Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
Deutsche Rabbiner
Date
1897-07-30
Page
3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3315709-3315710-3315719-3379611--00812-3379709
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

Rr. S. JTI^WdC Seite 3. das ist vom 6—11. November 1884 wurde eine solche Versammlung, sie nannte sich Delegirten-Versammlung der „Chowewe Zion" in Kattowitz, O. S. abgehalten. Leider scheint dieser „Congreß" — dieser Warne ist vielleicht der Sache angemessener als der Name Delegirten-Versammlung — selbst bei den Zionisten in Vergessenheit gerathen zu sein, und muß denselben um so lauter und nachhaltiger in's Gedächtniß zurückgerufen werden, als es gilt die Continuität zwischen dem Damals und dem Jetzt mit der größten Entschiedenheit zu wahren und zu betonen. Den oben genannten Declaranten gegenüber kommen aber auch die Männer in Betracht, welche damals die Versammlung besucht, oder aber mit Wort und Schrift gefördert und gutgeheißen haben. Ich will nur einige wenige nahmhaft machen: Rabbiner Jizchok Elchonon Spector (Kowno), der Altersuud Ehrenpräsident der Versammlung, Rabbiner S. Mohilewer (Bialystok), Rabbiner.Dr. I. Hildesheimer (Berlin); dann der ausgezeichnete Präsident der Versammlung Dr. Pinsler (Odessa), der Gelehrte S. I. Finn (Wilna), Professor H. Graetz (Breslau), Redacteur A. Zederbaum (St. Petersburg), der Dichter L. Gordon (St. Petersburg), Dr. Rabbinowicz (Paris). Wer von allen den obengenannten darf es wagen solchen Männern, Helden des Glaubens und des Wissens, sich an die Seite stellen zu wollen. Ich weiß wohl was ihr entgegnen werdet: Ja, das war damals, aber das heutige Geschlecht, diese jugendlichen Hitzköpfe und Heißsporne und ihre Ideale sind doch wieder ganz anderer Art als die Bestrebungen jener edlen, gesetzten, im Dienste des Glaubens und der jüdischen Wissenschaft ergrauten und ergreisten Männer. Mag ja sein. Allein ihr hättet doch bedenken sollen, daß auch heute noch hunderte, neben, vor und hinter diesen jungen Männern stehen, die nicht schlechter sind als die damaligen, zur Zeit der ersten zionistischen Versammlung. Hunderte von älteren Männern die auch noch ein Wort mitzureden haben und denen die Jungen in Israel sich gerne unterordnen werden. „Heil unseren Jungen, sie beschämen nicht unsere Alten!" Sie haben den großen zionistischen Gedanken mit aller Jugendfrische und Jugendwärme ausgenommen und auf ihre Art zum Ausdruck gebracht: das ist durchaus natürlich und selbstverfländlich und kann der guten Sache nur zum Vortheil gereichen. Dort, wo jugendliche Begeisterung und altüberlegsame Bedachtsamkeit sich zum gemeinsamen edlen und löblichen Werke verbinden, da kann auch noch etwas Ersprießliches zu Wege gebracht werden. Ihr sagt in euerer Erklärung: 1. Die Bestrebungen sogenannter Zionisten, in Palästina einen jüdisch-nationalen Staat zu gründen, widersprechen den mesfianischen Verheißungen des Judenthums, wie sie in der Heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen enthalten sind. Solch ein Wort bedeutet doch ganz offenbar nur: Insinuation, Wortklauberei, Sophisterei und Irrlehre. Es gilt gegen den verhaßten Zionismus den Pöbel, jenen mammonistischen selbst- und genußsüchtigen orthodoxen und «eologen Pöbel auszustacheln. Da wird dem Zionismus zuletzt angesonnen, er wolle den jüdisch nationalen Staat gründen. Wenn das so mir nichts dir nichts ginge, warum denn nicht I und wenn unsere Jungen, die nach Art der heißblütigen Jugend gerne die Mittelstufen überspringen möchten, um nur recht schnell ans Ziel zu kommen, mit Begeisterung von einem projectirten Zukunftstaat reden, wer will es ihnen verdenken? Schließlich werden sie ja doch der besseren, auf das Erreichbare gerichteten Einsicht nachgeben müssen. An euch aber, besonders aber an euch, die ihr zur orthodoxen Partei euch zählet, richte ich die Frage: Glaubt ihr nicht auch an die zukünftige Wiederherstellung des Judenstaates? Saget ihr ja! Nun, so unterscheidet ihr euch nicht groß von unseren jungen Zionisten. Ob diese Wiederherstellung in näherer oder fernerer Zeit erhofft wird, das ist kein großer Unterschied. Wenn es doch einmal erhofft wird — je näher, so dächt ich, um so besser. Saget ihr aber nein I Nun, so wollet euch doch nicht länger zu den Orthodoxen rechnen; so wollet doch nicht länger eueren Glauben, euere Hoffnungen, all euere Gebete zum allwissenden Gott Lüge strafen. Das wäre ja die allerschlimmste Heuchelei und Blasphemie. * Hierauf läßt sich von euerer Seite zweierlei entgegnen: Die Einen sagen, wirerwarten den persönlichen Messias, dem folgen wir durch Dick und Dünn, auch zur Mederausrichtung des Judenstaates. Nur er hat ein Recht hiezu, nicht ihr.