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Die Welt · 1897-08-06 · 10 (6.8.1897) · p. 14

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
10 (6.8.1897)
Article
Dom Kahlenberg
Date
1897-08-06
Page
14 (sequence 2)
Language
German
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Seite 14. Nr. 10. die auf uns zukamen. Der Alte inachte mich, den er seihst noch keine Stunde kannte, mit seiner Tochter, wie er die Dame nannte, und ihrem Bruder bekannt. Ich erfuhr, daß dieses Zusammentreffen durchaus kein zufälliges war, daß die Gesellschaft noch vor wenigen Stunden auf dem Kahlenberg, wohin sie gemeinschaftlich gefahren sind, beisammen war. Die junge Frau und ihr Bruder, ein Ingenieur, hatten von dort aus einen weiteren Ausflug unternommen, während der Großvater, der da nicht mitthun mochte, mit dem Kinde den Spaziergang auf den Leopoldsberg vorgezogen hatte, wo sie sich ihrer Verabredung gemäß jetzt wieder trafen.' Die Sonne sandte schon ziemlich schräge Strahlen und man brach auf, um aus den Kahlenberg zurückzukehren. Dort sollte auf der Terrasse das Abendbrod genommen werden, und dann wollte man wieder mit der Zahnradbahn nach Wien zurück Ich wurde aufgefordert, in der Gesellschaft zu bleiben, und ich blieb gern. ' Die junge Mutter war von jener eigenthümlichen, träumerischen Schönheit, wie man sie oft bei den Frauen unseres Volkes findet. Hinter dieser weiten Stirn nistet sicher so mancher Vers von Heine. Mir fiel auf, daß sie nur wenig sprach. Ihre Augen — ich habe schon einmäl im Leben irgendwo solche Augen gesehen — ihre Augen aber verriethen, wie tief sie jedes gute Wort in sich aüsnahm. Vielleicht gehört sie zu jenen sinnigen Frauennaturen, die sich nur schwer erschließen, weil sie ahnen, wie reich sie geben können. . . . Auch ihr Bruder ist eine interessante Erscheinung. Die schöne Frau sagte mir, daß er erst seit wenigen Tagen in Wien weilt, um den Rest seines Urlaubes mit ihnen zu verbringen Bei seinen jungen Jahren ist er viel gereist. Schon seine Studienzeit verbrachte er, durch außerordentliche Verhältnisse bewogen, in der Schweiz. Er kennt Deutschland, Holland, England und hat überall da gearbeitet. Er ist Elektrotechniker und soll in seinem Fach Tüchtiges leisten. Jetzt lebt er seit Jahren in Paris. Sein Wesen ist von jener ruhigen Gleichgiltigkeit, die sich nicht ereifert und nur schwer begeistert Seinen Skepticismus trägt er gern zur Schau. Er scheint sich für einen scharfen Dialectiker zu halten und die Meisten werden ihn dafür nehme». I» seinen Zügen streiten eine großstädtische Müdigkeit und eine leichte, stets bereit gehaltene Ironie um den Vorrang Im ganzen ist er liebenswürdig und von gewinnender Höflichkeil. Auch ist er elegant gekleidet und ich glaube, daß er bei den Frauen Glück hat. In dieser vergrößerten Gesellschaft kehrte der Alte zu den Gedanken zurück, die ich vorhin in ihm angeregt hatte. Sie ließen ihm keine Ruhe. Er wollte mehr wissen. Ich gab gern, so viel ich selbst hatte. Ich zeigte, wie man sich das große Werk erstehen denken mag. Ich entwarf ein Bild von dem Laude, das gewonnen werden soll, nach den Vorstellllngen, die ich selbst davon habe. Von dem Leben, das dort erwachen wird. Und ich gab genug, um die Gestaltungskraft eines Jeden in seiner Art weiter an dem Bilde arbeiten zu lassen. Ich sah, wie die kleine Gesellschaft, vom greisen Großvater bis zur achtjährigen Etta, wie Jettl von ihrer Mania gerufen wurde, gespannt horchte. Die Thal hat immer etwas Fesselndes. Und ich sprach von Thaten, durch die wir uns die gewonnene Erde auch verdienen werden. Und wie wir dem Boden, so wird der Boden uns einen neuen Werth geben. . . . So verging die Zeit rasch und der Weg, den wir nicht gerade schnell zurückgelegt hatten, ging zu Ende. Durch die Zweige schimmerte schon das Hotel vom Kahlenberg, als der Ingenieur nach einer kleinen Pause begann: „Ein Amerikaner hätte ihnen jetzt zuhören sollen . . . Vielleicht wäre es schön, wenn Sie recht behielten. Ich glaube nicht, daß es geschehen wird. So modern Sie die Sache ausputzen, scheint sie mir doch keine Sache des Fortschrittes. Liegt ihr Ziel nicht abseits von der Richtung, in der wir es