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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
Rede des Dr. Bodenheimer (Köln)
Date
1897-09-10
Page
8 (sequence 4)
Language
German
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Seite 8. 9fr. 15. Schapira nach zwei Seiten Veranlassung. Derselbe will die Bodenbesitzreform von Dr. Hertzka und Flürsheim in Verbindung mit den altbiblischen Vorschriften über das Jubeljahr zur wirthschaftlichen Grundlage des zu schaffenden Geineinwesens machen, und gleichzeitig für Fragen der Verwaltung das Plebiscit einführen. Es erscheint mir sehr gewagt, heute schon die national ökonomischen Institutionen in dem erst zu bildenden Gemeinwesen festzulegen, insbesondere aber ohne vorhergehende Versuche bindende Beschlüsse zu fassen und ein System anzunehmen, dessen Durchführung vor Jahrzehnten in den sogenannten Freilandcolonieen unternommen wurde, ohne daß bis jetzt eine einzige dieser Colonieen zur gedeihlichen Entwickelung gelangt ist. Ein Plebiscit, wie Professor Schapira vorsieht, scheint mir praktisch nicht ausführbar zu sein. Durch die von Herrn Moses projectirten Genossenschaften dürften m. H. schwerlich große Geldmittel zu erlangen sein, da das zur Colonisation brauchbare Menschentmuericil die erforderlichen 5000 Kronen zum weitaus größten Theil nicht besitzt, und diejenigen, welche das nöthige Capital besitzen, zumeist weder die Lust noch die Fähigkeit zur Ackerbau-Colonisation haben. Mit dem Ackerbau als der Grundlage jeder nationalen Wirthschaft müssen aber auch wir die Colonisation beginnen. Ich glaube jedoch versichern zu können, daß die Lösung dieser Frage viel einfacher ist, als man denkt. Ich brauche wohl kaum zu betonen, daß ich mich an bereits Vorgedachtes, insbesondere an die Schrift meines Freundes Dr. Herzl anlehne. Das Capital gleicht, wenn ich ein etwas gewagtes Bild gebrauchen darf, einem wohlerzogenen Mädchen, das sich schüchtern verbirgt, wenn ein leichtsinniger, geckenhafter Liebhaber ihm nachstellt; so scheint das Capital zu verschwinden, wenn neue Unternehmungen von zweifelhafter Sicherheit auf dem Markt nach Geld suchen. Sobald ein reelles Unternehmen, ein rentables Project austaucht, ist Capital i» Hülle und Fülle da, wirft es sich uns aufdringlich an den Hals. Durch freiwillige Beisteuer aufgebrachte Summen werden vorläufig ausreichen, um die Ausgaben für die Agitation, und Propaganda unserer Idee zu decken. Die erste Aufgabe für die einzusetzende Finanz-Commission wird nun, da wir auf andere Bankinstitute nicht rechnen dürfen, darin bestehen, eine Special-Bank für unsere Zwecke mit einem Worte eine jüdische Bank zu gründen. Zweck der Bank wird die Förderung agrarischer, industrieller und Handels-Unternehmungen der jüdischen Colonisten in Syrien und Palästina sein. So lange keine Verwendung der Capitalien in diesem Sinne inöglich ist, kann die Bank wie jedes andere Finanzinstitut die disponiblen Capitalien für beliebige industrielle oder Handelszwecke verwenden. Bietet jedoch die Anlage für die vorerwähnten Zwecke hinreichende Sicherheit, sei es durch die Person der Colonisten oder Corporationen, oder aber durch die speciellen Unternehmungen, so muß die Bank mindestens bis zur Hälfte ihres Betriebs-Capitals diesen Zwecken zuwenden. Die Bank soll statutuarisch verpflichtet sein, die ihr zu Anlagezwecken oder im Geschäftsbetrieb von Privaten, einerlei ob Jude» oder Nichtjuden, überwiesenen Gelder lediglich zu wirthschaftlich productiven Unternehmungen zu verwenden. Der abgesondert von dieser Bank zu verwaltende National-Fonds, welcher durch Sammlungen oder Schenkungen erworben wird, kann zur Gründung von Muster- Colonieen oder zu den von den Stiftern vorgeschriebenen Zwecken verwendet werden. Auch können die Kosten der von der Bank unternonnnenen Versuche zur Schaffung einer Industrie in den Colonieen hiervon bestritten werden. Sind die Verhältnisse in den jüdischen Colonieen gesichert, so kann die