Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-08-13 · 11 (13.8.1897) · p. 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
11 (13.8.1897)
Article
Alt-Temberg
Date
1897-08-13
Page
14 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315721-3380015--01160-3380088
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 14. Nr. 11. tauchen zu sehen und ihren traurigen Geschichten zu lauschen, jenen traurigen Geschichten von Blut und Thränen. Jüngstens besuchte ich mit noch zweien meiner Freunde jene traurige Stätte. Diese führt hier den Namen Tire-suhow-Synagoge. Sie befindet sich in einer der lebhaftesten Gassen und erinnert so an eine jener Inseln, die von den Meereswogen ewig umbrandet ist, ohne jedoch von denselben berührt zu werden. Schon das alte düstere Gemäuer init den halberblindeten Fenstern und besonders die über dem Portale desselben im hebräischen Urtexte zu lesende Aufschrift: „Wie ehrfurchtsvoll ist dieser Ort — nicht anders, es ist ein Gotteshaus!" flößt Einem eine heilige Scheu ein, ähnlich jener, die'Einen beim Anblicke eines hohen Greises mit wallendem Silberbarte überkommt. Diese Synagoge hat, wie das in der Mauer bezeichnete Jahresdatum aufweist, ein Alter von nichtweniger als vier Jahrhunderten, der gedrungene, festgefügte Bau jedoch mit den mächtigen Marmorsäulen, auf welche die aus Eichen gezinnnerte, kuhngeschwungene Wölbung sich zu stützen scheint, wie überhaupt die ganze innere und äußere Eisenconstruction, überzeugen Einen bald, daß dieses Gebäude die Bestimmung hat, viele, unabsehbare Jahrhunderte zu überdauern, und sich stark genug fühlt, auch - dem scharfen Zahne der Zeit zu trotzen, gleich jenem Volke, das hier seinen Gott verehrt. Wie die Synagoge selber, sind auch alle ihre Schriften und Geräthfchaften, die ein gleich hohes Alter aufzuweisen haben, dazu prädestinirt, allen Stürinen der Zeit Stand zu halten. Dies gilt besonders von dem sjebenröhrigen, kunstvoll geformten Messingleuchter, der trotz seines zwölfhuiidertpfündigen Gewichtes von leichter und schwunghafter Bauart ist und sich Jedermann mit der eingravirten Inschrift vorstellt: „Ahron Heller goß mich in Breslau im Jahre 1430." Unser Cicerone war der alte Synagogendiener, ein silberhaariger Greis, der selber in ein früheres Jahrhundert hineinragt und im Verlaufe der Jahre mit der Synagoge, wie die Schnecke mit ihrem Gehäuse, zusammengewachsen war, denn er ist bereits 68 Jahre -in derselben bedienstet ... ' Wir brauchten ihm nicht erst zu sagen, was wir hier suchen, denn er begann sofort mit aller Gewissenhaftigkeit seines Führeramtes zu walten, Von dem Tresor-der Synagoge holte er sofort ein altes Peroches hervor uüd rollte dasselbe wie eine Mappe vors uns auf, und dies ' geipä.lsrte uns auch thalsächlich den Einblick in.uem antikes Stück Welt. - - - . ' In jenem Peroches ist in goldgestickten Ldttern folgende Inschrift in hebräischer Inschrift zu lesen : „Gespendet von den Eltern, nämlich dem Rabbi Jizchok, Rabbiner und Hirten der heiligen Gemeinde zu Kaminko und seinergottesfürchtigen Frau,,,Ätamens Lipke, zum Andenken an ihre' beiden Söhne, Rabbi Jehoschua ilnd Rabbi Chajim Reizesdie an einem Tage, am 9. des Monates Jar im Jahre 454, als heilige Märtyrer gestorben sind für Gott und seine Lehre." Wir fragten unseren Führer, ob er uns nicht etwas Genaueres vvn jenen Märtyrern zu erzählen wisse. Statt aller Antwort zog er aus seinem Tresor ein uraltes,' abgegriffenes Pergamentbuch hervor, das er vor uns aufschlug. Dieses Pergamentbuch ist im Sinne der früheren Jahrhunderte in kunstvoller Kalligraphie mit reichen Ornamenten ausgeführt, wurde, wie das Datum anzeigt, noch vor 600 Jahren als Memorialbuch der Gemeinde angelegt und dann in den weiteren Jahrhunderten von den jeweiligen Vorstehern .der, jüdischen Gemeinden bis zum Jahre 1610 fortgesetzt. . ■ . In den von. uns aufgeschlagenen,„Pinkes" wird von einem Zeitgenossen, frisch -unter dein erschüttertiden Eindruck, der Fall jener beiden heiligen Märtyrer mit