Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-08-06 · 10 (6.8.1897) · p. 15

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
10 (6.8.1897)
Article
Dom Kahlenberg
Date
1897-08-06
Page
15 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315720-3379823--01041-3379909
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Nr. 10. jMüm Seite 15. tausenden. In fleischloser Vergeistigung haben wir es am weitesten gebracht. Das trifft auch für jene unter uns zu, deren Leben zur Rechnung geworden ist. Es ist nur natürlich, daß bei uns die Reaction zuerst eintritt. Sie wird ein gesundes Volk aus uns machen. Sie wird uns läutern durch die That." Eine schwere Spannung lag jetzt über unserm kleinen Kreis. Selbst das Kind merkte etwas und schaute befrenidet um sich. Onkel Edi blickte auf seine Schuhe. Er drehte seinen dünnen Spazierstock in der Luft und pfiff ganz leise ein par Takte, vielleicht vom neuesten Pariser Gassenhauer vor sich hin. Die Sonne war jetzt völlig untergegangen. Die Landschaft unten hatte sich allmälig verdüstert und lag jetzt ganz im Dunkeln. Durch die Nacht schimmerte eine Unzahl von kleinen Lichtern zu uns herauf. Ein zitterndes Schwelgen. Da fuhr die Helle laute Kinderstimme der Kleinen dazwischen: „Du Großpapa, wird auf den Oelberg auch die Zahnradbahn gehen?" Statt aller Antwort preßte der Greis das Kind an sich. Thränen rollten ihm in den weiten Bart, Thränen fielen auf den schwarzen Lockenkopf. Ich aber habe diese Thränen verstanden. „Mich mein Kind, mich werden sie hier begraben. Aber Du, Du wirst . . . ." Der Alte weinte lange. Diese Thränen mußten kommen, wie die Erlösung konnnen muß, an die wir glauben. Auch für den Greis? Wie heißt es oben? Dann wird ihm sein, wie wenn Wolken sinken würden vor ihni und sein Auge wird Heller in die Zukunft sehen. . . . 35iidjetru>elt. Max Nordau hat eilt neues Theaterstück vollendet. Es führt ben Titel: „Doctor Kohn. Ein bürgerliches Trauerspiel ans der Gegenwart." Die Herren Dr. M. I. Berdyczcwskt und Dr. Marcus Ehrenpreis versenden einen Aufruf behufs Gründung einer Berlagsgesellschaft hebräischer Bücher „Techijn" (Wiedergeburt), dieselbe ist als Erwerbsgenossenschaft mit beschränkter Haftung, mit dem Geschäftssitze in Lemberg, gedacht. Das Gründungscapital beträgt 5000 fl. Dasselbe soll durch die Ausgabe von 200 Anteilscheinen a 25 fl. znsammengebracht werden. Der gezeichnete Betrag kann in 4 Theilen im Laufe des ersten Geschäftsjahres bei dem zu wählenden Genossenschaftscassier eingezahlt werden. Die Thätigkeit der Gesellschaft wird am 15. October 1897 be^ ginnen. Die näherer: Bestimmungen der Genossenschaft lverden der constitnireriden Genera(Versammlung zur Genehmigung vorgelegt lverden. Ort und Zeit der Generalversammlung werden, nach erfolgter Zeichnung der Anteilscheine, den Genossenschaftern bekanntgegeben werdet:. lieber den Zweck heißt es int Aufruf: „Unsere Verlagswerke lverden in fortlaufender Reihenfolge — nach Art der besonders in Deutschland verbreiteten Universalbibliotheken —, zum Preise von 12 kr. für die Nummer, zur Ausgabe gelangen. Die Billigkeit der Bücher ist bei uns eilte Grundbedingung des geistigen Fortschritts. Die hohen Bücherpreise lnüssen aufhören, ein Bildungshinderniß zu sein. Tie kleinsten und Aermsten werden durch unsere Verkaufsbedingungen in der Lage sein, sich um wenig Geld eine brauchbare Büchersammlung anzuschaffell." Von den „Sisre Scha'schltim" (Unterhattungsbücher) ist soeben ein Doppelbändchen (IV. u. V.) erschienen, welches gleich den vorangegangenen 3 Bändchen eine Reihe von lesenswerthen Beiträge:: aus der Feder namhafter hebräischer Schriftsteller und Gelehrten enthält. Diese Ausgabe, welche dem Bedürfnisse eines gewissen Theiles des hebräischen Lesepublikmns vollkommen entspricht, zeichnet sich sowohl durch den reichen Inhalt als auch durch die schone Ausstattung u::d Billigkeit des Preises <12 kr. pro Bändchen) aus. Zu beziehen von den: Herausgeber: Isaak F e r n h o s, B u e z a c z (Galizien). Uriel Acosta. Erzählung von I. Zaiigwill. II. Thcil: Uriel Acosta. Schluß. „Nein, es ist