Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Rede von Dr. Max Nordau
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 9 (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14. JWWC Srite 9. beweist nur, daß ihre Ankläger sie schon haßten, als sie zu leiden begannen und sich nach einem Sündenbock umsahen. Das Bild wäre nicht vollständig, wenn ich nicht noch einen Zug hinzufügte. Eine Sage, au die selbst ernste und gebildete Menschen glauben, die nicht einmal Antisemiten zu sein brauchen, behauptet, die Juden besäßen alle Macht und Herrschaft, die Juden besäßen alle Reichthümer der Erde. Sie, die unheimliche Handhabe der Gewalt, diese Juden, die nicht einmal im Stande sind, ihre Stammesgenossen gegen die Mordlust elenden arabischen, marokkanischen und persischen Gesindels zu schützen. Sie, die Verkörperung des Mammons, diese Juden, von denen reichlich die Hälfte keinen Stein besitzt, wo sie ihr Haupt hinlege, und keinen Fetzen, mit dem sie die Blöße ihres Leibes bedecke! Das ist der Hohn, welcher hinzutritt und Gift einträufelt, nachdem der Haß die Wunde geschlagen hat. Gewiß, es gibt einige Hundert überreiche Juden, deren lärmende Millionen weithin bemerkt werden. Aber was hat Israel mit diesen Leuten gemein? Die meisten von ihnen — eine kleine Minderheit nehme ich gerne aus — gehören zu den niedrigsten Naturen der Judenheit, die eine natürliche Auslese zu den Berufen bestimmt hat, in denen man rasch Millionen erwerben und manchmal Milliarden gewinnt, „fragt mich nur nicht wie". In einer normalen, vollständigen jüdischen Gesellschaft würden diese Menschen in Folge ihrer organischen Eigenschaften in der Volksachtung die al!e-''nterste Stufe einnehmen und jedenfalls niemals die Adelstitel und hohen Orden erhalten, mit denen die chrisü liche Gesellschaft sie auszeichnet. Das Judenthum der Propheten und Tanaim, das Judenthum Hillel's, Philo's, Jbn Gabirol's, Jehuda den Halewy's, Ben Maimon's, Spinoza's, Heine's kennt diese Geldprotzen nicht, die Alles geringschätzeir, was wir verehren, und die Hochhalten, was wir verachten. Diese Leute sind der Hauptvorwand des neuen Judenhasses, der mehr wirthschaftliche als religiöse Gründe hat. Für das Judenthum, das um ihretwillen leidet, haben sie nie etwas gethan, als daß sie Almosen hinwarfen, die für sie keine Opfer sind, und daß sie einen specifisch jüdischen Krebsschaden unterhalten, das Schmarotzerthum. Für ideale Zwecke ist ihre Hilfe nie zu haben gewesen und ivird sie nie zu haben sein. Viele verlassen denn auch das Fudenthiim, und wir wünschen ihnen Glück auf die Reise und beklagen nur, daß sie denn doch aus jüdischem Blute sind, wenn auch aus einem Bodensätze. Die Judennoth darf Niemand gleich giltig lassen, die christlichen Völker ebensowenig, wie die Juden. Es ist eine große Sünde, einen Stamm in geistiger und leiblicher Noth verkommen zu lassen, dem selbst seine schlimmsten Feinde Begabung nicht abgesprochen haben. Es ist eine Sünde ui ihm und es ist eine Sünde an dem Werke der Gesittung, an dem der jüdische Stamm ein nicht gleichgiltiger Mitarbeiter sein möchte und sein könnte Und es kann zu einer -roßen Gefahr für die Völker werden willensstarke Menschen, deren Maß im Guten wie im Schlechten über den Durchchnitt hinaüsreicht, durch unwürdige Behandlung zu verbittern und durch Verbitterung zu Feinden der bestehenden Ordnung zu machen. Die Mikrobiologie lehrt uns, daß!eiue Lebewesen, die harmlos sind, so lange sie in der freie» auft leben, zu furchtbaren Krankheitserregern werden, wenn man ihnen den Sauerstoff entzieht, wenn man sie, wie der sachausdröck lautet, in anäerobische Wesen verwandelt. Die Regierungen und Völker sollten Bedenken tragen, ns dem Juden ein anäerobisches Wesen zu machen. Sie 'unten es schwer mitzubüßen haben, was immer sie daun ach unternehmen würden, um den durch ihre Schuld zum chüdling gewordenen Juden auszurotten. Daß die Judennoth nach Abhilfe schreit, habe» wir -sehen. Die Abhilfe zu finden, wird die große Aufgabe - cs Congreffes sein, und nun trete ich das Wort an meine titberichterstatter ab, die das von mir in großen Um- 'H'n entworfene Bild ausführen und vervollständigen und ad bei deren Vorträgen Sie meist die Empfindling haben -'erden, „Kinnoth" auzuhören. (Die Versammlung rauscht hoch auf, Congreßmitglieder und Zuhörer haben sich von ihren Sitzen erhoben und rufen dem Redner stürmische Worte der Zustimmung und Begeisterung zu. N o r d a u geht die Stufen zum Präsidialtisch hinauf.) Nach Dr. N o r d a u kamen die Referenten der einzelnen Länder an die Weihe. Es begannen die „Kinoth", wie Dr. N o