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Die Welt · 1897-09-03 · 14 (3.9.1897) · p. 7

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
14 (3.9.1897)
Article
Rede von Dr. Max Nordau
Date
1897-09-03
Page
7 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 14 Seite 7. Einrichtungen besitzen, z. B. Volksvertretung, Preßfreiheit, Schwurgericht, Trennung der Gewalten u. s. w Die Jndenemancipation nun war auch eines dieser unerläßlichen Einrichtungsstücke eines hochgesitteten staatlichen Hansrvesens, wie etwa das Piano, das int Salon nicht fehlen darf, auch wenn kein Familienmitglied Clavier spielt. So wurden in Westeuropa die Juden emancipirt nicht aus einem innern Drange, sondern in Nachahmung einer politischen Zeitmode, nicht weil die Völker sich im Gemüth entschlossen hatten, den Juden die Bruderhand zu reichen, sondern weil die führenden Geister ein gewisses europäisches Gesittungsideal anerkannt hatten, das auch erforderte, daß im Gesetzbuch die Judenemancipation stehe, Nur auf ein Land findet all' das keine Amvendung Das ist England. Das englische Volk läßt sich feine Fortschritte nicht von außen aufnöthigen. Es entwickelte sie aus sich heraus. In England ist die Emancipatiou eine Wahrheit. Sie ist nicht blos geschrieben, sie wird gelebt. Sie ivar im Geniüthe längst vollzogen, als sie vom Gesetzgeber ausdrücklich bestätigt wurde. Aus Achtung vor dem Hergebrachten scheute man sich in England noch, die gesetzlichen Rechtsbeschränkungen der Non-Conformisten förmlich aufzuheben, als die Engländer schon reichlich seit einem Menschenalter gesellschaftlich keinen Unterschied mehr zwischen Christen und Juden machten. Natürlich läßt ein großes Volk mit intensivstem Geistesleben sich von keiner geistigen Strömung, auch von keiner geistigen Verwirrung der Zeit ausschalten und so wird auch in England der Antisemitismus vereinzelt beobachtet. Aber er hat dort nur die Bedeutung der Nachahmung einer festländischen Mode, die von Einfaltspinseln au Zierbengelei und Geckenhaftigkeit als das bleueste aus der Frenide, als etivas vermeintlich Vornehmes zur Schau getragen wird. Aber im Ganzen werden Sie finden, daß der an Thatsachen und Zahlenangaben so reiche Bericht des Mr. de Haas über die Lage der Juden der tröstlichste, erfreulichste von allen ist, die Ihnen vorgelegt werden. Die Emancipatiou hat die Natur des Juden vollständig umgewandelt und ans ihm ein anderes Wese» gemacht. Der rechtlose Jude der Voremancipationszeit mar ein Fremder unter den Völkern, aber er dachte keinen Augenblick daran, sich gegen dieses Verhältnis aufzulehnen. Er fühlte sich durchaus als Angehöriger eines besonderen Stammes, der mit den übrigen Landsassen nichts gemein hat. Er liebte das vorgeschriebene gelbe Judenrad am Mantel nicht, weil es eine amtliche Aufforderling an den Pöbel zu Rohheiten war und sie im Voraus obrigkeitlich rechtfertigte, aber freiwillig hob er seine Sonderart viel stärker hervor, als es der gelbe Fleck thun konnte. Wo ihn nicht die Behörden in ein Ghetto einmauerten, da richtete er selbst sich ein Ghetto ein. Er wollte mit den Seinigen Hausen und mit den christlichen Landsassen keine anderen als geschäftliche Berührungen haben. In das Wort Ghetto schwirren heute Obertöne von Schmach und Erniedrig» § hinein. Der Völkerpsycholög und Sittengeschichtsschreiber aber erkennt, daß das Ghetto, ivas immer es auch in der Absicht der Völker gewesen sein mag, von den Juden der Vergangenheit nicht als Gefängnis;, sondern als Zufluchtstätte emslr «den wurde. Es entspricht der geschichtlichen Wahrheit, n, enn man sagt, daß nur das Ghetto den Juden die MöglZJeit bot, die entsetzlichen Verfolgungen des Mittelalters zu überdauern. Im Ghetto hatte der Jude seine eigene Welt. Es war ihm die sichere Heiiustätte, die für ihn die geistige und sittliche Bedeutilng eines Vaterlandes hatte. Hier waren die Genossen, bei denen man gelten wollte, aber auch gelten konnte. Hier bestand die öffentliche Meinung, deren Anerkennung das Ziel des Ehrgeizes, deren Geringschätzung oder Unwille die Strafe der Umvürdigkeit war. Hier wurden alle specisisch-jüdischen Eigenschaften geschätzt und durch ihre