Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Die weisse Robbe
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 28 (sequence 3)
- Language
- German
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Seite -28 „Die $ Weiter sich faul und schwach, wie die Menschen, wenn sie den Frühling in den Beinen spüren, und er erinnerte sich an die .schöne, lausende von Meilen entfernte Küste von Novastoschnah, an die Jugendspiele mit den Kameraden, an den Geruch des Seegrases, an das Brüllen und Kämpfen. Und augenblicklich schwamm er nach Norden, und unterwegs traf er viele Kameraden, die alle dasselbe Ziel im Auge hatten, und sie sagten : „Grüss Gott. Kotick! Heuer sind wir alle Hollusschickie. Wir können den Keuertan/. tanzen und im frischen Gras spielen. Aber woher hast Du den Kock?" Koticks l'elz war fast schneeweiss. aber troztdeni er sehr stolz auf ihn war. sagte er nur: »Schwimmt schnell! Ich sehne mich nach festem Land." Und so kamen sie alle zu den Gestaden, wo sie geboren wurden, und wo sie die alten Robben, ihre Väter, kämpfen gesehen hatten. Diese Nacht tanzte Kotick den Feuertanz mit den anderen kleinen Robben. Die See ist in Sommernächten von Novastoschnah bis Luckanon hinunter voll Feuer, und jede Robbe hinteilässt auf ihrem Wege einen feurigen Streiten. Dann giengen sie landeinwärts zu den Plätzen der Hollusschickie, wälzten sich im wilden Weizen herum und erzählten einander ihre Erlebnisse in der See. „Heda, Grünschnabel,* redete plötzlich ein grosser Hollusschickie Kotick an. „Wo hast Du Dir den weissen Rock angeschafft?" „Ich hab' ihn mir nicht angeschafft," sagte Kotick. »Er ist mir gewachsen." Und als er gerade im Begriffe war. den Spötter niederzuwerfen, kamen ein paar schwarzhaarige Männer mit glatten, rothen Gesichtern hinter einer Sanddüne hervor. Kotick, der noch nie einen Menschen gesehen hatte, hustet« und senkte den Kopf. Die Hollusschickie watschelten ein paar Schritte weiter und glotzten. Die Männer waren Kerick Booterin, der erste Robbenfänger der Insel, und Patalamon, sein Sohn. Sie kamen aus einem kleinen Dorfe, das kaum eine halbe Meile von den Spielplätzen entfernt war, und sie suchten sich eben jene Robben heraus, die sie zu den Schlachtplätzen treiben — denn die Robben werden wie Schafe getrieben — und dann in Sealsskinjacken verwandeln wollten. .Hollah!" sagte Patalamon. „Da schau her! Eine weisse Robbe!" Kerick Booterin wurde unter all seinem Russ und Oel blass, denn er war ein Aleule, und die Aleuten sind keine besonders reinlichen Leute. Dann begann er zu beten. „Patalamon, rühr' ihn nicht an : seit — seit ich auf der Welt bin, hat es noch keine weisse Robbe gegeben. Vielleicht ist es Zaharoffs Geist. Er ist in dem letzten grossen Sturm verschollen." .[■ Ii komm' ihm nicht in die Nähe," sagte Patalamen. „Er bringt Unglück." „Schau ihn nicht an," sagte Kerick. „Treib' die dort fort. Die Männer sollten eigentlich zweihundert abhäuten, aber die Saison fängt erst an. und sie kennen die Arbeit noch nicht. Hundert werden genug sein. Schnell!" Patalamon schüttelte ein paar Robbenknochen vor eine Herde Hollusschickie, und sie regten i-ich nicht. Dann gieng er näher und sie begannen sich zu bewegen, und Kerick trieb sie landeinwärts, und sie versuchten gar nicht, zu ihren Gefährten zurückzukehren. Tausend und abertausend Robben sahen dem zu. aber sie spielten weiter. Kotick