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Die Welt · 1897-08-27 · 13 (27.8.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
13 (27.8.1897)
Article
Der Congreß und die deutschen Juden
Date
1897-08-27
Page
4 (sequence 2)
Language
German
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Seite 4. MAE üter. 13. heimisch sie sich in der Walhalla zwischen Hermann dem Cherusker und dem blondlockigen Helden Siegfried fühlen — während Moses und die Propheten, die vermuthlich dunkelhaarige Männer mit gebogenen Nasen waren, ganz sachte in sehr heilige und fremde, religiöse Fernen verwiesen werden. Unter dem Schein der Ehrfurcht und Heiligkeit werden diese Gestalten der jüdischen Vorzeit thatsächlich discreditirt. Genau so, wie die hebräische Sprache discreditirt, ich wollte sagen heilig gesprochen wird, so daß jeder Versuch, diesem ehrwürdigen und geschmeidigen Idiom frisches, modernes Lebensblut zuzusühren, als eine ruchlose Profanation erscheint. Noch viel gemüthlicher wird aber der jüdische Nlessias abgethan. Dieser war in seiner Jugend ein sehr lebenslustiger, stolzer und stattlicher Herr. Er hatte sich in seiner guten Stadt Jerusalem eine gewaltig ragende Burg erbaut, zu welcher die Völker der Erde huldigend herbeiströmten. Sie brachten ihre Tribute an Gold und Silber, an Weihrauch und edlem Gestein vor den Thron des Weltbeherrschers, der seiner angestammten Nation an aller dieser Herrlichkeit den reichsten Antheil gönnte. Aber, wie gesagt, das Alles that er nur in seiner Jugend. Denn inzwischen ist er, ganz wie die hebräische Sprache, von den deutschen Rabbinern heilig gesprochen worden und kann in so weltlicher Gestalt nicht mehr einherschreiten. Darum niunnt man ihm seinen Thron weg, seine hochragende Burg, seine Stadt Jerusalem, und der Unglückliche führt fortan einen ganz neuen Namen — Mission des Judenthums. Daniit ist der Ring geschloffen. Schrittweise können nun die deutschen Rabbiner gegen den Zionismus vorstoßen und ihre Argumentationen langsam wie einen Knäuel vor uns abwickeln. Moses und die Propheten verkünden eine Religion für die ganze Menschheit und > nicht allein für Israel — also haben die Juden kein Recht, diese Männer als Ahnherrn ihres Stammes anzusprechen. Die hebräische Sprache ist eine hochheilige Sprache — darf also nicht mehr zu neuem Leben erweckt werden. Und endlich hat das Judenthum, natürlich für die ganze Menschheit, eine (leider nicht näher präcisirte) Mission zu erfüllen — also darf es nicht für sich selber sorgen. Darum, so schließen die Herren Rabbiner, fort mit allem Nationaljudenthum und allem Zionismus! Der Jude als Jude ist Weltbürger und daneben noch, als Individuum, Staatsbürger des Landes, in ivelchem er geboren wurde. Man kann nicht sagen, daß die Rabbiner, welche also argumentiren, an übergroßer Bescheidenheit leiden. Diese Herren vertreten das officielle Judenthum und müssen sich ivcnn ihre Argumentation richtig ist, nothwendig auch als die geborenen Weltbürger und Missionäre der Menschheit fühlen. Sehr natürlich, daß sie von diesem hohen Piedestal nicht heruntersteigen möchten, um in einem jüdischen Nationalstaat einfache Beamte des Cultusministers zu werden. Die Frage ist nur, ob auch die Weltgeschichte diesen weltbürgerlichen Prätensionen der Rabbiner irgendwie entgegenkommt. Vorläufig erlangten für die Culturmenschheit doch nur zwei Religionen eine wahrhaft weltbürgerliche Bedeutung: das Christenthum und der Islam. Vom Buddhismus, der jetzt erst aus seine» weitgesteckten, localen Grenzen herauszutreten beginnt, will ich hier ganz absehen. Aber auch er zählt viel, viel mehr Anhänger, als das Judenthum. Jedenfalls hat die Geschichte ihr letztes Wort gesprochen, und die religiös-weltbürgerlichen Formen für das Abendland sind ein für allemal im Christenthum gegeben. Diese Thalsache mag nun ein jeder, je nach seinem Standpunkt, beglückwünschen oder beklagen — anerkennen muß er sie. Sogar die einzelnen Secten des Christenthums versammeln eine unvergleichlich größere Anzahl von Anhängern unter ihren Kreuzesbannern und Krummstäben, als das Judenthum des gesammten Erdballs. Mithin gehört eine rechte Portion von Anmaßung dazu, einer Religion, die sich auf einen winzigen Bruchtheil der Menschheit beschränkt, eine weltbürgerliche Mission