Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 14 (3.9.1897)
- Article
- Rede von Dr. Max Nordau
- Date
- 1897-09-03
- Page
- 6 (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 6. jk#wde Nr, 14. Aus Bulgarien tönt uns derselbe Klageschrei entgegen: ein heuchlerisches Gesetz, das keinen Unterschied des Rechtes wegen Verschiedenheit des Glaubens kennt, über das die Behörden sich jedoch hinwegsetzen; eine Feindseligkeit in allen Kreisen, die den Juden überall zurückscheucht. Noth und Elend ohne Hoffnung auf Besserung bei der weitaus überwiegenden Mehrheit der Juden. In Ungarn klagen die Juden nicht. Sie sind iiu Vollbesitze aller Bürgerrechte, sie dürfen arbeiten und erwerben und ihre wirthschaftliche Lage wird besser. Freilich dauert dieser glückliche Zustand noch nicht lange genug, uni der Mehrheit der Juden erniöglicht zu haben, sich aus der tiefsten Armuth herauszuarbeiten, und so sind die meisten Juden auch in Ungarn selbst noch nicht zu einem Anfang von Wohlstand gelangt. Ueberdies versichern .Kenner der Verhältnisse, daß auch in Ungarn der Judenhaß unter der Decke fortglimmt und bei erster Gelegenheit verheerend ausbrechen wird. Die 150.000 Juden von Marokko, die von Persien, deren Zahl mir nicht bekannt ist, muß ich veruachläßigen. Die Aermsten haben nicht einmal mehr die Kraft, sich gegen ihr Elend aufznlehnen. Sie tragen es in stumpfer Ergebung, sie klagen nicht und rufen unsere Aufmerksamkeit nur a», wenn der Pöbel in ihr Ghetto einbricht und unter hnen plündert, schündet und mordet. Die Länder, die ich angeführt habe, bestimmen die Geschicke von weit über 7 Millionen Juden. Sie alle, mit Ausnahme von Ungarn, drücken durch Rechtsbeschränkung und amtliche oder gesellschaftliche Ungunst die Juden zum Stand der Proletarier und Bernfsarmen hinab, ohne ihnen auch nur die Hoffnung zu lasse», durch noch so große Einzel- oder Gesammt-Austrengung sich über diese wirthschnstliche Lage zu erheben. Die gewissen „praktischen" Leute, die sich jede „unfruchtbare Träumerei" versagen und ihr Streben auf Nächstliegendes, Erreichbares richten, sind der Meinung, daß die Aufhebung der gesetzlichen Reclstsbeschrüukiiugeu dem Elend der Juden in Osteuropa abhelfen würde. Galizien übernimmt es, die Kritik dieser Meinung zu liefern. Und nicht Galizien allein. Das Heilmittel der gesetzlichen Emancipation ist in allen Staaten der obersten Gesittungsstufe als Heilmittel versucht worden. Sehen wir, was das Experiment lehrt. Die Juden Wesleuropa's sind keiner Rechtsbeschränknng unterworfen. Sie dürfen sich frei bewegen und entwickeln, genau wie ihre christlichen Landgenoffen. Die wirthschaftlichen Folgen dieser Bewegungsfreiheit waren denn auch unzweifelhaft die günstigsten. Die jüdischen Rasseneigenschaften des Fleißes, der Beharrlichkeit, der Nüchternheit, der Sparsamkeit bewirkten die rasche Abnahme des jüdischen Proletariats, das in manchen Länder» vollständig verschwunden wäre, wenn es nicht durch jüdische Einwanderung aus dem Osten genährt würde. Die emancipicrten Juden des Westens gelangen verhältnißmäßig rasch zu mäßigen Wohlstand. Jedenfalls nimmt daS Ringen um das tägliche Brod bei ihnen nicht die schauerlichen Formen an, die in Rußland, Rumänien und Galizien beschrieben werden. Aber unter diesen Juden wächst die andere Judennoth empor, die sittliche. Der Jude des Westens hat Brot, aber mau lebt nicht von Brot allein. Der Jude des Westens sieht Leib und Leben kaum mehr vom Pöbelhaß gefährdet, aber die Wunde» des Fleisches sind nicht die einzigen, die schmerzen und au denen man sich verblutet. Der Jude des Westens hat die Eniancipatiou als wirkliche Befreiung gedeutet und sich beeilt, aus ihr die letzten Folgerungen zu ziehen. Die Völker bedeuten ihm, daß er Unrecht habe, so unbefangen logisch zu sein. Das Gesetz richtet großmnthig die Theorie der Gleichberechtigung auf. Regierung und Gesellschaft üben eine Praxis der Gleichberechtigung, die aus dieser einen Hohn machen, wie die Ernennung Sancho Pausas zum glänzende» Posten eines Vicekönigs der Insel Barataria. Der Jude