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Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
Deutsche Rabbiner
Date
1897-07-30
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2. j*$v/ar Nr. S. Volksgefühl uns vor der übrigen Welt zu einer ganz anderen, ehrenhafteren Stellung und Bedeutung verhelfen müßte. Der Antisemitismus hat gaoz rechts uns als vaterlandslose Horde hinzustellen, wenn wir unsere Väter verleugnen und eine Nationalität uns aneignen wollen, die uns nicht gebührt. Bekenne Dich freudig zu Deinen Vätern, Deinem Volk, Deiner Nationalität und kein Mensch der Welt, nicht einmal der wüthigste Antisemit kann Dir das Vaterland streitig machen wollen in dem Orte und in dem Lande, wo Du geboren und erzogen bist und vaterländisch denkst, fühlst, sprichst und handelst. Die Aneignung einer fremder Nationalität kann nicht anders denn als Heuchelei, als Zudringlichkeit und Unwahreit aufgefaßt werden. Wie darum ein Herr Leimdörfer auf den edlen, heldenhaften, begeisterten Nationljuden Gabriel Rießer sich berufen konnte, das ist mir völlig unerfindlich. O, ganz gewiß: „Wir wollen", wie Rießer sagt, „dem deutschen Vaterlande angehören, wir werden ihm aller Orten angchören. Es kann und darf von unS fordern, was es von seinen Bürgern zu fordern berechtigt ist; willig opfern wir ihm Alles, nur nicht Glauben, Treue, Wahrheit, Ehre. Denn Deutschlands Helden und Weise haben uns nicht gelehrt, daß man durch solche Opfer ein Deutscher wird." Der Jude, welcher seine Nationalität verleugnet und fich einer fremde« Nation, die ihn mit Spott und Hohn zurückstößt, aufdringt, hat auch Glaube, Treue, Wahrheit und Ehre verleugnet. Ihr betrachtet eS als das Schlimmste alles Schlimmen, den Glauben zu verleugnen und zu wechseln; ja, die Herkunft, die Abstammung und Nationalität verleugnen und wechseln wollen, ist doch noch weit schlimmer. Und dieser Herr brüstet sich zu sagen: „Wir lehren und lernen vor Alt und Jung auf Kanzeln und Kathedern, in Wort und Schrift: Es gibt keine jüdische Nation!" Das ist ja geradezu eine... ich will das schlimme Wort nicht aussprechen, wohl aber verdient dieser Ausspruch eines „Lehrers in Israel" mit höchster Verachtung gestraft zu werden. Ein jedes Wort der Heiligen Schrift, wonach wir lchren und leben bekennet und bekundet die jüdische Nation; ein jedes unserer gottesdienstlichen Gebete hebt fich ab vom Goldgründe des Nationalgefühls; ein jedes unserer unzähligen Religionsbücher, auch die modernsten, halten fest wie am Bestände des Glaubens, so auch der Nation; unsere besten, ergreifendsten und erbaulichsten Kanzelworte fließen aus dem Quell nationaler Begeisterung — und da getraut fich dieser Mau« zu sagen: Wir lehren und predigen „es gibt keine jüdische Nation." „ES vereinigen fich," sagt Leimdörfer, „Fanattker aus Rußland und Oesterreich, junge heißblütige Studenten an verschiedenen Hochschulen zu agitatorischen Versammlungen, verbreiten in Wort und Presse und Broschüren: Wir Juden seien nicht Deutsche, sondern Nationaljuden, senden Redner nach England rc." Ich meines Theils bin weder das Eine noch das Andere, sondern ein alter, nahezu siebzigjähriger Mann und-ein guter deutscher Nationaljude. Ja, ein Deutscher und ein Nationaljude. Ich weiß nicht, ist es Selbsttäuschung oder Welttäuschung, daß die Herren in jedem Momente den Begriff „Volk" und den Begriff „Nation" verwechseln und xrowisou« gebrauchen. Freilich, die Antisemiten machen es ebenso. Wir deutsche Juden gehören thatsächlich nicht zur germanischen Nation, wohl aber gehören wir zum deutschen Volke. Wir find keine Germanen, aber wir find Deutsche. Wie sollten wir nicht, da wir in Deutschland geboren und erzogen, deutsch reden, denken und empfinden und unser Vaterland lieben, sein Wohl befördern und alle Pflichten eines guten deutschen Patrioten erfüllen. Wir find Deutsche, wie der Deutsch-Pole, Deutsch-Romane und Deutsch-Slave. Und wer überhaupt das deutsche Bürgerrecht erwarb, der gehört zum deutschen Volke, selbst wenn er in Asien oder Aftika geboren wäre. In Königsberg habe ich einen königlichen Musikdirektor an der Spitze seiner