Bank als jüdische National-Bank ihren Sitz dorthin verlegen. Diese Bank in Verbindung mit dem Central-Comitö in Wien ist dann auch das geeignetste Organ, um mit der türkischen Regierung in Verhandlungen bezüglich Landkauf-Concessionen rc. einzutreten. Die Einrichtung dieser Bank im Einzelnen festzustellen, oder den Bereich ihrer Fähigkeit zu begrenzen, kann nicht die Aufgabe dieses Referats oder Gegenstand Ihrer Beschlüsse sein. Den dritten Punkt meines Referats „die Agitation" kann ich wohl kurz behandeln, da wir hiefür in den politischen Parteien die besten Vorbilder besitzen. Auf eine Merkwürdigkeit, die nach meiner Ansicht hervortreten wird, möchte ich jedoch besonders aufmerksam machen. In Rußland und Rumänien bedarf es dem Anschein nach kaum einer besonderen Agitation für unsere Sache. Die Massen sind dort heute schon dafür gewonnen. Die dort aufgebrachten Gelder dürften höchstens zur Förderung der hebräischen Unterhaltungsliteratur durch Gründung von Volksbibliotheken, Herausgabe billiger hebräischer Classiker, wie das Unternehmen unseres Genossen Herrn Dr. Ehrenpreis, und zur Subventionirung der hebräischen Tagespresse nöthig sein. Die übrigen Gelder müssen dazu dienen, in West-Europa die jüdische Masse für die zionistische Idee zu gewinnen. Die Agitation wird hauptsächlich bestehen müssen in der Thütigkeit von Wanderrednern, welche in Deutschland, Frankreich, England und Amerika die jüdische wie auchnichtjüdische Bevölkerung über die Bedeutung und die Ziele unserer Bewegung aufzuklären haben. Diese Wanderredner könnten ja auch zugleich die Bureauleiter in den betreffenden Ländern sein. An geeignete» Kräften dürfte es uns schwerlich mangeln. Sodann wird in jedem Land eine Tagespresse oder wenigstens eine Zeitschrift zu schaffen sein, welche alle einschlägigen Fragen unserer Bewegung theils wissenschaftlich, theils polemisch behandelt und gleichzeitig die jüdische Bevölkerung über alles sonst Wissenswerthe auf dem Laufenden unterhält. Wo dies angeht wird die bereits bestehende Presse hiefür zu gewinnen sein. Ein bemerkenswerther Vorschlag wird von dem Genossen Herrn Bader aus Lemberg gemacht, der die Gründung eines zionistischen Tageblatts im Jargon für Galizien als nothwendig hält. Wenn ein solches Blatt zu Stande kommt, möchte ich die Bitte aussprechen, in demselben, so weit dies möglich ist, durch Aufnahme besserer belletristischer Werke auch die hebräische Sprache zu fördern. In dritter Linie Hütte sodann das Bureau der Landesorganisationen Brochuren und Flugblätter zu Agitationszwecken herauszugeben und zu verbreiten, in der gleichen Weise, wie die Nationaljüdische Vereinigung für Deutschland bereits einen gedeihlichen Anfang gemacht hat. Auch durch Gründung jüdischer Turnvereine, welche ein Prager Genosse in einem Schreiben an mich vorschlägt, dürfte ebenso wie durch diejenige akademischer Vereinigungen die Agitation wesentlich gefördert werden. Ganz abgesehen von der social-politischen Bedeutung unserer Bewegung wird es auch sonst für die sittliche Entwickelung unserer jüdischen Jugend von hervorragendem Werth sein, wenn sie von den Herz und Verstand verödenden Vergnügungen des modernen Großstadtlebens abgelenkt und zu gemeiusnmem, höherem, geistigen Streben und kräftigenden Leibesübungen hingelenkt wird. Zur Verbreitung unserer Idee wird aber die Hauptsache immer die persönliche Agitation sein. Wer von der; Wahrheit unserer Grundsätze erfüllt ist, wird in seinem Kreise der beste Vorkämpfer für dieselben durch das lebendige Wort sein. Er wird mit leichter Mühe die Vorurtheile, die gegen unsere Bewegung bestehen, zerstreuen und die erhobenen Verdächtigungen in ihr wahres Licht stelle» können. Dann wird die Agitation in Wahrheit ihren Wortsinn erfüllen, wenn wir so Herz und Sinn derjenigen bewegen, die uns persönlich nahe stehen und in deren Mitte wir uns gesellig und freundschaftlich bewegen. Die Bande

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