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Die Welt · 1897-08-27 · 13 (27.8.1897) · p. 6

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
13 (27.8.1897)
Article
Der Congreß und die deutschen Juden
Date
1897-08-27
Page
6 (sequence 4)
Language
German
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Seite 6. MHWl." Nr. 13. ruhig chicaniren, mißhandeln und morden lassen? Das laut zu verlangen, wagt freilich Keiner. Aber der latente Wunsch, daß das Pack doch lieber im Lande bleiben möchte, lebt instinktiv in vielen Juden. Ist das nicht, gerade herausgesagt, eine Schmach? Verdient eine Nation oder meinetwegen Secte, die sich nur mit Heulen und Zähneklappern ihrer Angehörigen anzunehinen wagt, nicht im vollsten Maße den Haß und Hohn des Gegners? Auch ist es eine Gewissenlosigkeit, wie keine sonst, diese Unglücklichen mit dem Reisebiller rasch irgendwohin zu expediren, ohne für ihre Zukrmft die mindeste Sorge zu tragen. Oder sollen die Colonieen in Argentinien das Hilfsmittel für alle Zukunft sein? Nun, nach dem letzten Jahresbericht der leitenden Gesellschaft ist dieser ganze Colonisationsversuch schon so gut wie gescheitert. Würde er aber auch den wunderbarsten Fortgang von der Welt nehme», man stünde gar bald doch wieder auf dein alten Fleck. Mit tödtlicher Sicherheit läßt sich vorauswetten, das; die steigende jüdische Bevölkerung in Argentinien sofort auch, wie den Funken aus dem geschlagenen Stein, den Antisemitismus herauslockcn wird. Daun dürfte sogleich ein Einwanderungsverbot folgen, und als zweiter Streich, vielleicht eine brutale Mißhandlung der schon ansäßigen, jüdische» Bevölkerung. Wie gesagt, wir ständen ans dem alten Fleck, und es bleibt gar kein anderes Mittel, als daß de/ Boden, welcher den vertriebenen Inden zur zweiten Heirnat werden soll, ihnen auch von den Mächten garantirt wird, daß der „Judenstaat" als ein staatsrechtlich anerkanntes Glied der Völkerfamilie offen und ivürdig in die Erscheinung tritt. Der politische Zionismus erstrebt nichts anderes, als eine Beeinflußung der Mächte, um sie für eine solche Lösung der Judenfrage günstig zu stimmen. Auch haben ja alle Staaten und Nationen das größte Sclbstinteresse an der Bewältigung dieses Problems, da sie thatsüchlich alle unter der „Judennoth" leiden. Der Antisemitismus der Völker bereitet auch den Regierungen die ernsteste Verlegenheit und erschwert unendlich die ganze innere Politik, die Lenkung der Parlamente und Parteien. Sogar Czar Alexander III., der sich in seinem Vorgehen gegen die Juden durch westeuropäische Sentimentalitäten nicht beirren ließ, gestand am Ende seiner Laufbahn in einer Marginalnote, das; es unmöglich wäre, die Juden loszuwerden, und das; mau sie wohl als eine von Gott über Rußland verhängte Prüfung anzusehen hätte. Sehr natürlich. Einen so großen Procentsatz der Bevölkerung konnte die russische Regierung »ich! ohne weiteres, wenigstens nicht pur orclrv de moufti, todtschlage» lasse», und »och weniger ging es an, die Juden auszuweisen — die anderen Staaten hätten sie mit bestem Dank dem Herrscher aller Reußen wieder zurückgcschickt. So konnte man wohl jüdische Ghettos schaffen, konnte die Mißliebigen ans bestinmite Landestheile beschränken und ihre Lage jammervoll verschlimmern — loswerden aber konnte man sie nicht. Und man möchte es doch, ach so gerne! Also werden die Staatsmänner Europas de» Zio nisten gewiß ein geneigtes Ohr schenken, wenn sie ihre Fordertingen zu begründen wissen und repräsentative Organisationen schaffe», mit denen die Regierungen verhandeln können. Die deutschen Juden aber und auch die jüdischen Socialdemokraten können den Zionismus ruhig gewähren lassen oder mindestens wohlwollende Neutralität bewahren. Keiner, noch einmal sei es gesagt, denkt daran, den