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Die Welt · 1897-08-27 · 13 (27.8.1897) · p. 5

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
13 (27.8.1897)
Article
Der Congreß und die deutschen Juden
Date
1897-08-27
Page
5 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 13. JPk#wde Seite 5. Frage irgendwie zu denken wäre. Die Deutschen, die Franzosen, die Russen müssen also erst fest und sicher auf der ererbten Scholle sitzen, ohne daß sie von dem nationalen Nachbar etwas zu befürchten haben. Sie dürfen auch nicht allzu oft in persönliche Berührung mit ihm kommen, weil sonst, trotz aller gemeinsamen europäischen Bildung, die innersten Gegensätze von Temperament und Nationalcharakter gar bald Hindurchbrechen würden. Das Bedürfniß nach einem Gegensatz, nach einem Oben und Unten, sowie auch nach Entweder — Oder, wurzelt viel zu tief und ewig in der Menschennatnr, um jemals ansgerodet zu werden. Sind wir den Kampf uni die Futterstelle wirklich einmal losgeworden, dann werden eben Eitelkeit und Ehrgeiz, grundlose , instinctive Sympathieen und Antipathieen in die Schranken treten. Der Socialist, der das nicht glauben will, muß trotzdem zugeben, daß in der Gegenwart der sociale Klassenkampf durch solche uncontrolirbare Regungen des Unterbewußtseins wesentlich verschärft wird. Schon der Nationalhaß der europäischen Volker unter einander spielt in ihrer Wirthschaftspolitik beträchtlich nüt und stört die . Reinheit des socialistischen Experimentes. Diese Trübung ist aber nur ein Kinderspiel gegenüber der grenzenlosen Verwirrung, welche zu entstehen pflegt, sobald der leidige Judenhaß erst in Action tritt. Schon die deutschen Socialdemokraten, welche über die theoretisch geschulteste und bestdisciplinirte Parteitruppe der Welt verfügen, haben Mühe genug, die Genossen von antisemitischen Regungen möglichst freizuhalten. Die Socialdemokraten in Oesterreich wagen einen solchen Versuch überhaupt nicht und drücken lieber beide Augen zu, wenn die Arbeitermassen in den Wein ihres Marxismus noch ein bischen antisemitischen Brandy schütten. Wären keine Juden in Oesterreich und auch kein Judenhaß, so hätten die Socialdemokraten längst schon die doppelte Zahl von Stimmen erzielt. Auch die deutschen Socialdemokraten würden dann nicht so viele Knüppel auf ihrem Wege finden. Der Mittelstand, soweit er noch lebensfähig ist, wäre ihnen längst anheimgefallen, und die Elemente, welche dem Untergang geweiht sind, dürften ohne die weitschallende Resonanz des Judenhaßes kaum noch die Kraft zu einem ernsthaften Widerstand finden. Also haben die Socialdemokraten, um den von ihnen construirten und ersehnten Entwicklungsgang der biirgerlichen Gesellschaft zu beschleunigen, das größte Interesse daran, die Judenfrage so schnell wie möglich aus der Welt zu schaffen. Noch viel größeres Interesse haben natürlich jene jungen deutschen Juden, die mit dem deutschen Wesen viel zu fest verwachsen sind, um jemals von ihm loszukommen. Irgendwo sagt Goethe, daß Niemand los wird, was ihm angehört, auch wenn er es fortwirst. Vom antisemitischem Deutschland werden diese jungen Juden fortwährend verworfen und fortgeworsen — sie bleiben Deutsche. Aber sie erleiden auch Seelenqualen furchtbarster Art, und ergreifen die wunderlichsten Mittel, um sich zu helfen Sie schreien entweder noch viel lauter als die Antisemiten über semitische Unsitten, oder sie stecken den Kopf in den Sand und treiben Vogel-Strauß-Politik. So verschieden diese Methoden sich nun auch ausnehmen, so verwechseln doch ihre Vertreter in ganz gleicher Weise Ursache und Wirkung und versteifen sich aus utopistische Unmöglichkeiten. Beide Theile glauben offenbar, daß wirkliche oder erdichtete, jüdische Untugenden die Ursache des Antisemitismus waren. Aber der Antisemitismus entsteht nicht, weil die Juden schlechte Eigenschaften haben, sondern weil der uralte Judenhaß noch immer fortbesteht, werden ihnen so viele schlechte Eigenschaften geradezu angedichtet oder wenigstens viel höher angerechnet, als jedeni anderen Staatsbürger. Es ist also völlig überflüssig, ein schallendes „Höre Israel" in den Wald hineinzurufen. Wenn Israel auch wirklich hörte und allein von allen Völkern dieser Erde es fertig bekäme, keine Gauner und Spitzbuben in seiner Mitte zu haben — der