war der einzige, der fragte, aber man konnte ihm keine andere Auskunft geben, als dass man die Robben jedes Jahr sechs Wochen oder zwei Monate lang jagte. „Ich gehe nach," sagte er. Und die Augen traten ihm fast aus dein Kopfe, als er der Herde folgte. „Die weisse Robbe kommt hinter uns her," schrie Patalamon. „Das ist das erstemal, dass eine Robbe allein zu den Schlachtplätzen kommt." „Pst! Schau dich nicht um. Es muss Zaharoffs Cieist sein. Ich werde mit dem Priester darüber sprechen." Kotick folgte keuchend und neugierig. Er glaubte sich an dem Ende der Welt, aber das Gebrüll der Robben klang noch so laut wie ein Zug in einem Tunnel. Dann setzte Kerick sich nieder und zog eine schwere, zinnerne Uhr hervor und liess dem Trupp dreissig Minuten Zeit, um sich abzukühlen. Kotick hörte das Wasser von seiner Kappe herabtröpfeln. Dann kamen zehn oder zwölf Männer, jeder mit einer eisen beschlagenen, meterlangen Keule bewaffnet, und Kerick sagte: „Los!" und die Männer schlugen die Robben, so schnell sie konnten, auf die Köpfe. Zehn Minuten später erkannte klein Kotick seine Freunde nicht mehr, denn ihre Pelze waren von der Nase bis zu den Hinterilossen abgezogen und bildeten grosse Haufen auf dem Boden. Das war Kotick genug. Er drehte sich um und galoppierte (eine Robbe kann eine Zeitlang sehr schnell galoppieren) zur See zurück. Sein kleiner, junger Schnurrbart sträubte sich vor Entsetzen. Auf der Landzunge der Seelöwen warf er sich kopfüber in das kühle Wasser und stöhnte. „Was ist da los?" brummte ein Seelöwe. .Skochnie. ochnie skochnie!" (ich bin einsam, sehr einsam) sagte Kotick; »sie tödten alle Hollusschickie auf allen Küsten." Der Seelöwe wandte den Kopf. »Unsinn!" sagte er. „Deine Freunde sind jetzt gerade so lärmend wie sonst. Wahrscheinlich hast Du den alten Kerick gesehen, wie er eine Herde abmurkst. Das Unit er schon volle dreissig Jahre." „Entsetzlich»" sagte Kotick und wich einer herankommenden Woge meisterhaft aus. „Vortrefflich, für ein so junges Bürschlein," lobte der Seelöwe, der sich auf gutes Schwimmen verstand. „Von Eurem Gesichtspunkte ist's freilich entsetzlich, aber wenn Ihr Robben Jahr um Jahr herkommt, so müssen es ja die .Menschen erfahren, und wenn Ihr nicht etwa eine Insel findet, wo niemals Menschen hinkommen, so wird man immer auf Euch Jagd machen." „(übt es keine solche Insel?" fragte Kotick. „Ich bin der Aplotoos (der Scholle) schon zwanzig Jahre gefolgt, und ich kann nicht sagen, dass ich sie gefunden habe. Aber sieh' einmal — geh' zur Wallrossinsel und sprich mit Seepferd, vielleicht weiss es etwas." Kotick schwamm direct zur Wallrossinsel, wo die Wallrosse rudelweise lebten. Er landete dicht'neben Seepferd, dem grossen, hässlichen, dickhalsigen, langgezähnten Wallross des stillen Uceans, das immer unmanierlich ist, ausser wenn es schläft -..... was es gerade that. „Wach auf!" bellte Kotick, denn die Möven machten einen grossen Lärm. „Ho! Hailoh! Was ist los?" sagte Seepferd. „Hihihi! Ich bin's," sagte Kotick. »Gibt's keinen Ort für Robben, wo keine Menschen hinkommen?" „Frag" Seekuh," sagte Seepferd. „Wenn sie noch lebt, kann sie Dir's sagen.•' »Wie werdeich Seekuh erkennen, wenn ich sie treffe?" sagte Kotick, während er absegelte. „Sie ist das hässlichste in der See, noch häuslicher als Seepferd,* kreischte eine Möve. „Hässlicher, und hat noch schlechtere Manieren!"