— Die Anderen sagen, wir glauben nicht an einen persönlichen Messias und demgemäß auch nicht an die Wiederherstellung des Judenstaates — wir glauben nur an die Messiauität des jüdischen Volkes inmitten aller übrigen Völker der Welt. Zugestanden, beides zugestanden I Aber auch, die ihr euch auf den persönlich-« Messias beruft, entgegnen wir: Wer sagt euch denn, daß diese zionistische Bewegung nicht dazu berufen sei, dem kommenden Messias die Wege zu bahnen, ihm vorzuarbeitcn und sein Erlösungswerk vorzubereiten, nach dem Worte des Propheten: „Eine Stimme ruft in der Wüste, bereitet den Weg des Herrn, ebnet in den Gefilden die Bahn unserem Gotte. Jedes Thal werde erhöht, jeder Berg und Hügel werde niedergelegt und das Höckrige werde zur Fläche, das Zerklüftete zur Ebene. Und es wird erscheinen die Herrlichkeit Gottes und alles Fleisch wird sämmtlich erschauen, daß der Mund Gottes solches geredet." Wenn ihr ihn, den kommenden Mann, nicht erwecket, so wird er nicht erwachen, wenn ihr ihm nicht die Wege bahnet, so wird er nicht kommen; wenn ihr ihm sein Werk nicht vorbereitet, so wird er es nicht beginnen und nicht vollbringen können; wer kann denn wissen, ob nicht diese zionistische Bewegung der Beginn ist jener mesfianischen Zeit, welche uns Gott durch den Mund der Propheten verheißen hat? Euch aber, die ihr an den persönlichen Messias nicht glauben und alle mesfianischen Verheißungen und Sendungen auf das israelitische Volk übertragen wollt, entgegnen wir: Was wollt ihr denn! damit habt ihr ja doch unsere Hauptforderung, die Anerkennung des Volksthums, der israelitischen Nationalität anerkannt. Nicht das Volk werdet ihr sagen, sondern der Glaube. Nein, Freunde, der Glaube hat seine Aufgabe erfüllt; er hat der Welt einen Gott und eine Moral überbracht. Wohl aber hat unser Volk als Volk noch eine große Mission zu erfüllen, sowohl in Bezug auf sich selbst, als auch in Bezug auf die Welt. Seine selbstbezeugliche Mission ist eine ewige, die niemals verlöschen und verloren gehen kann. Die Weltmission unseres Volkes als Volk scheint aber gerade jetzt erst aktuell werden zu wollen, da man daran gegangen ist, alle die großen wirthschaftlichen, natioualen und sozialen Schäden der Welt auszubessern. Nach dieser Richtung hin scheint aber unserem Volke eine ebenso große uud bedeutsame Ausgabe gestellt zu sein, wie sie einst seiner Religion zugefallen war. Wäre nicht die große und erhabene Mission unseres Volkes als Volk, es lohnte sich heutzutage wahrlich nicht als Jude zu leben und alle diese Schmähungen, Verhetzungen, Verleumdungen und Rechtsverweigerungen über sich ergehen zu lassen. Wenn ihr, ihr Gegner anders darüber denkt, so wissen wir sehr gut warum. Wenn ihr eine etwaige Begründung eines jüdischnationalen States in Palästina als den mesfianischen Verheißungen in der Heiligen Schrift und den späteren Religionsquellen widersprechend hinstellt, so ist daS einfach unwahr. Völlig unbegreiflich ist es, wie Männer, die solch eine Behauptung unterschreiben, sich noch zu den Orthodoxen zählen können. Ich stelle euch Dutzende der größten Autoritäten des Judenthums gegenüber, welche euch der Unwahrheit und Ungläubigkeit zeihen werden. Ihr verschanzt euch vielleicht hinter Unterstellungen und falschen Bezichtigungen, den Zionisten gegenüber; allein, wäre das nicht ein Verfahren, welches aller Wahrheit, Gerechtigkeit und Gesetzlichkeit Hohn spricht? Ihr sagt ferner: 2. Das Judenthum verpflichtet seine Bekenner, dem Vaterland, dem sie angehören, mit aller Hingebung zu dienen und dessen nationale Interessen mit ganzem Herzen und mit allen Kräften zu fördern. Was soll das heißen? Soll das etwa so eine niederträchtige Denunziation sein, welche die Zionisten beschuldigt, ihr Vaterland weniger zu lieben als ihr? Zu euerer Eyre will

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.