Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Die weisse Robbe
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 29 (sequence 4)
- Language
- German
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„Die # Welt' Seite 29 Kotick schwamm nach Novastoschnah zurück. Dorf fand er, dass niemand seine Meinung, dass man einen ruhigen Ort für dis Robben finden müsse, theilte. Hie sagten ihm, dass die Menschen die Hollusschickie immer verfolgt hätten, und er müsse ja nicht zu den Schlachtplätzen gehen, wenn er nicht Unangenehmes sehen wollte. Aber keine der anderen Robben hatte das Schlachten mitangesehen; überdies war Kotick eine weisse Robbe. „Du musst." sagte Seefang, nachdem er die Abenteuer seines Sohnes gehört hatte, „eine grosse Robbe werden wie Dein Vater und einen Platz an der See haben, dann werden sie Dich in Ruhe lassen, in fünf Jahren musst Du schon allein kämpfen." Sogar die sanfte Matkah sagte : „Du wirst das Schlachten nie aufhalten können, lieh' und spiele im Meere. Kotiek." Und Kotick gieng und tanzte den Feuerton/ mit schwerem Herzen. An jenem Herbste gieng er, so früh er konnte, von der Küste fort, weil er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte. Kr gieng die Seekuh finden, wenn so eine l'erson in der See existierte, und er gieng eine ruhigere Insel finden, wo keine Menschen hinkommen, und wo die Robben ungehindert spielen konnten. Er durchforschte den stillen ücean von seinem nördlichsten bis zum südlichsten Ende und schwamm in einem Tage und einer Nacht dreihundert Meilen. Er ■ •liebte mehr Abenteuer als man erzählen kann. Er entkam mit knapper Not Ii dem Hammerhai und dem Menschenhai und er traf alle die unzuverlässigen Spitzbuben, die in der See herumbummeln. Aber nie fand er Seekuh und nie fand er eine Insel, die ihm passte. War die Küste gut und hart, mit einem Abhänge zum Spielen und mit schönem Wellenschläge, so war immer der Hauch eines Walltischfängers am Horizont, der Thran siebte, und Kotick wusste, was das bedeutet. Oder er sah, dass Robben auf der Insel gewesen und ausgerottet worden waren, und Kotick wusste, dass die Menschen einen Ort. auf dem sie einmal gewesen sind, nie wieder aus den Augen verlieren. Kotick brachte fünf Jahre damit zu, die See zu erforschen, und jedes Jahr gieng er für vier Monate nach Novastoschnah, wo die Hollusschickie sich über ihn und sein phantastisches Inselparadies lustig machten, Er gieng nach Galapagos. einem schrecklichen, dürren Orte am Aequator, wo er beinahe zu Tode gebacken wurde; er gieng zu den Giorgia-Inseln, den Orkneys, zur Emerald- Insel, zur Nachtigall-Insel, zur Gonghs-Insel. zur Bonvcts- Insel, zu den Crossets und sogar zu einem winzigen Inselchen südlich vom Cap der guten Hoffnung. Aber überall sagte ihm das Seevolk dasselbe. Robben waren einmal auf der Insel gewesen, aber die Menschen hatten sie ausgerottet. Sogar als er weit, weit aus dem stillen Ocean herausschwamni, traf er auf dem Cap Orientes ein paar hundert räudige Robben, und sie sagten ihm, dass auch dort Menschen hinkamen. Das brach ihm fast das Herz, und er schwamm um das Cap Horn herum nach der heimatlichen Küste: und unterwegs hielt er bei einer Insel voll grüner Bäume, und dort traf er eine alte, alte Robbe, die im Sterben lag, und Kotick erzählte ihr, wie ihm alles fehlgeschlagen sei. „Jetzt." sagte Kotick, „gehe ich nach Novastoschnah zurück, und wenn ich mit den Hollusschickie zu den Schlachtplätzen getrieben werde, liegt mir nichts daran." Die alte Robbe sagte: „Versuche es noch einmal. Ich bin der letzte des verlorenen Volkes der Masafurra: vor Zeiten, als die Menschen uns noch zu hunderttausenden tödteten, gieng die Sage, dass eines Tages vom Norden eine weisse Robbe kommen werde, die das Robbenvolk an einen ruhigen Ort führen würde. Ich bin alt und werde den Tag nicht mehr erleben, aber andere werden ihn vielleicht sehen. Versuche es noch einmal." Und Kotick sagte : „Ich bin die einzige weisse Robbe, die je geboren wurde, und ich bin die einzige Robbe, die je daran dachte, eine ruhige Insel zu suchen.