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Die Welt · 1897-09-03 · 14 (3.9.1897) · p. 8

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
14 (3.9.1897)
Article
Rede von Dr. Max Nordau
Date
1897-09-03
Page
8 (sequence 4)
Language
German
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Seite 8. J?k$vwtr Nr. 14. bürgers zu erfüllen, aber die Rechte, die über das allgemeine Stimmrecht hinausgehen, die edleren Rechte, die der Begabung und Tüchtigkeit zugestanden werden, diese Rechte wurden ihm schroff verweigert. Das ist die heutige Lage des emancipirten Juden in Westeuropa. Seine jüdische Sonderart hat er aufgegeben, die Völker bedeuten ihm, daß er ihre Sonderart nicht gewonnen hat. Die Heimat des Ghettho hat er verloren, das Geburtsland versagt sich ihm als Heimat. Seine Stammgenossen flieht er,' weil der Antisemitismus sie ihm selbst verekelt hat Seine Landsleute stoßen ihn zurück, wenn er sich zu ihnen halten möchte. Er hat keinen Boden unter den Füßen und er hat keinen Anschluß an eine Gesammtheit, in die er sich als willkommenes, vollberechtigtes Mitglied einfügen könnte. Bei den christlichen Landsleuten haben weder sein Wesen, noch seine Leistungen aus Gerechtigkeit, geschweige denn auf Wohlwollen zu rechnen, mit den jüdischen Landsleuten hat er den Zusammenhang verloren; er hat das Gefühl, daß die Welt ihm gram ist, und er sieht keine Stelle, an der er Gemüthswärme finden kann, wenn er sie sucht und sich nach ihr sehnt. Das ist die sittliche Judennoth, die bitterer ist, als die leibliche, weil sie höher differencirte, stolzere, feiner fühlende Menschen heimsucht. Der emancipirte Jude ist haltlos, unsicher in seinen Beziehungen zu den Nebenmensche», ängstlich in seiner Berührung mit Unbekannten, mißtrauisch gegen die geheimen Gefühle selbst der Freunde. Seine besten Kräfte verbraucht er in der Unterdrückung und Ausrottung oder mindestens in der mühsamen Verhüllung seines eigensten Wesens, denn er besorgt, daß dieses Wesen als jüdisch anerkannt werden möchte, und er hat nie das Lustgefühl, sich ganz zu geben, wie er ist, er selbst zu sein, wie in jeden; Gedanken und Gefühle, so in jedem Ton der Stimme, in jedem Lidaufschag, in jedem Fingerspiel. Innerlich wird er verkrüppelt, äußerlich wird er unecht und dadurch immer lächerlich und für den höher gestimmten, ästhetischen Menschen abstoßend wie alles Unwahre. Alle besseren Juden Westeuropas stöhnen unter dieser Roth und suchen Rettung oder Linderung. Sie haben nicht mehr den Glauben, der die Geduld gibt, jedes Leid zu ertragen, weil er darin eine Schickung des strafenden, aber dennoch liebenden Gottes erkennt. Sie haben nicht mehr die Hoffnung, daß der Messias kommen und an einem Tage des Wunders sie zur Herrlichkeit erhöhen werde. Manche suchen sich durch Flucht aus dem Judenthum zu retten. Freilich läßt der Rassenantisemitismus, der die Umwandlungskraft der Taufe leugnet, diesen Rettungsplan wenig aussichtsvoll erscheinen. Es ist auch gerade keine Empfehlung für die Betreffenden, die doch meist ungläubig sind, — von der Minderheit der wirklich Gläubigen spreche ich natürlich nicht — daß sie mit einer gotteslästerlichen Lüge in die christ liche Gemeinschaft eintreten. Jedenfalls entsteht auf diese Weise ein neues Marranenthum, das schlimmer ist als das alte. Dieses hatte einen idealistischen Zug von geheimer Sehnsucht nach Wahrhaftigkeit, von herzbrechender Gewissensnoth und Reue und es suchte oft genug seine eigene Sühne und Reinigung in wohl erwogener, gewollter Blutzeugenschaft. Die neuen Marranen scheiden aus dem Judenthum mit Grinim und Erbitterung, aber ini innersten Herzen, wenngleich vor ihnen selbst uneingestanden tragen sie ihre eigene Erniedrigung, ihre eigene Unehrlichkeit, den Haß, der sie zur ihrer Lüge gezwungen auch dem Christenthum nach Mir graut vor der zukünftigen Entwicklung dieses Geschlechts der neuen Marranen, das sittlich von keiner Ueberlieferung gehalten wird, dessen Gemüth vergiftet ist durch Feindlichkeit gegen das eigene und das fremde Blut, dessen Selbstachtung zerstört ist durch das immer gegenwärtige Bewußtsein einer fundamentalen Lüge. Andere erhoffen das Heil vom Zionismus, der ihnen