gewohnt sind, uns eine fortschreitende Entwicklung vorzustellen? Man hat so lange gerungen mit dem Ruf: „libertö, egalite, frafemte". In gleichem Sinne, nur gesünder und nüchterner, gründlicher und vernünftiger wirkt heute der Socialismus. Glauben Sie nicht, daß er langsam aber sicher der Welt neue Lebensverhältnisse geben wird durch Organisationen und Gesetze, an denen Alle für Alle arbeiten werden? In diesen neuen Lebensverhältnissen wird jeder alte Kampf, der sich doch immer auf ein Ringen zwischen Ausbeutern und Ausgebeuteten zurückführen läßt, schweigen, weil dieses unselige Verhültniß aus der Welt geschafft sein wird. Ich glaube also zum Mindesten, daß das, was Sie wollen, außerhalb des Kreises unserer natürlichen Wünsche und Bestrebungen liegt." Der Ingenieur warf diese Worte leicht, plaudernd, aber doch nicht ohne einen gewissen Ernst hin. Es ist möglich, daß er noch Einiges zu sagen gehabt hätte. Aber wir standen schon auf der Terrasse und die allgemeine Bewunderung des Ausblickes, der sich da plötzlich aufthat, unterbrach wieder auf eine Zeit das Gespräch. Beim Abendbrot suchte man in dem Landschastsbild da unten einzelne Punkte zu erkennen. Der Ingenieur erzählte von den Bergen und Bergbahnen, von den berühmtesten Aussichtspunkten in der Schweiz. Er hat schon so viel gesehen, aber er er findet diesen Fleck von eigenartiger Schönheit. Die junge Frau saß mir gegenüber. Sie sah lange unverwandt hinunter: „Wie das Alles so ruhig daliegt. Die Stadt mit ihren anderthalb Millionen Menschen. Der große Strom mit den Riesenbrücken. Von hier sehen sie aus wie Stege. Und da fährt Minuten lang die Eisenbahn darüber und darunter hin zieh« große Dampfschiffe. Und rechts die Berge . . ." Auch ich war seltsam bewegt. In mir aber war etwas, das wogte und nach Ausdruck rang. „Za", wiederholte ich die Worte der schönen Frau, „wie ruhig das Alles daliegt. Wenn man aber hineinsehen könnte in jedes einzelne Haus, in jede menschliche Wohnung da unten, wo jetzt langsam die ersten Lichter aufgehn. Welche Masse von Leid und Elend! Ich wohne in eineni Armenviertel. Da Hab' ich es täglich unter den Augen. Wie sie daran schleppen in seinen zahllosen Gestalten. Und weil sie nur den Schmerz spüren, und ihre Leiden nicht kennen und nicht verstehen, so rotten sie sich»nach Massen zusammen und schreien um Hilfe nach Organisationen und Gesetzen. Es ist ein böses Bild: die bewußtlose Menge, die sich drückt und schiebt in ihren engen Lebensverhältnissen. Auch ich glaube, daß die Welt sich neue Lebensverhältnisse schaffen wird. Aber nicht in neuen Formen wird man sie finden. In einem erweiterten Inhalt. Die That allein befreit. Wir drücken uns zu viel zusannnen. Hinaus, wo der Räum zu enge, dorthin, wo es noch welchen gibt! Seh'n Sie da hinunter und denken Sie, wie diese Stadt, die länger als ein Jahrtausend steht, in unseren Tagen gewachsen ist. Und die anderen Riesenstädte unserer Zeit! Wir leben in einer Periode einer verhängnißvollen Concentration der Menschen. Ihre Ursachen wird man richtig in dem technischen Aufschwung suchen, der wieder ein gutes Stück Natur in den Dienst der Menschheit gezwungen hat. Es war der Anfang des Kampfes mit dem Raum. Wir sehen, der erste Sieg war theuer. Aber indem wir das erkennen, setzen wir den Keim einer neuen Zeit. Nach dieser Periode der Concentration muß eine solche der Ausbreitung, der Expansion kommen. Und die Technik, die jene unbewußt gebildet hat, wird rascher als man ahnt diese herbeiführen. Im erweiterten Rauui wird man sich neuer Kräfte bewußt werden. Eine neue Weltanschauung wird um sich greifen. Eine Vorahnung davon zieht heute schon wie ferner Glocken Klingen durch die neue Kunst. Den Pessimismus, die Entsagungslehren und manches andere wird die Welt vergessen. Es wird eine Reaction der Natürlichkeit gegen die Geistigkeit kommen. Es wird kommen ein neues Evangelium von der Befreiung und Erhebung des Menschen durch die That. Seine ersten Apostel und Propheten werden Unsterblichkeit erlangen. Unser Volk spürt am tiefsten den Mangel unserer Zeit. Daran, daß uns der Boden fehlt, kranken wir seit zwei Jahr-

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