Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 1 (1897)
- Issue
- 10 (6.8.1897)
- Article
- Dom Kahlenberg
- Date
- 1897-08-06
- Page
- 13 (sequence 1)
- Language
- German
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Nr. 10. Seite 13. $ C IT t I I Ct O 1t Vvm Kahlenberg Bon Emil Marburg. Die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder. Goerhe. Beim Erwachen — in meinem Rücken ist eben erst die Sonne aufgegangen — tret' ich an's offene Fenster. Im Morgengrauen fahren rauschend unten am Canal die ersten Schiffe vorüber. Der Frühschatten der Häuser reicht weit über die Straße, über die Uferböschung, bis zur Mitte der Strombreite. Ein leichter Wind geht, und es ist alles noch so wundervoll, frisch und klar. Rechts, weit hinter den letzten Häusern, die Umrisse von Bergen, die sich scharf von einem reinen Blau abheben. Diese Berge, hinter denen abends die Sonne sinken wird, grüßen mich, so oft ich zum Fenster komme. Sie grüßen, sie winken und ich folge gern. So verlungere ich oft halbe Tage in den Laubwäldern und Weinbergen dort drüben, am Kahlenberg und am Leopoldsberg. Die Abende am Gipfel eines Berges, wenn die Sonne selbst wie zögernd scheidet, die Abende sind einzig schön. So ein Abend war es, an dem ich etwas erlebt habe, wovon das beste Stück meines Wesens tief ergriffen wurde — der Zionist in mir. Bon diesen! Erlebniß, von diesem Abend will ich erzählen. Es war auf dem Leopoldsberg. Sein Gipfel liegt freier als der seines Nachbarn. Da oben ist es niemals windstill und es werden wohl Fälle Vorkommen, wo es für die Sicherheit der geräumigen Herberge, die man hier aus den Mauern einer alten Burg errichtet hat, gut ist, daß diese Mauern so stark sind. Der Berg fällt recht steil zur Donau ab. Mau ist ihr hier näher als auf dem Kahlenberg. Aber die Heerstraße der Ausflügler führt dorthin. Hier trifft man an Werktagen nur wenige Leute. Um so besser kann man sie betrachten. Mir ist sofort ein merkwürdiges Paar ausgefallen, das da an eineni Tische sitzt: Ein Greis mit weißem Haar und ein Mädchen, ein Kind von vielleicht 8—K> Jahren. Es ist ein schönes Paar. Ich erkenne sofort, daß sie Juden sind. Die Kleine ist sehr lebhaft. Ununterbrochen unterhält sie sich mit dem Großvater. Sie erzählt, beobachtet und frügt in einer so liebenswürdigen Art, daß man mit staunendem Vergnügen zuhören muß. Und der Greis geht auf alles mit feinsinnigem Verstündniß der Kindesseele ein und hat eine so eigene, schlichte Art, dein Kinde seine Erläuterungen zu geben. Man weiß bald, daß man einen edlen und bedeutenden Menschen vor sich hat. So ist mein Wunsch wohl begreiflich, diesem seltsamen Paare näher zu treten. Ein kleiner Zufall, wie ich dem beweglichen Mädchen, das aufgesprungen ist und jetzt dicht neben mir an der Brüstung steht, , mein Fernglas leihe, aus dein die Kinderaugen nicht so ohne weiters klug werden können, wie dann der Großvater nachkommt, dem Kinde das Glas wieder abnimmt und es mir dankend zurückstellt — so ein kleiner Zufall hat schnell eine Bekanntschaft vermittelt. Ich erhebe mich vor dem stehenden Greise, wir sehen beide von derselben Stelle in das weite Thal und kommen in ein angeregtes Gespräch. Das heißt, ich lasse den Mann, der schön und aus einer reichen Erfahrung spricht, reden und höre ihn: gern, fast andächtig zu. Ein trauriges Andenken wird in ihm wach. Er erzählt mir, daß er an diese Stätte, die ihn: durch manche Jugenderinnerung lieb ist — er ist ein gebürtiger Wiener — schon seit zwei Jahren nicht gekommen ist. Damals war er noch mit seinem Sohn hier oben, deni Vater der Kleinen, die sich da an ihn schmiegt. Sein Sohn ist todt. Vor einem Jahr hat er ihn unten ihm Süden begraben, nachdem er ihn Monate lang an einer Lungensucht hatte hilflos siechen