Judenhaß würde schon etwas anderes ausfindig machen. Und es bleibt eine Wahrheit, „Musterknaben" können die Juden auch nicht sein. Freilich schlagen die Abwehrmänner aus der Schule des Herrn Rickert zuweilen einen Ton an, daß man unwillkürlich und ironisch an den bekannten Vers denkt: „Dies Kind, kein Engel ist so rein." Diese dumme Uebertreibung bietet dem lauernden Gegner die ärgsten Blößen, und sie würde überdies nichts nützen, selbst wenn sie wahr wäre. Es ist eben ein ganz unbegreiflicher, rationalistischer Jrrthum, daß inan uralten Instinkten und Antipathieen durch Widerlegung und Belehrung beizukommen hofft. Kürzlich erst versuchte im „Berliner Tageblatt" ein geistreicher Schriftsteller, durch ein gar nicht übles, rationalistisches Gleichniß den Antisemitismus ad absurdum zu führen. Würden in Berlin, so construirte er, etwa achtzigtausend Menschen verurtheilt sein, auf ihrem Rücken immer ein Placat zu tragen, so wiirde zwischen ihnen und der Bevölkerung sich bald ein Gegensatz, wenn nicht directe Feindschaft herausbilden. Sobald nun, wie es gar nicht anders sein kann, unter diesen achtzigtausend Placatmenschen auch Spitzbuben auftauchen, so wird es sofort, unisono, im Publikum verlauten: Na ja, so ein Plakatmensch. Otto Ernst hat mit diesem Gleichniß ohne es zu wissen, den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Juden sind nämlich wirklich, im Vergleich zu den indogermanischen Europäern, richtige Placatmenschen. Ihr Gesicht ist das Placat, an welchem nicht die Willkür der Menschen, sondern die ewige Natur und die Entwicklung zweier Jahrtausende geschrieben haben. Es ist völlig müßig, sich herumzustreiten, ob die Juden reine Semiten sind oder ob auch arisch-alarodisches Blut in ihren Adern fließt. Genug, sie sind anders, als die Völker unter denen sie leben. Und weil sie anders sind, darum lösen sich starke Antipathien gegen sie aus und wird der Antisemitismus erst verschwinden, wenn dieses andersgeartete Volk entweder auf eigener Scholle sitzt oder in den Gastvölkern spurlos aufgeht. Auf dieses Ziel sollten die jungen, deutschen Juden energisch hinarbeiten, statt sich in unerträglich orakelhaftem Ton über Semiten und Antisemiten moralisch zu entrüsten. Wenn diese jungen Juden aber den richtigen Weg erkannt haben, dann werden sie sich wohl oder übel auch mit dem Zionismus auseinandersetzen müssen — ebenso wie die Socialdemokraten, welche einsehen, das eine Beseitigung des Judenhaßes nur ihnen selbst und der internationalen Lösung der socialen Frage zu Gute kommt. Was will der Zionismus? Er will solchen Juden, die sich in ihrem Geburtsland nicht assimiliren können oder wollen, eine staatsrechtlich garantirte Heimat schaffen. Keineswegs also, wie man fabelt, allen Juden. Wer in seinem Geburtsland Aussicht hat, vollständig assimilirt zu werden, oder sich mit der Cultur, die ihn umgibt, vollkommen verwachsen fühlt, der soll auch nicht mit brutaler Hand herausgerissen und zu einem plumpen, dummen Chauvinismus gezivungen werden. Leider sind Millionen Juden, besonders in Osteuropa, nicht in dieser Lage. Auch wenn sie wollten, könnten sie sich nicht assimiliren — die Gastvölker winken deutlich ab. Was soll nun aus diesen Juden werden? Ihre Lage steigert sich bis zur Unerträglichkeit, und sie strömen nach Ländern ab, welche günstigere Bedingungen zu bieten scheinen. In Deutschland steht es imnier noch wesentlich besser, als in Rußland, und so überschreiten jahraus, jahrein, unzählige russische und polnische Juden die deutsche Grenze. Ihre in Deutschland geborenen „Glaubensgenossen" lassen es an Unterstützung und Wohlthätigkeit jeder Art gewiß nicht fehlen — besonders sorgen sie für Reisegeld nach Amerika, so daß die armen Flüchtlinge bald auch dem deutschen Land den Rücken kehren. Denn diesen Wohlthätern, obwohl sie es nicht gern zugeben, ist der ununterbrochene Zuzug russisch-polnischer Juden im höchsten Grade fatal, weil sie recht gut wissen, daß diese Emigration ihren antisemitischen Gegern neue Waffen in die Hände drückt und die Assimilation im hohen Grade erschwert. Vollkommen richtig. Aber, so muß man fragen, sollen sich die Juden in Rußland, Polen und Rumänien, um ihren deutschen Brüdern das Vergnügen nicht zu stören.

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