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Die Welt · 1897-09-10 · 15 (10.9.1897) · p. 9

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
15 (10.9.1897)
Article
Rede des Dr. Bodenheimer (Köln)
Date
1897-09-10
Page
9 (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15. Seite 9. der Freundschaft, welche der Parteihader zu zerreißen drohte, werden fester geknüpft und diese selbst durch das gemeinsame Streben nach einem schönen, erhabenen Ziel mit neuem Inhalt erfüllt werden. Ich komme zum Schlüße. Im Eingang meinet Rede habe ich das organisirte Volk mit einem lebendigen Körper verglichen. Das jüdische Volk ist leider zur Zeit ein Lebewesen, dessen Organe in Folge jahrhundertelanger Unthätigkeit erschlafft und gelähmt sind. Unsere Aufgabe ist es, diese Organe wieder neu zu beleben, den Geist frischen Strebens und froher Zuversicht dem Volkskörper wieder einzuflößen, damit das dahinsiechende Volk gesund und kräftig werden und der Menschheit wieder reiche Gaben seines freien Geistes darbieten könne. Daß wir aus tausend Wunden bluten, brauchen wir nicht zu beweisen, jeder Tag schlägt uns neue. Aber, daß wir fast zu Tode krank sind, erkennen wir daran, daß wir sogar zum großen Theil die natürliche Fähigkeit verloren haben, die Hiebe, die auf uns niederfallen zu empfinden, denselben auszuweichen oder zu entgegenn; so wenig wirkt mehr der Selbsterhaltungstrieb in unserem Volke. Nur so ist es zu erklären, daß es einzelne Stammesgenofsen gibt, die Römlinge und Vollchristen unserer Tage, die selbst das Judenelend leugnen, welches vom Osten her verzweifelnd an unsere Thüren pocht. Lasse» wir uns aber in keinen Kampf mit diesen jüdische» Spöttern ein, wozu uns leicht die Erregung des Augenblicks verleiten könnte. Die Geschichte wird über die höhnenden Worte jener Herren richtend hinwegschreiten, wie sie die Volksverrächer der alten Zeit, den hellenistischen Hohenpriester Menelaus ttnb de» Römling Flavins Josephus als soche auf einig gebrandmarkt hat. Das Schiff des jüdischen Volkes irrt ziellos auf dem ivild bewegten Meer umher und da ist kein Capitän und kein Steuermann, der es zum rettenden Port lenke. Fahrhunderte schon dauert das Verhängnis;. Geben Sie dem Volk seine Führer und das wohlgeleitete Schiff wird gar bald unter dem frohen Jauchzen seiner Mannschaft den grünenden Strand erreichen, ein Land das uns die Palme des Friedens und die Sonne der Freiheit ver- >>eißt. Wir stehen auf ' n Boden der Eidgenossen, welche vor Jahrhunderten un r viel schwierigeren Umständen sich ihre Freiheit errungen haben, als diejenigen sind, die sich unserer Sache in den Weg stellen. Erfüllen wir uns doch mit dem Geiste dieser Männer, legen wir untere Herzen ui unsere Hände, werden wir die muthigen Vorkämpfer unserer Ueberzeugung und der Sieg kann unserer Sache nicht fehlen. Der Geist aber, der jene Männer durchdrang, ist ein anderer als derjenige, der Zwietracht und Zersplitterung, welcher dem jüdischen Volke oft so unheilvoll geworden ist. So möge denn ein Geist der Einigkeit, der Geist des Rütli auch über unserer Versammlung neuer Eidgenossen iveheu. (Stürmischer Beifall.) Im Anschluß an das Referat Dr. Bodenhcime r's ergreift A r ch i t e k t Marmore! (Wien) das Wort: „Wir stehen am Kernpunkte unserer Berathung. Wir uüssen, Judennoth besteht, Organisation ist nöthig. Wie man eine Organisation macht, zeigen uns die Socialdemotraten, deren Mitteln wir, wenn wir auch nicht mit ihren Principien übereinstimmen, Nachfolgen können. Auf den schultern weniger liegt zu viel. Es ist nothwendig, Landescomites und davon getrennt Commissionen zu ernennen, die dem nächsten Congreß ihre Resultate vorzulegen haben. Diese Eomitös haben sich mit der Presse, der Agitation, der Verwaltung, der jüdischen Volkszählung rc. zu beschäftigen. Es ist nicht nöthig, daß ich aus die Einzelheiten meines Vorschlages eingehe. Ich wiederhole nur die Hauptpunkte meines Antrages: Creirung von Specialcommissionen: l. Für das Volksstudium und die Berussstatistik, 2. für das Landesstudium