöhnt durch den leichten Sieg, diesen und jenen vielleicht verschonen, der sonst, wenn sie der Widerstand erbittert, gleichfalls niedergemetzelt wird. Dennoch beschließen die Zagen Widerstand, weil sie noch mehr als den Holofernes ihre Priester und ihren rächende» allmächtigen Gott fürchten. Also nicht das ursprüngliche und naive Nationalgesühl, auch nicht schlichter Männertrotz drückt ihnen die Waffen in die Hand, wie sonst bei Völker n, die ihr Vaterland vertheidigen, sondern eine überirdische

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