sehen. Da schaut die Kleine zu uns auf. „Seh'n Sie", sagt ihr Großvater, „ganz denselben Blick hatte mein Sohn. Wenn mich das Kind so ansieht, mit den großen Guckaugen, ich glaub' immer mein Sohn schaut niich an und meine Jette, mein Weib, das Gott schon so lange zu sich genommen hat." Wir setzen uns wieder und während das Mädchen noch zwischen Tischen und Stühlen herumspringt, fährt der Greis fort: „Ich habe viel Schlimmes erfahren. Mein ganzes Leben hängt noch an dem Kind. Was ich an Hoffnungen und Wünschen noch habe, gilt ihm. Auch mein Kummer. . ." Es entsteht eine von jenen bangen Pausen, hinter denen inan noch Vieles und Schweres ahnt. Der Alte stockt, wie wenn etwas nicht zu Worte kommen sollte, was er doch nicht aus seinem Innern bannen kann. Und ich glaubte zu wissen, was ihn drückt: „Sie haben immer in Wien gelebt, und da schmerzt es Sie wohl, sich da unten nicht mehr heiniisch fühlen zu können?" Betroffen sah er mich an, wie ich so offen aussprach, was ihn eben wieder heimlich durchzuckt hatte Aber die Zunge hat es ihm nicht gelöst. „Es thut mir freilich manchmal sehr weh ... Es macht mich noch einsamer . . . Und dann, dann — ich werde ja bald sterben und mein Jetll zurücklassen und Gott weiß, was noch alles kommt." Der Alte wurde unruhig, rief das Kind zu sich, strich ihm die Haare zurück und seine zitternde Hand fuhr über die blühende Wange. Ich hatte genug erfahren. Die wenigen raschen Worte! Sein ganzes Leid lag drin, das dumpf über seinem Alter brütet. Der Schmerz, den er verbergen und verbeißen will, damit sein Leiden nicht zu Tage tritt, das dann tief in seinem Innern um so zäher wühlt und nagt. Ich bebte. In mir aber fühlte ich mit stiller Wonne einen Besitz, der auch diesem Alten werden kann. Dann wird ihm sein, wie wenn Wolken sinken würden vor ihm, und sein Auge wird heller in die Zukunft seh'n .... Aber die Wolken sind dicht und wer sehen will, was dahinter liegt, muß einen scharfen Blick, den Blick in's Weite haben. Nicht einmal die Jugend hat ihn immer. Der Alte schüttelte zu deni, was ich ihm sagte, traurig den Kopf. Er glaubte an die einfache Botschaft nicht, die ich ihm brachte. Wie er jetzt sprach, da ivar in seiner Stimine wieder die alte Milde: „Wir sollen nicht murren. All unser Leid ist Schickung, die wir tragen müssen. Leiden unter den andern Völkern, das ist ja unsere Aufgabe. Wenn es aber einmal anders werden soll", hier zitterte Sehnsucht in seiner Stimme, „dann wird Gott durch seine Wunder wirken". Ich schwieg lange. Ich mußte darüber Nachdenken, wie dieser alte Mann, mit dem ich mich doch in so Vielen! so gut verstehen kann, seine natürliche Last so packt und bindet, daß er darunter nur nicht zusammenbricht. Ich suchte mich in seinem Jdeenkreise zurechtzufinden. „Man inuß die Wunder nur sehen wollen", begann ich wieder. „Ein Volk, das sich eben in dem Augenblick seiner selbst besinnt, wo es schon hart daran war, sich aufzugeben und zu vergessen! Eure Jugend, die, manchmal sogar zum Verdruß der Väter, sich ihrem Volksthum schon entsremdet hat, eine neue Jugend steht auf und — ist das nicht wie ein Wunder? — sie kehrt mit Liebe zu ihrem Volk zurück! Sie erneuert den alten Bund, für den die einen fürchteten, indeß andere schon sogar seines Verfalls sich freuten, sie erneuert den alten Bund im Zeichen seiner alten Heimat! Und das wäre etwas, woran man nicht glauben sollte? Der natürlichen Hoffnung sollte man sich verschließen, und lieber leiden in der Wahnvorstellung, daß darin die Aufgabe eines Volkes liegen könne? In den langen Zeiten der Noth war es gut, aus der Noth eine Tugend zu machen. Jetzt aber, jetzt bricht die alte Noth und . . . ." „Die Maina und der Onkel Edi" rief da die Kleine und sprang auf, einer Dame und einem Herrn entgegen,