besondere Entwicklung war die Bewunderung zu erlangen, die der scharfe Sporn der Menschenseele ist. Was lag daran, daß man außerhalb des Ghettos verachtete, was man im Ghetto pries? An der Meinung der Außenstehenden lag nichts, denn es war die Meinung unwissender Feinde. Man strebte, den Brüdern zu gefallen und das Gefallen der Brüder war ein würdiger Lebensinhalt. So lebten die Ghettojuden in sittlicher Hinsicht ein Vollleben. Ihre äußere Lage war unsicher/ oft schwer gefährdet, innerlich aber gelangten sie zur allseitigen Ausgestaltung ihrer Eigenart und sie hatten nichts Fragmentarisches au sich. Sie waren harmonische Menschen, denen keins der Elemente des Normaldaseins eines Gesellschastsmenschen fehlte. Sie fühlten auch triebhaft die ganze Bedeutung des Ghettos für ihr Innenleben und sie hatten nur die eine Sorge, seinen Bestand durch eine unsichtbare Umwallung zu sichern, die noch viel dicker und höher war, als die Steinmauern, die es greifbar einschlossen. Alle jüdischen Gebräuche und Gewohnheiten verfolgten unbewußt nur den einen Zweck, das Judenthum durch Absonderung von den Völkern zu erhalten, die jüdische Gemeinschaft zu pflegen, dem einzelnen Juden fortwährend gegenwärtig zu halten, daß er sich verlor und unterging, wenn er seine Sonderart aufgab. Dieser Absonderungsdrang war die Quelle der meisten Ritualgesetze, die sich für den Durchschnittsjuden mit dem Begriff des Glaubens selbst decken, und auch andere rein äußerliche, oft zufällige Unterscheidungsmerkmale in Tracht und Gehaben erhielten, so wie sie erst bei den Juden recht eingebürgt waren, religiöse Weihe, dainit sie umso sicherer bewahrt würden. Kaftan, Schläsenlocke, Pelzmütze, Jargon haben offenbar nichts mit Religion gemein. Die Juden des Ostens betrachten es mißtrauisch schon als Beginn der Abtrünnigkeit vom Glauben, wenn ein Stammesgenosse sich europäisch kleidet und irgend eine europäische Sprache richtig spricht. Denn er hat Bande zwischen sich und den Stammesgenosseu durchschnitten, sie aber fühlen, daß diese Bande allein ihnen jenen Zusammenhang mit einer Gemeinschaft gewährleisten, ohne den das Individuum sich auf die Dauer sittlich, seelisch, zuletzt auch stofflich nicht zu behaupten vermag. Das war die Psychologie des Ghettojuden. Nun kam die Emancipatiou. Das Gesetz versicherte die Juden, daß sie Vollbürger ihres Geburtslandes seien. Es übt auch eine gewisse Suggestion auf diejenigen, die es gaben, und veranlagte in seinen Flitterwochen auf christlicher Seite Gemüthsäußerungen, die das Gesetz herzerwärmend erläuterten. Die Juden beeilten sich in einer Art Rausch, die Brücke sofort hinter sich abzubrechen. Sie hatten nun ein anderes Vaterland, sie bedurften des Ghettos nicht mehr; sie hatten einen anderen Anschluß, da brauchten sie sich nicht mehr an die Glaubensgenossen zu nesteln Ihr Trieb der Selbsterhaltung paßte sich sofort und vollständig den neuen Daseinsbedingungen an. Früher war dieser Trieb aus schroffste Absonderung gerichtet gewesen, jetzt strebte er nach äußerster Annäherung und Anähnlichung. An die Stelle er rettenden Gegensätzlichkeit trat die förderliche Mimicry. „in oder zwei Menschenalter lang, je nach dem Lande, mit überraschendem Erfolg. Der Jude durste glauben, er sei!\tr noch Deutscher, Franzose, Italiener u. s. V, wie jeder andere seiner Landsleute und er schöpfe aus derselben Voiksguelle wie sie das Maß von Gemeiuleben, das zur vollen Entwicklung des Individuums unentbehrlich ist. Da brach nach einem Schlummer von 30—^0 Jahren, vor etwa zwei Jahrzehnten, der Antisemitismus in Westeuropa von Neuem aus den Tiefen der Volksseele hervor und enthüllte vor dem Auge des entsetzten Juden seine wirkliche Lage, die er nicht mehr gesehen hatte. Er durfte noch immer bei der Wahl der Volksvertreter mitstiiumen, aber er sah sich aus den Vereinen rmd Versammlungen seiner christlichen Landsleute sanft oderbarsch ausgeschlossen. Er hatte noch immer das Recht der Freizügigkeit, aber allerorten stieß er aus Aufschriften, die ihm bedeuteten: „Juden ist der Eintritt verboten." Er hatte noch immer das Recht, alle Pflichten des Staats-

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