und die Colonisation Palästinas, st. für die Propaganda, 4. für die Presse und die culturellen Angelegenheiten des jüdischen Volkes, 5. für die Vorbereitung zum nächsten Congreß." Ueber diesen Antrag entspinnt sich eine längere Debatte, die wir in der vorigen Nummer wiedergegeben haben. Erwähnt seien noch die Vorschläge Dr. B e r n st e i n- C o h a n's (Kischinew), die er nach einer ausführlichen Begründung im Aufträge der zionistischen Vereine von Kischinew dem Congresse überbrachte. Moritz Moses (Kattowitz) geht mehr aus die financielle Seite des Organisationsentwurfes ein und legt dar, wie durch Genoffenschaften und Associationen ein Rationalfonds gegründet und jüdische Sparcassen nutzbringend verwendet werden können. Mit der letzteren ließe sich leicht ein ethisches Moment verbinden, das der Erziehung, indem die Kinder angehalten werden sollen, zu sparen. An allen frohen Festtagen müssen Gelder gesammelt werden, nicht um nutz- und zwecklos in einzelne Vereinscassen zu fließen, sondern um dem Rationalsonds einverleibt zu werden. Die Resultate dieser Debatte, die Einsetzung der Commission und ihr Organisationsentwurs, sind in der letzten Nummer ausführlich wiedergegeben. Rede des Dr. Scbnirer (Wien): Colonisation Ualiistirms. Dr. S ch it t r c x (Wien) beschränkt sein Referat, Angesichts der vorgerückten Zeit, auf die Besprechung zweier allgemeiner Gesichtspunkte, deren Berücksichtigung für die zionistische Bewegung von großer Bedeutung ist. Der erste Punkt betrifft die Frage, ob vorläufig weiter colonisirt werden soll oder nicht. Wnd) dem vom Congresse angenommenen Programme erstrebt der Zionismus für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte tu Palästina. Als eines der Mittel zur Erreichung dieses Zieles bezeichnet unser Prvgranun „die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas re." Aus dieser Fassung des Programmes tonnte man die Folgerung ziehen, daß jede weitere Einwanderung von Juden in Palästina zu sistiren ist, so lange die erwünschte öffentlich-rechtliche Sicherung nicht gegeben ist. Die Fassung des Programmes läßt aber noch eine andere Deutung zu. Diese zweite, von vielen Gesinnungsgenossen getheilte Ansicht geht dahin, man möge nur - wie bis jetzt — weiter colonisiren, ohne Rücksicht auf die noch mangelnde „öffentlich-rechtliche Sicherheit", deren Erlangung wir ja alle erhoffen. Dieser letzterer! Anschauung gegenüber macht Referent geltend, daß die Colonisirnngsthätigkeit in einer Weise dnrchgeführt wurde, die jeden ehrlichen Zionisten nrrr mit Kummer erfüllen kann. Es ist ein offenes Geheimnis; — welches die moderne zionistische Bewegung, deren Devise Offenheit und Wahrheit ist, keinen Grund hat zu verbergen — daß die Bestechung in dem bisherigen Colonisationswerke eine große Rolle gespielt hat. Wer aber andere besticht, corrurnpirt nicht nur den Bestochenen, sondern demoralisirt sich selbst. Das Werk nationaler Renaissance, das wir beginnen, darf aber nie und nimmer mit derlei Mitteln gefördert werden. Darum möge von diesem Congreß der Ruf ausgehen: „Fort mit der Bakschischwirthschaft, die nur dazu dient, die Habsucht Einzelner, ihrem Volke Uebelwollender, zu befriedigen und unseren Stammesgenossen schweren moralischen Schaden zuzufügen geeignet ist! (Beifall). Unsere Colonien in Palästina sind aber für unsere Bewegung von ungeheuerer Bedeutung, nicht nur deshalb, weil sie ein für allemal den Beweis geliefert haben, daß die Inden sich für Landwirthschaft eignen, sondern weit sie gewissermaßen ats landwirtschaftliche Versuchsstationen der künftigen Entwicklung der Agronomie und Industrie in Palästina den Weg zeigen. Es muß daher auf eine Erstarkung der noch nicht feststehenden Colonien das größte Gewicht gelegt werden. Hingegen sind neue Colonien — in Anbetracht der angeführten Momente — nur aus dem gegenwärtig in Palästina vorhandenen Menschenmateriale zu gründen,, wobei selbstredend von keinerlei illegalen, unrechtlichen Mitteln Gebrauch zu machen ist.

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