deutschen Jude» zu zwingen, das; er sein Deulschthuin aufgebe. In Wahrheit ist er dann erst Deutscher, wenn die Gluth des Judenhaßes nicht mehr emporflammt und die einströmenden Inden des Ostens die Assimilation nicht mehr erschweren. Vorläufig thun sie das rmd müssen das thun, ihrer bedrängten Lage wegen. Es wäre furchtbar unmenschlich rmd zugleich, so lange der Antisemitisinus noch besteht, auch absolut unnütz, wen» die deutschen Jude» ihre Solidarität mit den osteuropäischen Stainmesgcnossen verleugnen wollten. Das geht nicht, dafür sorgen schon die Antisemiten, Noch weniger dürfen die deutschen Juden sich beruhigen, wenn sie sich die lästigen Eindringlinge durch Wohlthätigkeitsacte glücklich wieder vom Halse geschafft haben. Diese kurzsichtige Methode, die nur an den Augenblick denkt, ist ungeheuer leichtfertig, sogar frivol, und kann noch ein Ende mit Schrecken nehmen. Die thörichte Angst aber, daß die Antisemiten das Bekenntnis; zum Zionismus in ihrem Sinne auszubeuten wissen würden, verdient überhaupt keine ernsthafte Discussion mehr. Der jüdische Staat wird für die Üeberzahl von Juden, die die Staaten und Nationen nicht verschlucken können, einen legitimen Abstuß schaffen. Die Juden aber, die zurückbleiben, können sich vollständig assimiliren und brauchen unliebsame Emigrationen weiter nicht zu fürchten. Der Judenhaß verlischt dann in sich selbst, wie ein Feuer, dem der Brennstoff ausgegangen ist. Dieses Endziel. wenn wir es erreichen, wäre ein so enorm hoher Gewinn, daß wir wohl die Gefahr einer vorübergehenden Stärkung des Antisemitismus ruhig mit in den Kauf nehemen könnte». Besteht aber überhaupt diese Gefahr? Wer den Antisemitismus für ein Product des Unterbewußtseins unb dunkler Instinkte hält, die nicht nach Gründen lind Gegengründen fragen, der glaubt überhaupt nicht, daß irgend ein äußeres Ereigniß den Judenhaß zu stärken oder zu schwächen verniag Jedenfalls hoffen wir, daß in der deutsch-jüdischen Jugend noch reichlich Stolz und Ehrgefühl vorhanden ist, um von diesem Appell an ihre Feigheit gänzlich unberührt zu bleiben. Und ferner hoffen nur, das; der jüdische Socialdcmokrat, dessen Herz für die ganze, unterdrückte Menschheit glüht, darüber auch seine nächsten Angehörigen nicht ganz vergißt. Er braucht keinen Conflict der Pflichten zu befürchten, da ja, ivie mehrfach schon erwähnt, die Socialdemokratie nur gciviniien kann, wenn die leidige Judenfrage von der Bildfläche verschwindet. Der jüdische Socialdeniokrat kann also Zionist sein, eben so gut, wie ein Genosse, der seinen Beitrag für die Parteicasse spendet, daneben auch für Eltern und Geschwister sorgen darf. Der: Soirgrrotz. Die vorbereitende Commission hat bereits einen Secretär des Congreßbureaus von Wie» nach Basel geschickt. Alle Zuschriften und Telegramme wolle man einfach adressiren: Zi oni sten -C on gre s; Basel. -st -st Diejenigen Delegirten, welche bisher ihre Mitgliedskarten nicht erhalten haben, brauchen ihre Abreise darum nicht zu verschieben. Sie werden die Duplikate in Basel vom Congrcßburea» erhalten. -st -st -st Das unter Aufsicht des Rabbiners Cohn stehende jüdische Restaurant ist das „Hotel Braunschweig", Basel, Spolenvorstadt. Folgende Hotels in Basel empfehlen sich den Congreßbesuchern: Basler Hof, Wilder Mann, Deritscher Hof und Hotel Krafft. Der Lemberger Zionverein „Jvria" sendet Herrn Schiller als Delegirten nach Basel. * -st * 5Yr Verein „Bnai ^>wn" in n v o $ l ei it und die „Akademische Verbindung" in diesen'. Vereine werden durch Herrn Tr. Blumen seid ans dem (5ougreü vertreten sein. -st * Die akademische Verbindung Jüdischer Hochschülcr aus Schlesien „Jvria" hat Herrn Emil F r i e d, Ingenieur, zum Cougreßdelegirteu gewählt. -st -st -st

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