folgenden Worten erzählt: „Im Jahre 1604 existirte hier in Lemberg eine große „Jeschuwe", der von. allen Gegenden wißbegierige Jünglinge zugeströmt sind, um ihren Durst an der Quelle der Thora zu löschen und dann nach vollendetem Studium sich als große Rabbiner in alle Welt zu zerstreuen. An der Spitze dieser Jeschuwe standen damals zwei Brüder, die sowohl wegen ihrer Gottesfurcht, als wegen ihrer imm nsen Gelehrsamkeit als zwei Säulen des Judenthums angesehen waren. Der - ältere, damals 41 Jahre alt, nannt sich Rabbi Chaim Reizes und der zweite, der um 10 Jahre jüngere, hieß I e h o s ch u a Reizes. Da geschah es um jene Zeit, daß von weiter Ferne ein Renegat nach Lemberg gekommen ist, der seinen Treubruch am Judenthume bereute und sich hier in den Schoß der jüdischen Religion wieder aufnehmen ließ. Das erfuhr die katholische Geistlichkeit,- unter deren Herrschaft Lemberg damals stand, und verdächtigte sofort die beiden Brüder Reizes als die Urheber dieser, damals als das größte Verbrechen angesehenen That. Beide Brüder wurden in einen finsteren Kerker geworfen, wo sie gegen 41 Tage schmachteten und die größten Martern erlitten. Der Renegat, der vom Untersuchungsrichter befragt wurde, wer ihn zum Uebertritte veranlaßt habe, behauptete, er wisse als Fremder keinen Namen anzugeben, würde aber die Betreffenden sofort erkennen, falls er sie sehen sollte. Der Erzbischof veranlaßt« daher, daß säuuntliche Juden sich in Reih und Glied in der Judengqsse aufstellten, zu welchem Zwecke auch die beiden Bruder- Reizes -aus der Haft entlassen und den Anderen eingereiht wurden. Darauf defilirte der Renegat, begleitet vom Erzbischof, und den anderen Geistlichen, die ganze Reihe vorüber, jeden einzelnen musternd. Als er nun an beiden Brüdern Reizes vorüberging, bemerkte der jüngere von ihnen, nämlich Rabbi Jehoschua, in lateinischer Sprache zum Erzbischof, er niöge sich mm überzeugen, daß er umsonst verdächtigt wurde. Diese voreilige Bemerkung sollte ihm jedoch zum Verderbe^ werden. Sofort drehte sich der Getaufte um und sägte: „Dieser und der Zweite sind es eben, die mich, beeinflußt haben." Die beiden Brüder wurden darauf ohne weiteres Verhör zum Tode verurtheilt, ein Urtheil, das noch an demselben Tage, nämlich am Rüsttage des Wochenfestes, im Jahre 635, an ihnen vollzogen wurde." Und von welcher Art war dieser Tod? Der Eine, nämlich der ältere Rabbi Chaim Reizes, wurde lebendig verbrannt, nachdem man früher allerhand künstliche Mittel angewendet hatte, daß er vom Feuer nicht auf einmal, sondern langsam, leckweise verzehrt werde, damit der Spaß nur recht lange andauere und dem p. t. Publicum der Genuß vergönnt sei, ihn zappeln zu sehen und sich daran zu ergötzen. Noch findiger aber zeigte sich das hohe Tribunal bei der zweiten Todesaxt, zu welcher der jüngere Bruder, Rabbi Jehoschua Reizes, verurtheilt wurde. Ihn band inan an den Schweif einest wilden Rosses, das ein Marterknecht, welcher. darauf ritt, in wilden Galopp setzte, so daß das armL Opfer über deu Straßenkoth, über Hecken und Steine fürtgeschleift und in einen zappelnden Fleischklumpen verwandelt wurde. Natürlich bereitete das der vergnügungssüchtigen Menge einen noch viel größeren Spaß. , Frisch unter dein Eindrücke.dieses entsetzlichen Anblickes verfaßte ein Freund jener beiden Märtyrer ein Gebet für deren Seelenheil, dem wir unter anderem folgende markerschütternde Schilderung entnehmen: „Am Rüsttage des Wochenfestes war Gräuel und Grauen in unseren Mauern. Da sanken sie wie zwei Schlachtopfer hin unsere beiden Leuchten, die großen Männer der Thory. Den- Jüngeren von ihnen, nämlich Rabbi Jehoschua Reizes, ~ ließen sie von einem rasenden Rosse in den Gassen umherschleifen, daß wir bei .diesem Anblicke -in ein lautes 'Geheul ausbrachen! Und Ihr Himmel, Ihr seht es gleichgiltig zu, wie man best edelsten und besten der Menschen, der selber ein Theil von Euch ist — ein Stück Himmel — an eines Rosses Schweif ge-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.