meine Sache! Bei Gott, ich will nicht der Großvater von Gorillas werden!" „Mich dünkt, in Oporto warst Du selbst ein Affe!" schrie Uriel wüthend. „Hund!" kreischte der alte Arzt, während sein ehrwürdiges Gesicht sich verzerrte. „Hältst Du es für das Gleiche, die Christen oder Deine eigenen Brüder zu täuschen?" Und er stürzte aus dem Hause. Uriel schrieb an Janthe. Ihre Antwort lautete: „Ich bat Dich, Frieden zu schließen. Du hast noch bittereren Krieg entfesselt. Ich vermag nicht gegen meinen Väter und ganz Israel zu kämpfen. Lebe wohl!" Uriels Gesicht ward finster; die Runzeln in seiner Stirn, die ihr Finger berührt hatte, traten wieder wie furchtbare Leidenslinien hervor, seine Zähne bissen sich aufeinander und der alte, gesetzte Ausdruck kehrte wieder. Erzog ihren ersten Brief hervor, den er stets an seinem Herzen trug, und las ihn langsam wieder durch. „Warum willst Du Dein Leben einer bloßen Idee wegen zu gründe richten? Kannst Du nicht Frieden schließen?" Eine bloße Idee! Ach, warum war ihni das nicht eine Warnung gewesen, welcher Art das Weib war? Warlim hatte er vergessen — und hier sah er deutlich wieder das kleine Mädchen vor sich, wie es die Osterkuchen hereinbrachte — daß sie zu einem Doppelleben erzogen worden war? Freilich, bei meinem Weibe ist das nicht nöthig — Dom Diego hatte recht. Die falschen, gebrechlichen Geschöpfe! Keine Sympathie für seine Principe. Kein Verständniß für den großen Kampf, den er durchgemacht hatte! Thränen des Mitleids mit sich selbst traten ihm in die Augen, Nun, sie hatte ihn wenigstens von feiger Ergebung gerettet. Das alte Feuer 'flammte in seinen Adern; er wollte bis zum Tode kämpfen. Aber während er ihren Brief zerriß, mischte sich ein seltsames Gefühl der Erleichterung mit der Bitterkeit und Wuth seiner Seele; es war ein erleichtender Gedanke, daß er nie mehr gezwungen sein würde, mit deir Affen zu plappern, ihre widerwärtigen Pfoten zu fassen, ihre feierlichen, lächerlichen Posen mitznmachen — daß nichts ihn mehr aus dem Frieden und der Abgeschiedenheit seines mit Büchern bedeckten Studierzinuners locken würde. Die Gewohnheiten von fünfzehn Jahren, rissen ihn zurück wie Seile, deren Spannung man erschöpft hat. Er setzte sich an sein Pult und griff nach der Feder, um sein Manuskript fortznsetzen. „Alles Nebel kommt vom Nichtbefolgen der wahren Vernunft und des Naturgesetzes." Er schrieb stundenlang fort, nur von Zeit zu Zeit innehaltend, um seine lateinischen Worte zu wählen. Plötzlich überkam ihn ein Gefühl der Nichtigkeit seiner Worte, der Vernunft, der Natur. Was bedeutete diese furchtbare Leere in seiner Brust? Er stützte den müden, schmerzende» Kopf auf das Pult und schluchzte, wie der kleine David noch nie geschluchzt hatte. XIII. Die Gemeinde im allgemeinen, die von diesen inneren Kämpfen nichts wußte, erkannte die Rückfälligkeit Uriels an dem Schweinefleisch, das der christliche Fleischer jetzt offen in seinem Hause ablieferte. Entsetzte Zeloten machten ihm auf der Straße Vorwürfe und ein- oder zweimal kam es zu einem öffentlichen Zusammenstoß. Die empörten Nettesten drangen auf eine Erneuerung des Bannes. Aber die Rabbis zögerten; denn sie hielten es vielleicht für das Beste, den Dorn in ihrem Fleische fortan zu übersehen. Da geschah es, daß ein Spanier und ein Italiener von London kamen, um Aufnahme in die jüdische Gemeinde zu suchen; denn nicht selten fanden christliche Skeptiker im Schoße der älteren Religion den Frieden. Diese künftigen Convertiten hörten von den Gerüchten, die über Uriel Acosta in Umlauf waren und kamen auf den Gedanken, seinen Rath zu verlangen. Als die Rabbiner hörten, daß er ihnen den Rath gegeben hatte, sich vor dem unerträglichen Joche der Rabbis zu hüten, fanden sie, daß das zu viel sei. Uriel Acosta ward abermals in den Bann gethan. Und nun begannen neue Jahre der Verfolgung, noch kränkenderer, noch heftigerer Verfolgung als früher. Abermals ward sein Haus mit Steinen beworfen, sein Name verspottet, sein Erscheinen auf der Straße ein Zeitvertreib für die Sünder

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.