r d a u die Referate so charakteristisch nannte. Zuerst referirte Dr. Salz (Galizien). Der Referent schildert vorerst die Lage der Juden Galiziens in geistiger und politischer Beziehung. Redner weist nach, daß die galizischen Juden nicht immer sich auf der heutigen Stufe der Cultur und in dein heutigen Stande der Apathie befunden haben. Sodann schildert der Redner den jetzigen Bildungsstaud der galizischen Juden, weist darauf hin, daß es unter ihnen nur wenige Analphabeten gibt, denn während fast jeder fortgeschrittene Jude sein Kind in die öffentliche Schule schickt, läßt jeder Consewative seine Kinder int Chejder unterrichten. Die Jtlden in Galizien spielen in politischer Beziehung eine sehr klägliche Rolle. Im zweiten Dheile seiner Abhandlung über die wirthschaftliche Lage der Juden Galiziens setzte der Referent an der Hand statistischer Behelfe auseinander, daß von den 772.2l3 Galizien bewohnenden Juden 71 °/0 in den Städten und Städtchen wohnen. Wir besitzeik zwar in Galizien keinen Ansiedlungsrapon, wie in Rußland, und es ist den Juden Galiziens daher gestaltet, sich iibeeall anzusiedeln: die factischen Verhältnisse haben sich aber daselbst derart gestaltet, daß die Juden auf den Aufenthalt in bon Städten beschränkt sind. Die 71°/0 aller Juden Galiziens, die in den Städten und Städtchen zusammengepfercht ihr kümmerliches Dasein fristen, sind daher gezwungen, ans Mangel an anderen zugänglichen Erwerbszweigen ausschließlich den: Handwerke imb Handel obzuliegen. Ans Grund statistischer, ans einer Rundfrage gewonnener Daten wird nachgewiesen, daß gegen 70°/n der gesammten jüdischen galizischen Bevölkerung entweder schon Bettler sind oder aus dem sichersten Wege zur totalen Verarmung sich befinden. Eine Aussicht auf Besserung ist derzeit nicht vorhanden, im Gegentheile berechtigen alle vorliegenden Anzeichen zur Annahme, daß die Juden Galiziens einem sehr schweren und hartnäckigen Concurrenzkampf mit der einheimischen Bevölkerung entgegengehen, einen: Kampfe, in dem die Inden, als die schlvächeren, unbedingt unterliegen müssen. Der Verdrängungskainps gegen die Inden wird besonders wirksam durch die sog. „christlichen Kaufladen" und dnrch die jetzt in Oesterreich um sich greifenden christlich-socialen „Reformen" geführt. Es darf daher Niemanden Wunder nehmen, daß unter solchen Umständen die Proletarisirung und Verkümmerung der jüdischen Massen Galiziens in rapiden: Jvrlschreilen begriffen ist. (Lebhafte Zustiinmungsrufe.) Ueber England referirt Mr. de Haas: Er gibt eine kurze Uebersicht der religiösen, philanthropischen, wirih schaftlichen und socialen Verhältnisse der Juden in England. Er fährt aus, daß die englischen Juden alle ihre Wohlthätigkeilsanstalten aus eigenen Mitteln erhallen, ohne von der Regierung eine Unterstützung zu bekommen. „Wir haben in England eine vollständige politische Gleichheit. Aber wenn auch mehrere Jtlden tni englischen Parlamente sitzen, so ist dies kein Beweis ines großen politischen Einflusses. Die Juden haben heute nicht mehr denselben Einfluß, wie zu den Seiten von Damascus". Redner ist-der Ansicht des Dr. Nord au, daß die Etturncipatiou eine Jrage des Volksgefühles und nicht des Gesetzes ist. Das viele Geld, das die reichen Juden für jüdische Wohlthätigkeit spenden, ist ein Betveis, daß die Masse der Inden sehr arm ist. Redner schätzt die Zahl der armen Juden auf 58% bei einer Gesammtzahl von 150.000 Inden in England. Die Spenden für jüdische Anstalten betragen beiläufig 225.000 Pfd. St. Unter großer Aufmerksammkeit der Versammlung ergreift Herr Jacques B a h a r aus Paris das Wort zum Referat über die Lage der Juden in Algier. Herr Bahar spricht zuerst über die Ursachen des algerischen Antisemitismus. Nach Ansicht des Redners sind unsere dortigen Brüder die Opfer der politischen Interessen geworden, die sich an ihre Emancipirnng knüpften. Als im Jahre 1870 Wenn bet in eine republikanische Majorität benöthigte, gab ihm Erärnienr den Rath, die Wähler- und somit die Depntirlenzahl künstlich durch die Panschnaturalisirung der algerischen Jtlden zu erhöhen, da dieselben für ihre republikanischen Befreier doch stets wie ein Manu stimmen iniieden. Da die Ehristen aber auch republikanisch gesinnt waren, so kamen ihnen diese Verstärkungstruppen sehr gelegen. Allein sie mußten sich entzweien, als die Gambettaparlri an's Ruder kam und von den Juden Iren unlerstiitzt lvnrde, während sich die Ehristen der neuen Oppositionspartei anreihlen. Nun ist zu berücksichtigen, daß in Algerien die Beamlenbevölkerung überwiegend ist und daß die Ernennungen wie anderswo von der Re-