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Die Welt · 1897-07-30 · 9 (30.7.1897) · p. 4

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Journal
Die Welt
Volume
1 (1897)
Issue
9 (30.7.1897)
Article
Deutsche Rabbiner
Date
1897-07-30
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4. smm ich annehmen, daß ihr es so schlimm nicht gemeint, daß ihr da wieder zwei Dinge — freilich ganz antisemitisch — verwechselt und vermischt HSbt, die grundverschieden find: Nationalität und Vaterland. Ihr sprechet da von „nationalenInteressen" und meint vaterländische Interessen. Ja, was die vatekländischen Interessen betrifft — dafür leiste ich volle Bürgschaft — steht der Zionist weder euch, noch irgend einem anderen Staatsbürger jüdischen und nichtjüdischen Glaubens im geringsten nach. Für die vaterländischen, gemeint find die politischen, volkswirthschaftlichen und socialen Interessen des Heimathlandes, opfert der Zionist Gut und Blut ganz ebenso freudig und hingebungsvoll wie jeder andere Staatsbürger. Ein Zugeständniß sollt ihr haben. Was die „nationalen Interessen" betrifft, wird kein Zionist irgend einer anderen Nationalität auch nur das geringste Zugeständniß und Entgegenkommen zeigen, wenn solches nicht ausgewogen wird durch das ganz gleiche Interesse, welches man der eigenen jüdischen Nationalität entgegenbringt. Dem Vaterland Alles ohne allen Rückhalt und Rückstand; der Nationalität dagegen nicht mehr als — wie Du mir so ich Dir. Nur dieser Standpunkt kann uns wieder zu Ehren bringen, jetzt und in aller Zukunft. Endlich das Zugeständniß und euere „Erklärung". 3. Mit dieser Verpflichtung aber stehen nicht in Widern spruch jene edlen Bestrebungen, welche auf die Colonisation Palästinas durch jüdische Ackerbauer abzielen, weil sie zur Gründung eines nationalen Staates keinerlei Beziehung haben. Hier treffen wir, trotz der scharfen Trennung unserer Wege, doch wieder zusammen. Colonisation war das Schlußwort meiner im Jahre 1883 erschienene Schrift „Aruchas bas-Ammi" („Israels Heilung"). „Zunächst gilt's", hatte ich gesagt, „Erlösung des Grund und Bodens." „Im ganzen Lande eueres Besitztheils soll man Erlösung geben dem Lande." Nach Erlösung des Landes wird die Erlösung des Volkes ein Leichtes sein und das große Jubeljahr wird herankommen „und Freiheit wird verkündet werden dem Lande und seinen Bewohnern; ein jeder wird zu seinem Befitze und ein jeder zu seiner Familie zurückkehren. Was wir auch thun mögen, auf diesen einen Punkt müssen wir stets den Blick gespannt halten: Wiedergewinnung unseres Landes, Wiedervereinigung unseres Volkes, Wiederherstellung unseres Staates." Ja Freunde, einen anderen Zweck kann auch die Colonisation nicht haben. Was sollen und brauchen wir hinter'm Berge zu halten. Und wenn ihr zehnmal saget, daß die Colonisation keine Beziehung zum jüdisch-nationalen Staate habe, so ist das doch nicht wahr, so glaubt ihr selbst nicht an das, was ihr sagt. Colonisation nichts als Colonisation ist unser nächstes Bestreben. Diesen Gedanken hat auch der edle, in Gott ruhende Dr. Pinsker ausgesprochen, als er den ersten Zionisten-Congreß in Kattowitz einleitete: „Es wird unserem Denkewolke nicht schwer sein," sagte er zum Schluffe seiner Eröffnungsrede, „bald die Einsicht zu gewinnen, daß ein ungestümes, planloses Vorgehen hier nicht zum Ziele führen kann. Eine Volksmetamorphose läßt sich nicht im Handumdrehen bewerkstelligen, und würden wir uns daher täusche», wenn wir schon zu unseren Lebzeiten von den Früchten zu pflücken hofften. Mer was sind denn einige Geschlechter für unser unvergängliches Volk? Wie bald wird es bei gehöriger Energie und Umsicht seine neue Umwandlung überstanden haben! Colonisation sei daher von nun an unsere Losung." Und das ist in der That die Losung des Zionismus geblieben bis ans den heutigen Tag; allein das Endziel ist und bleibt auch unausgesprochener- und widersprochenermaßen: der jüdisch-nationale Staat. Ich komme zum Schluffe. Freunde und Collegen, ihr habt unrecht gethan, diese euere Erklärung zu veröffentlichen. Ihr werdet die in Fluß gekommene zionistische Bewegung doch nicht aufhalten und zurückstauen können — ihr