sagt naiv: „Ich bin ein Mensch und nichts Menschliches erachte ich als mir fremd". Ihm tönt die Antwort entgegen: „Gemach; dein Menschcnthum ist mit Verficht zu genießen; dir fehlen der richtige Ehrbegriff, das Pflichtgefühl, die Sittlichkeit, die Vaterlandsliebe, der Idealismus und wir müssen dich deshalb von allen Vorrichtungen fernhalten, die diese Eigenschaften voraussetzen." Durch Thatsachen hat man diese furchtbaren Beschuldigungen niemals zu begründen versucht. Höchstens wird ab und zu das Beispiel eines einzelnen Jude», eines Auswurfes seines Stammes und der Menschheit, triumphierend augeführt und allen Gesetzen des richtigen Denkens und Schließens entgegen kühn verallgemeinert. Aber das ist psychologisch mohlbegründet. Es ist die Gewohnheit des menschlichen Bewußtseins, für die Vorurtheile, die das Gefühl in ihm wachruft, nachträglich vernünftig scheinende Begründungen hinzu zu erfinden. Die Volksweisheit hat dieses psychologische Gesetz längst erkannt und in ihrer anschaulichen Weise in ausdruckvolle Formeln gefaßt. „Wenn mau einen Hund ersäufen will", sagt das Sprichwort, „so behauptet man, er sei toll". Man dichtet den Juden alle Laster an, weil man sich selbst beweisen will, daß man Recht hat, sie zu verabscheuen. Aber das Vorbestehende ist eben, daß mau die Juden verabscheut. Ich muß das schmerzliche Wort anssprechen: Völker, die die Juden emaneipierteu, haben sich einer Selbsttäuschung über ihre Gefühle hingegeben. Um ihre volle Wirkung zu üben, mußte die Emancipation im Gefühl vollzogen sein, ehe sie im Gesetz ausgesprochen wurde. Das war aber nicht der Fall. Das Gegeutheil war der Fall. Die Geschichte der Judenemancipation ist eines der merkwürdigsten Hnuptstücke der Geschichte des europäischen Denkens. Die Judeuemancipation ist nicht die Folge der Einsicht, daß man sich an einem Stamme schwer vergangen, daß man ihm Entsetzliches zuzefügt habe und daß es an der Zeit sei, tausendjähriges Unrecht zu sühnen; sie ist einzig die Folge der geradlinig geometrischen Denkweise des französischen Rationalismus im 1A Jahrhundert. Dieser Rationalimus konstruierte sich mit der reinen Logik, ohne Rücksicht auf das lebendige Gefühl, Grundsätze, von der Bestimmtheit eines mathematischen Axioms und bestand darauf, dieses Gebilde der reinen Vernunft in der Welt der Wirklichkeiten zur Geltung zu bringen. „Eher sollen die Colonien umkommen als ein Grundsatz!" lautet der bekannte Ausruf, der die Anwendung der rationalistischen Methode auf die Politik zeigt. Die Judenemancipation stellt eine andere gleichsam automatische Anwendung der rationalistischen Methode dar. Die Philosophie Rousseaus und der Eucyklopädisteu halte zur Erklärung der Menschenrechte geführt. Aus der Erklärung der Menschenrechte leitete die starre Logik der Männer der großen Umwälzung die Judenemancipation ab. Sie stellten eine regelrechte Gleichung auf: jeder Mensch hat von Natur gewisse Rechte; die Juden sind Menschen; folglich haben die Juden von Natur alle Menschenrechte. So wurde in Frankreich die Judenemancipation verkündet, nicht aus brüderlichem Gefühle für die Juden, sondern weil die Logik es erforderte. Das Volksgefühl sträubte sich sogar dagegen, aber die Philosophie der Umwälzung gebot, die Grundsätze über das Gefühl zu stellen. Gestatten Sie mir den Ausdruck, der keine Undankbarkeit in sich schließt: die Männer von 1792 emaucipierten uns aus Principienreiterei. Und jetzt ahmte» andere Nationen das Beispiel der französischen Revolution nach, wieder nicht unter dem Drange des Gefühls, sondern weil die gesitteten Völker eine Art sittlicher Nöthigung empfanden, sich die Errungenschaften der großen Umwälzung auzueigue». Wie das Frankreich der Revolution der Welt das metrische System der Maaße und Gewichte gab, so schuf es eine Art geistige» Urmeters, den die übrigen Länder wider strebend oder bereitwillig als Normalmaaß ihres Gesittungsstandes annahmen. Ein Land, das den Anspruch erhob, ans der Höhe der Gesittung zu stehen, mußte gewisse, von der großen Revolution geschaffene, übemommene oder entwickelte