nicht die Erfüllung einer mythischen Verheißung der Schrift ist, sondern der Weg zu einem Dasein, in welchem der Jude endlich jene allereinfachsten, allerursprünglichsten Lebensbedingungen vorfindet, die für jeden Nichtjuden beider Welten das Selbstverständliche sind, nämlich den den sicheren gesellschaftlichen Halt, wohlwollende Gemeinschaft, die Möglichkeit, all' seine organischen Kräfte zur Entwicklung seines wirklichen Wesens zu verwenden, statt sie zu dessen Unterdrückung, Fälschung oder Verkleidung selbstzerstörend zu mißbrauchen. Noch andere endlich, die sich gegen die Lüge des Marranenthums empören, und die nnt ihrem Vaterlande zu innig verwachsen sind, um den Verzicht, den der Zionismus in letzter Folge in sich schließt, nicht als zu hart und grausam zu empfinden, werfen sich den« wildesten Umsturz in die Arme, mit deni unbestimmten Hintergedanken, daß bei der Vernichtung alles Bestehendeu und dem Aufbau einer neuen Welt der Judenhaß vielleicht doch nicht eines der Werthstücke sein möchte, die man aus den Trümniern der alten Verhältnisse in die neuen hinüberretten würde. Das ist das Gesicht, das Israel am Ausgang des 19. Jahrhunderts zeigt. Um es mit einem Worte zu sagen, die Juden sind in ihrer Mehrheit ein Stamm von geächteten Bettlern. Fleißiger und anschlägiger als der Durchschnitt der europäischen Menschen, von trägen Asiaten und Afrikanern nicht zu sprechen, ist der Jude zum äußersten Proletarierelend verurtheilt, weil ihm nicht gestattet wird, seine Kräfte frei zu gebrauchen. Seine Armuth zermürbt seinen Charakter und zerstört seinen Leib. Von einem nicht zu bändigenden Bildungshunger. Bildungsheißhunger durchfiebert, sieht er sich von den Stätten, wo Wissen gereicht wird, zurückgestoßen , ein wirklicher Bildungstantalus unserer unmythischen Zeit. Mit einem ungeheueren Auftrieb begabt, dessen Kraft ihn immer wieder aus den schlammigen Tiefen emporschnellt, in die man ihn hinabdrückt und zu begraben sucht, zerschellt er sich den Schädel an der dicken Eisdecke van Haß und Verachtung, die sich über seinem Haupte wölbt. Ein Gesellschaftswesen, wie kaum ein anderes, ein Gesellschaftswesen, den« sogar sein Glaube als verdienstliche und gottgefällige Handlung empfiehlt, zu Dreien zu essen und in Gemeinschaft von Zehn zu beten, ist er von der normalen Gesellschaft, der landsmännischen, ausgeschlossen, zurückgestoßen und zu tragischer Vereinsamung verurtheilt. Man klagt ihn der Vordringlichkeit an und er strebt doch nach Ueberlegenheit nur, w'eil man ihm die Gleichheit versagt. Man wirft ihm Zusammengehörigkeitsgefühl mit allen Juden der Erde vor und sein Unglück ist doch, daß er beim ersten Liebeswort der Emancipation alle jüdische Solidarität bis auf die letzte Spur aus seinen; Herzen gerissen hat, um für die Alleinherrschaft der Liebe zu seinen Landgenossen Raum zu gewinnen. Betäubt von dem Hagel antisemitischer Beschuldigungen, wird er an sich selbst irre, und ist oft nahe daran, sich thatsächlich für das biblische und geistige Scheusal zu halten, als das ihn seine Todfeinde darstellen. Man hört ihn nicht selten murmeln, er müsse vom Feinde lernen und sich von Gebrechen zu heilen suchen, die man ihm vorwirft und er bedenkt nicht, daß die antisemitischen Anklagen, für ihn gänzlich unfruchtbar und werthlos sind, weil sie nicht eine Kritik wirklich beobachteter Fehler, sondern die Wirkung jenes psychologischen Gesetzes sind, nach welchem Kinder, Wilde und boshafte Thoren für ihre Leiden Wesen oder Dinge verantwortlich machen, gegen die sie Widerwillen empfinden. Zur Zeit des schwarzen Todes beschuldigte man die Juden der Brunnenvergiftung; heute beschuldigen die Agragrier sie, den Getreidepreis zu drücken; die Handwerker beschuldigen sie, das Kleingewerbe zu vernichten; die Conservativen beschuldigen sie, grundsätzliche Regierungsgegner zu sein. Wo es keine Juden gibt, da bezeichnet man als Ursache derselben Uebelstände andere Bevölkerungsgruppen, die man haßt, meistens Fremde, nianchmal einheimische Minderheiten, Secten oderGesellschaften. Dieser Anthropomorphismus der Unlustgesühle beweist nichts gegen die Beschuldigten, er

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