könnt euch damit nur. compromittiren und mißcreditiren, wenn nicht schon vor der Mitwelt, so doch ganz gewiß vor der Nachwelt. „Ich bin kein Prophet und keines Propheten Sohn;" aber 3h. 9. ich sehe es kommen, unausbleiblich, daß von dieser zionistischen Bewegung eine Regeneration unseres Volkes ausgehen wird, eine Erneuerung an Haupt und Gliedern. Ich sehe es an der Begeisterung, womit der zionistische Gedanke von so vielen Jungen und Alten erfaßt und in's Herz geschloffen wird. Freuet euch doch wieder einmal, einen großen Gedanken zu besitzen, daran ihr euch in der Niedrigkeit, Versunkenheit und Gedrücktheit eueres unwürdigen Daseins wieder ausrichten könnt. Und wenn dereinst die Geschichte unseres Volkes ihres Richteramtes walten und diese Regeneration des Judenthums und jüdischen Volkes in ihre Annalen verzeichnen wird, dann muß fie auch der kläglichen Rolle gedenken, die ihr bei dieser Gelegenheit gespielt habt. An euch aber, ihr treuen Genoffen, möge das Wort des Psalm (53) fich bestätigen: „O, wer gäbe doch, daß von Zion das Heil Israels komme, indem Gott zurückbringt die Vertriebenen seines Volkes, zum Jubel Jacobs, zur Freude Israels." Memel, 14. Juli 1897. Die Woche. Wien, 29. Juli. In der „Quarterly Review" ist ein Vorschlag aufgetaucht, der einiges Aussehen erregt hat. Es wird da nicht mehr und nicht weniger beantragt, als die Theilung der Türkei! Daß man in diesem Augenblick, nach dem unerwartet glänzenden Waffengange der Türkei gegen Griechenland, einen solchen Gedanken an beachtenswerther Stelle lancirt, ist merkwürdig genug. Jetzt, wo die — wenigstens im Kriege bewährte — Vitalität der Türkei fich erwiesen hat, von der Theilung des Landes nach dem Beispiele Polens zu sprechen, scheint eine Kühnheit zu sein. So möchte man denn auch zunächst den Versuchsballon der „Quarterly Review" für einen Versuch halten, die Türkei einzuschüchtern. Die türkische Regierung beeilt fich nicht mit dem von allen Seiten gewünschten Friedensschlüsse, und man will vielleicht von England aus den Bitten, Rathschlägen und Ermahnungen, die dem Sultan zugingen, auch noch eine Drohung hinzusügen. Wenn sich die Türkei dem europäischen Concert nicht unterwerfe, würde man fie auftheilen. Nun ist das Zögern der türkischen Staatsmänner beim griechischen Friedensschluß aber nicht ganz unbegreiflich. Dieser Krieg hat den Sieger viel gekostet, und nach dem harten Recht der Kriege verlangt er die Entschädigung für seine Opfer. Die Lage ist schlimm genug. Griechenlands Zahlungsfähigkeit ist nicht gerade glänzend. Es haben sich zwei Arme miteinander geschlagen, und der Aermere soll hintendrein noch zahlen. Das Problem wird nicht leicht zu lösen sein. Selbst mit dem griechischen Zahlnngsversprechen wäre nicht viel gewonnen. Wo nichts ist, hat auch der Sultan das Recht verloren. Da man ihm nun keine Vortheile bieten kann, bietet man ihm — Nachtheile. Wenn er sich nicht fügt, werde sein Land getheilt werden. Die Inspiratoren des Artikels in der „Quarterly Review" übersehen nur, daß der Sultan gerade in Folge der Größe dieser Drohung an ihrer Ernstlichkeit zweifeln muß. Und bei all' seiner Armuth ist das Volk der Türken von ungebrochener Heldenhaftigkeit. Diese Theilung wäre ein großes Gemetzel, und wie stellt man fich das Schicksal der im türkischen Reiche zerstreut lebenden Europäer vor, wenn der letzte Kampf des Osmanenthums ausbräche? Nein, der Theilungsvorschlag hat gegenwärtig wenig Aussicht, durchzudringen. Interessant bleibt er darum doch, namentlich wegen einer gewissen Einzelheit im Plan der „Quarterly Review". Bei der „Theilung" wird neben Oesterreich und Rußland nur noch England bedacht. Daß es im Mittelmeer noch andere Mächte mit gesegnetem Appetit gibt, wie etwa das einem ehrbaren Gebietszuwachs nicht abgeneigte Italien oder das nicht allzu bescheidene Frankreich, merkt der Theiler der „Quarterly Review" kaum. Er verlangt für England einfach Aegypten und Syrien — „letzteres für die Eisenbahn nach dem persischen Golf und somit für einen kurzen Landweg nach Indien". Es ist wenig Aussicht vorhanden, daß Frankreich, das England aus

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