* Das gab ihm neuen Muth; und als er an jenem Sommer nach Novastoschnah zurückkam, bat ihn seine Mutter Matkah, sich niederzulassen und zu heiraten, denn er war nicht mehr ein Hollusschickie, sondern ein erwachsener Seefang, mit einer lockigen, weissen Mähne auf den Schultern, so schwer, so gross und so wild wie sein Vater. .Nur noch ein Jahr," sagte er. „Bedenke Mutter, es ist immer die siebente Woge, die am weitesten landeinwärts geht." Merkwürdigerweise dachte noch eine andere Robbe daran, das Heiraten auf das nächste Jahr zu verschieben, und Kotick tanzte mit ihr den Feuertanz, bevor er seine letzte Forschungsreise antrat. Er gieng nach Westen, bis er müde war, dann rollte er sich zusammen und sehlief in der Nähe der Kupferinsel. Er kannte die Küste sehr gut, und um Mitternacht, als er auf ein Schilfbett plumpte, drehte er sich unter Wasser und streckte sich. Dann sprang er wie eine Katze, denn er sah ungeheure Dinger das Schilf abweiden. .Bei den grossen Schaum wellen von Magellan," sagte er zwischen den Zähnen. „Was sind das für Leute Sie sehen weder einem Wallrosse, noch einem Seelöwen oder Seehund ähnlich: auch waren es keine Bären, Wale, Haie, Fische oder Muscheln, die Kotick jemals gesehen hatte. Sie waren zwanzig bis -dreissig Fuss lang und hatten keine Hinterflossen, sondern einen schaufelartigen Schwanz, der aussah, als wäre er aus nassem Leder geschnitzt. Die Köpfe sahen unglaublich dumm aus, und sie balancierten, wenn sie nicht weideten, auf ihren Schwänzen im tiefen Wasser, während sie sich gegenseitig feierlich verbeugten und mit der Vorderflosse winkten, wie etwa ein fetter Mann mit dem Arme winkt. „Wirklich," sagte Kotick, „Ihr seid das Hässlichste in der See, noch hässlicher als Seepferd.* Dann erinnerte er sich plötzlich, was ihm die Möve vor fünf Jahren auf der Wallrossinsel zugerufen hatte, und er liel rücklings ins Wasser, denn er wusste, dass er Seekuh gefunden hatte! Die Seekühe grasten weiter, und Kotiek legte ihnen Fragen in allen Sprachen, die er auf seinen Reisen gelernt hatte, vor, und das Seevolk spricht ebensoviel Sprachen, wie die menschlichen Wesen; aber die Seekühe antworteten nicht, denn Seekuh kann nicht sprechen. Bei Tagesanbruch war Koticks Geduld erschöpft. Da begannen die Seekühe langsam gegen Norden *zu ziehen und Kotick folgte ihnen, da er sich sagte : „Leute, die solche Idioten sind, wären längst ausgerottet, wenn sie nicht eine sichere Insel gefunden hätten; und was für Seekuh gut genug ist, ist auch für Seetang gut genug. Nur wollte ich. sie wären etwas schneller." Ks war sehr langwierig für Kotick. Die Seekühe schwammen nie mehr als vierzig bis fünfzig Meilen täglich, und in der Nacht weideten sie, während sie immer nur die Küste entlang giengen; Kotick schwamm über sie und unter sie und um sie herum, aber sie giengen nicht schneller. Als sie dem Norden näher kamen, hielten sie alle paar Stunden, und Kotick biss sich in seiner Ungeduld fast den Schnurrbart ab, bis er bemerkte, dass sie einer warmen Strömung folgten : da begann er etwas mehr von ihnen zu halten. Eines Tages sanken sie durch das glänzende Wasser, sanken wie Steine, und das erstemal, seit Kolik sie kannte, begannen sie schnell zu schwimmen : Kotiek folgte, und die Geschwindigkeit setzte ihn in Erstaunen. Sie schwammen nach einem Rift am Ufer, einem Rift, das in tiefem Wasser stand, und tauchten in ein dunkles Loch darin, zwanzig Faden unterm Meeresspiegel. Es dauerte sehr lange, und Kotik sehnte sich nach frischer Luft, bevor er endlich aus dem langen Tunnel, durch das sie ihn führten, herauskam.