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Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 15

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Article
Alt-Temberg
Date
1897-08-13
Page
15 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 11. MHM Seite 15. kettet, in den Straßen umherzerrt, daß der Mund, dem immer das reine Gold der Thora entquoll, sich mit Koth füllte .... Und als er so geschleift und zerfetzt vor die Ruhe unserer Todten anlangte, da erhob er zu Gott die Stimme, daß darob Himmel und Erde erbebten: „O Du Großer, o Du Mächtiger, laß mich hier unter meinen Brüdern ein Grab finden." Doch hülflos standen sie da, seine Brüder, die bleichen Gesichter in Thränen gebadet. Da richtete er das blutüberströmte Gesicht zur Sonne hinauf, die im Untergehen war, und er flehte mit ersterbender Stimme den Marterknecht, daß er ihm den Gnadenstoß versetze. Erbarmungsvoll führte dieser ihm einen Dolchstoß gegen die dritte Rippe und befreite ihn so aus den irdischen Fesseln, die große Märtyrerseele, die zu dem Himmel sich emporschwang. O Du himmlischer Vergelter, Du großer Rachegott, laß ihr vergossenes Blut, das zu Dir von der Erde hinaufschreit, nicht ungestraft bleiben!!" Dieses markerschütternde, wildheiße Blutgebet werden freilich viele auf die alte Behauptung zurückführen wollen, die Juden hätten nur einen Rachegott, kennen kein Erbarmen und kein Mitleid gegen ihre Feinde; — aber möge nur jeder ehrlich sich befragen, ob unter dem Eindruck einer solchen Schauerscene die menschliche Seele sich zu einem lammfrommen Gebete stimmen kann. Nein, da kann das Gebet kein sanftes Lispeln sein, sondern ein Rachedonner, ein Wuthausbrach, und den Augen, die das zugesehen haben, entfließen keine milden Zähren, sondern heißes siedendes Blut. Virch enn eit. Die hervorragende polnische Tragödin und Romanschriftstellerin Gabryeler Zapolska hat ein.Schauspiel ans dem jüdischen Leben: „M a l ka S ch w ar z e n k o p f" vollendet, das im Warschauer Eldorado- Theater aufgefi'chrt wurde. In seiner „Religiösen Poesie der Juden in Spanien" sagt Dyctor Michael Sachs in Hinblick auf Jehndah Halewi: „Wer sich das Problem, wie ein zerstreutes Volk eine Nationalität und ein heimatloses ein Vaterland haben könne, theoretisch nicht zu lösen vernlag, der wird in der Person dieses Sängers eine thatsächliche, praktische Losung finden." Dr. M. Sachs, der in Berlin Rabbi war und eine Leuchte der jüdischen Wissenschaft ist, nicht wie seine kleinen Nachfölgerchen, hat es nie fertig bekommen, die jüdische Nationalität zu verleugnen und sich zum Nationaldeutschen zu machen. Freilich war er nicht aus Ungarn, wie seine Amtsnachfolger, sondern aus Deutschland gebürtig, und hatte es nicht nöthig, immer und immer wieder sein Deutschthum an die große Glocke zu hängen. Dr. K. (LhcrVcr Äubirt. Bon W. Okattski. Deutsch von F. L a n d e s b e r g e r. Ich muß meine Leser vor Allem darauf aufmerksam machen, daß die Begebenheit, die hier mitgetheilt wird, sich in der ärmsten Schichte der Bevölkerung abspielte, daß ich also diese Beschreibung ohne jedes Interesse übernommen habe. Ich schicke diese Bemerkung voraus, damit die Oeffentlichkeit, die meine Intentionen richten wird, mich nicht etwa der Augendienerei den Glaubensgenossen meiner Heldin gegenüber zeihe. Der Name Rubin sollte das ausdrücken, was Chava und ihr Gatte Symche eben gerne gewesen wären. Der Urgroßvater Symche's, welcher wenigstens den Namen eines Juwels besitzen und auch seine Geschwister des Zaubers theilhaftig werden lassen wollte, hatte sich den Namen „Rubin" beigelegt. Leider half dies weder ihm noch seinen Nachkommen. Symche war ein in Elend gefaßter Edelstein. Er war ein Armer in des Wortes vollster Bedeutung. Als „Chassid" saß er fortwährend im Bethaus; da er einer „noblen Familie" angehörte, so hielt er sich für eine Berühmtheit, welche die Welt anerkennen