Regimentsmufik marschiren gesehen; der Mann ist ein veritabler, waschechter Neger, das hat ihm in seiner CarriSre nicht geschadet, er ist darum auch um keinen Gran schlechter, als jeder andere Deutsche. Was die Feinde und Gegner der Juden „welche diese Bewegung zu unseren Ungunsten ausnützen," thun, bekümmert uns herzlich wenig. Ich weiß nur so viel, daß nicht die zionistische Bewegung, sondern das Mische Protzenthum, die Asfimilisationssucht, Vordringlichkeit, Prunksucht — daß, ohne es zu wollen, die jüdischen Reichen und Großen, die Führerrollen spielenden jüdischen Politiker und Parlamentarier uns diese Feinde und Gegner geschaffen haben. Ganz ohne Schuld sind aber auch die Letztgenannten nicht. Sie find und waren allesammt Ajsimilawren, entnationalifirte Juden schlimmster Art; wären es Männer gewesen, wie Benjamin Disraeli, Adolf Crsmieux, Gabriel Rießer, Moses Montefiore und andere echte Nationaljuden — man hätte ihnen ihr Vermögen, ihre Stellung und Geltung nicht beneidet. Selbst die schlimmsten Widersacher hätten vor solchen Männern verstummen müssen. Der Herr Dr. Leimdörfer hat zu rechter Zeit seine Stimme erhoben, um zu Protestationen seitens der deutschen Rabbiner gegen den Zionismus aufzufordern. Ms hieher in meiner Entgegnung gelangt, lese ich in mehreren Berliner Zeitungen, daß der geschästsführende Vorstand des deutschen Rabbiner- VerbandeS — wer ihn dazu gemacht, das wird erst noch festzustellen sein — nämlich: Dr. Maybaum (Berlin), Dr. Horowitz (Frankfurt a. M.), Dr. Guttmann (Breslau), Dr. Auerbach (Halberstadt), Dr. Werner (München) eine Erklärung gegen den Zionistencongreß und gegen die zionistischen Bestrebungen erlaffen haben. Ich bedauere auf das tieffte und innigste diese Thatsache, nicht etwa um der Bedeutsamkeit der Personen und Folgewichtigkeit der Sache willen — diesen Glauben haben die Genannten wohl selbst nicht — sondern weil unter den Zeichnern sich Männer befinden, mit denen ich bisher in bestem Einvernehmen gelebt und fteundschaftliche Beziehungen unterhalten habe. Trotzdem ihre „Erklärung" sehr zahm ausgefallen uud nicht ohne Vorbehalt gegeben ist, kommt sie mir — ich kann nicht darüber hinweg — verdächtig vor. Erstlich, wer sind die Männer, welche diese Erklärung abgegeben haben? Sie nennen fich der geschästsführende Vorstand des deutschen Rabbiner- Verbandes. Wer hat sie dazu gemacht? Doch niemand Anderer als sie selbst. Wir haben in Deutschland weder einen Allgemeinen Rabbinerverband noch einen diesbetreffenden Vorstand. In Berlin war eine Anzahl Rabbiner zusammengetreten, um einen solchen Verband zu gründen. Die Genannten scheinen damals, genau weiß ich es nicht, nominirt worden zu sein, um die hiezu erforderlichen Schritte zu thun. Im Namen der deutschen Rabbinerschaft zu reden, haben sie aber doch wohl kein Recht. Es bleibt ihnen also nur der eine Vorzug — wenn es ein solcher ist — Rabbiner der deutschen Großstädte und Großgemeinden zu sein. Das wäre allerdings ehemals, als die großen Gemeinden sich auch noch die besten und ausgezeichnetsten Männerwählten, noch ein Vorzug gewesen, aber heutzutage doch nicht mehr, wo die Wahl von rein äußerlichen und zufälligen Sach- und Beweggründen abhängt. Gerade weil es die Rabbiner der Großgemeinden und der deutschen Großgemeinden sind, wird die Sache verdächtig. Es find die gesättigten, die ruheseligen, die sorglosen, die niemals nach unten schauen, sondern immer nach oben, aus ihre Reichen und Vornehmen. Der Rabbiner der deutschen Großgemeinde ist nur Rabbiner der Reichen und Gesättigten, die Armen, selbst der Mittelstand dürfen nicht mitsprechen. Daß nun aber all diesen reichen hochmögenden und hochgetragenen, geldstrotzigen und protzigen, vielumworbenen und umschmeichelten Männern die zionistische Bewegung stets in der Seele zuwider war, ist ja eine all- und altbekannte Sache. Wer sind diese gegnerischen Männer, so fragen wir wiederholt? Und bei dieser Gelegenheit kommt uns in deu Sinn, daß der geplante Congreß der Zionisten gar nicht einmal der erste ist. Bereits vom 18—23. Cheschwan 5645,

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