zuzuschreiben. Freilich ist der Mosaismus die historische Grundbedingung des Christenthums gewesen, und insofern waren Moses und die Propheten thatsächlich auch die Ahnherren der gesammten Culturmenschheit. Aber sie haben als solche längst schon die officielle Anerkennung gefunden, da ja die „Heilige Schrift" das alte und das neue Testament als gleiche Ofienbarungsquellen gelten läßt und sinnreich mit einander verbindet. Auf diese Weise wird der erste der Propheten, der Sohn Amrams, zum Vorverkünder seines Nachfolgers Jesus, oder im Islam, Mohammeds. Weiter reicht seine weltbürgerliche Mission in der That nicht, und ein Rabbiner, der im Judenthum nur weltbürgerliche Missionen anerkennen will, thäte klug und redlich daran, zum Christenthum oder Islam überzutreten. Zieht er aber diese Consequenzen nicht und behauptet dennoch, im auffälligsten Widerspruch mit den Thatsachen, eine Mission des Judenthums, so wird er sich gefallen lassen müssen, daß man dahinter hierarchischen Concurrenzneid wittert oder auch — ein überspanntes, chauvinistisches Nationalgefühl. Der Concurrenzneid ist aber ganz ausgeschlossen, weil dann die Herren Rabbiner vor dem letzten entscheidenden Schritt und vor dem Weihwasser kaum noch zurückgewichen waren. Ein hierarchischer Geist könnte ja eben so gut und noch viel besser Hofprediger oder Bischof werden. Nur war das Stammesgefühl doch zu stark, und so mußten die Guten schon Rabbiner bleiben. Eine geradezu unmögliche Ausgabe hatten sie dainit übernommen, indem sie die religiösen Erzieher eines Volkes sein sollten, denr sie nicht aus religiösen, sondern nationalen Gründen angehörten. Dieses Volk war aber zerstreut und schwer bedrängt, so daß seine officiellen Vertreter wohl oder übel manchmal in die Bresche springen mußten. Die Staatsbürgerrechte der Juden glaubten die Rabbiner nur vertheidigen zu können, indem sie versicherten, daß die Juden gute Deutsche, gute Franzosen, gute Russen u. s. w. wären. Sie durften ihrer Rasse also nur noch eine religiöse Bedeutung zu erkennen. Natürlich nicht die Bedeutung einer winzigen Secte sondern — so verlangte es der Chauvinismus — einer Mission. Dieses Gebahren ist von Halbheit und Unredlichkeit gewiß nicht frei zu sprechen. Die Herren Protestrabbiner, sie mögen sich sträuben, wie sie wollen, sind nicht religiöse, sondern nationale Juden — jüdische Chauvinisten sogar. Mithin kann man über diese Männer und ihren Protest gegen den Zionismus einfach zur Tagesordnung übergehen. Aber überdies haben die Zionisten noch eine ganz andere, wahrhaft furchtbare Phalanx von Gegnern zu durchbrechen, welche zu den wirklich modernen Menschen gehören, und denen es gar nicht einfällt, theologischen Spuk heraufzubeschwören. Diese Männer blicken mit Mißtrauen auf eine Bewegung, die entweder einen beschränkten chauvinistischen Nationalitätsschwindel zu entfachen scheint oder auch angeblich das wahrhaft nationale Wesen gründlich verkennt. Ein internationaler Socialdemokrat aus der Schule von Karl Marx wird das Nationaljudenthum ebenso energisch ablehnen, wie der junge, deutsche Jude, der in der deutschen Cultur tief-innig lebt und webt und längst begriffen hat, daß nicht tut rohen Merkmal einer äußerlichen Abstammung das Wesen einer Nationalität begründet liegt. Diese beideir Gruppen wird ein vernünftiger Zionist gewiß zu schützen wissen, da er sie als bedeutsame Culturelemente des europäischen Lebens anerkennt. Aber vielleicht gelingt uns der Nachweis, daß auch der Zionismus nach dem Culturziel strebt, wenn auch auf einem anderen Wege, und darum sehr wohl die Parole Moltkes in Geltung treten kann: Getrennt marschiren, vereint schlagen. Um sein grundlegendes Princip nicht zu tangiren, muß der internationale Socialdemokrat die unzweifelhaft vorhandenen, nationalen Gegensätze einfach ignoriren. Aber er begegnet ihnen doch auf Schritt und Tritt, sie stören in bedenklicher Weise alle seine Zirkel, und er wäre gewiß recht froh, wenn er sich mit diesen Gesellen in guter Art abftnden könnte. Friedrich Engels sprach es nackt und offen aus, daß sich Europa erst in Nationalstaaten mit gegenseitig garantirtem Besitzstand umgewandelt haben müßte, bevor an eine gemeinsame, internationale Lösung der socialen

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