und nicht verhungern lassen sollte; da er überdies seit einigen Jahren brustkrank geworden, so war er zu jedem Handwerk unfähig. Der Tod seines Vaters richtete ihn vollends zu Grunde. Er erbte nämlich ein Viertel eines Hauses in Kazmierz an der Weichsel, ein Viertel einer baufälligen Hütte, deren Fenster schon ganz in das kothige Gäßchen eingesunken waren und welche sogar der Cassier der Stadt, als zur Demolirung bestimmt, von jeder Steuer befreite. Trotzdem war Symche auf seine Erbschaft, der er den Titel „Hausherr" verdankte, stolz. Er nahm in seine Stube, welche sein ganzes Besitzthum repräsentirte, noch zwei Miether auf, mit denen er fortwährend zankte, um ihnen dann als großmüthiger Hausherr Reparaturen für den Frühling in Aussicht zu stellen; hie und da saß er aus der Bank und wärmte sich an der Sonne, manchesmal warf er auch den drei Hühnern gekochte Kartoffelschalen vor. Er vernachlässigte sogar das Bethaus. — Krankheit, Hunger, der Familienstolz, endlich die „Hausherrenwürde" — alles Das hatte den armen Teufel zu jeder Thätigkeit unfähig gemacht. Wurde ihm sein Nichtsthun langweilig, so ging er ans den Marktplatz und erzählte den Vorübergehenden, von den zahlreichen Kaufanboten auf sein „Grundstück", welches in der That Niemand begehrte. Da seine Miether ihm nichts zahlten, so wirst Du, mein Leser, wohl fragen, wovon denn eigentlich Symche und seine vier Kinder lebten? Zur Lösung dieses Räthsels brauchen wir eben Chava Rubin. Ein Künstler, der ruinirte Gemälde zu restauriren verstehr, würde sagen, daß die dreißigjährige Chava Rubin ein schönes Weib sei. In der That konnte Jeder den regelmäßigen Gesichtsschnitt, die feine Nase, das feurige Auge, das kleine Ohr und das anziehende Lächeln bemerken; all' das war aber von Elend und Noth so hart mitgenommen, daß ich es vorziehe, mehr von der Arbeitsamkeit Chavas, als von ihrer Schönheit zu sprechen. Sie war so unermüdlich thätig, wie es eine Jüdin sein muß, die Mann und vier Kinder von einem Hausirhandel, dessen Betriebscapital aus drei Rubeln besteht, ernährt. Wäre Chava als Katholikin zur Welt gekommen, so würde sie täglich einige polnische Gulden*) verdienen und leben können; als Jüdin blieb ihr keine andere Wahl, als das Handeln mit den nothwendigsten Nahrungsmitteln; und das warf ihr gewöhnlich einen Gewinn von zwanzig bis fünfundzwanzig Groschen täglich ab. Dazu aber bedurfte es großer Anstrengung. In aller Morgenfrühe mußte sie drei Werst weit gehen, um die Milch von den Pächtern abzuholen und in den Häusern auszutragen, dann lief sie einige Dörfer ab, unr Butter und Käse für die Frauen der Beamten einzukaufen, endlich lieferte sie das Petroleum für den nächst dem Stäbchen gelegenen Gutshof — und so weiter. Von Sonnenaufgang bis zum Abend war sie wegen der fünfundzwanzig Groschen auf den Beinen. Der Lireuius vitiosus ihrer Armuth war das kleine Capital, welches einen ausgedehnteren Handel nicht gestattete. Hätte Chava nur fünfzig Rubel zur Verfügung gehabt, so würde sie sicherlich in drei Jahren am Schabes Atlaskleider getragen .haben, und die Aristokratie Kasimierz' hätte es an Höflichkeit nicht fehlen lassen. So aber arbeitete sie nur mit drei Rubeln. Ihr Einlagekapital konnte sie nur mittelst einer Reihe gewagter und und glücklicher Operationen vermehren. Die zwei wichtigsten Eigenschaften besaß sie: Muth und Ehrgeiz. Sie träumte von Wohlhabenheit und hätte gerne etwas riscirt. Einmal sogar, wo in einem Dorfe sehr viel preiswürdiger Honig zu haben war, hätte sie beinahe ünfzig Liter beangabt, aus Furcht jedoch, ihre ganze Barschaft zu verlieren, unterließ sie es. Als sie aber erfahren, daß ein Bekannter von ihr vier Rubel an ebendemselben verdient hatte, weinte sie heftig und nahm sich vor, bei *) Ein polnischer Gulden gleich 15 Kopeken; ein Groschen so viel wie eine halbe Kopeke.

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