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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 30

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Die weisse Robbe
Date
1900-03-01
Page
30 (sequence 5)
Language
German
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Seite 30 „Die 5$ Welt- „Potztausend!* sagte er, als er keuchend ins Frei« kam. „Es war ein schweres Stück Arbeit, aber es hat sich gelohnt." Vor ihm lagen die schönsten Küsten, die Kotick jemals gesehen hatte. Da war meilenweit glattgetretener Felsen, wie er sich für Robben gerade eignet, und da waren Abhänge aus hartem Sande, und da waren hohe Wellen zum Tanzen und Sanddünen und langes Gras zum Kugeln, und. was das Beste war, Kotick erkannte am Wasser, das eine Robbe nie betrügt, dass dort noch keine Menschen gewesen waren. Vor allein sah er sich um, ob der Fischfang reichlich war: dann schwamm er die Küste entlang, und zählte die schönen, flachen Sandinseln, die halb im Nebel versteckt lagen. Um das Land herum waren bis auf sechs Meilen hinaus lauter Untiefen und Riffe, denen ein Schiff nicht nahekommen konnte, und zwischen dem Festlande und den Inseln gieng ein Streifen tiefen Wassers, und irgendwo zwischen den Riffen lag der Eingang zum Tunnel. „Es ist ein zweites Novastoschnah, nur noch zehnmal besser," sagte Kotick, „Seekuh ist: klüger als ich glaubte." Dann tauchte er und merkte sich den Eingang des Tunnels und raste südwärts. Niemand als eine Seekuh oder eine Robbe hätte sich's auch nur träumen lassen, dass solch ein Ort existierte, und als Kotick auf die Riffe zurückblickte, konnte er sich's selbst kaum glauben, dass er dort gewesen war. Er brauchte zehn Tage, um nachhause zu kommen, und als er endlieh Land betrat, war die erste, die er traf, die Robbe, die auf ihn gewartet hatte, und sie sah ihm's an den Augen an, dass er die gesuchte Insel gefunden. Aber die Hollusschickie und Seefang, sein Vater, und alle die anderen Robben lachten ihn aus, als er ihnen berichtete, was er entdeckt hatte, und eine junge Robbe in seinein Alter sagte: „Das ist alles recht schön, Kotick, aber Du kannst uns nicht mir nichts, Dir nichts, in ein unbekanntes Land hinconimandieren. Wir haben gekämpft, was Du nie gethan hast; Du hast es vorgezogen, in der See herumzubummeln." Darüber lachten alle, und die junge Robbe warf sich in die Brust. »Ich habe nicht für Frau und Kinder zu kämpfen," sagte Kotick. „Ich will Euch nur einen Ort zeigen, wo Ihr in Sicherheit leben könnt. Was soll das Kämpfen?" »Ach, Du drückst Dich schon : da halt" ich freilich nichts mehr zu sagen." sagte die junge Robbe mit hässlieheni Kichern. ..Willst Du Dich mir anschliessen, wenn ich siege?" fragte Kotick: und seine Augen glänzten grünlich, denn er ärgerte sich sehr, dass er überhaupt kämpfen musste. „Abgemacht." sagte die junge Robbe, „wenn Du siegst, komme ich mit." Sie hatte keine Zeit, sich eines Besseren zu besinnen, denn Koticks Zähne hatten sich in ihrem fetten Halse verbissen. Dann zerrte und schüttelte (»r den entkräfteten Gegner und warf ihn zu Hoden. Hierauf schrie Kotick den Robben zu: »Seit fünf Jahren denke ich an nichts, als an Euer Wohl: ich habe Euch die Insel ausfindig gemacht, die Eure Rettung ist. Aber wenn man Euch die biöden Köpfe nicht von den Leibern reisst, wollt Ihr ja nicht glauben. Jetzt will ich Euch glauben lehren, nehmt Euch in acht!* Seine weisse Mähne stand ihm zu Borge in seiner Wuth. seine Augen Dämmten, und seine grossen Zähne blitzten; er warf sich auf die Scharen der erwachsenen Robben, hieb rechts und links auf sie ein, dass sie wie Spreu vor dem Winde auseinander stoben. Da brüllte der alte Seefang auf und schrie: „Er ist vielleicht verrückt, aber er ist der beste Kämpfer weit und breit. Greil" Deinen Vater nicht an, er hält zu Dir. Ich bin stolz auf Dich, mein Sohn, und mehr als das. ich will mit Dir nach Deiner Insel ziehen.' Eine Woche später gieng Kotick mit seiner Armee (fast zehntausend Hollusschickie und alte Rohben) nach Norden zu dem Tunnel der Seekühe. Die Robben, die in Novastoschnah blieben, nannten sie Idioten. Aber im nächsten Frühlinge, als sie alle im stillen Oeean zusammenkamen, erzählten Koticks Robben solche Wundergeschichten von den neuen (iestaden, dass immer mehr Robben Novastoschnah verliessen. Es geschab natürlich nicht auf einmal, denn die Robben sind nicht sehr klug, und sie brauchen lange, bis sie sich entschliessen. aber die Zahl der Auswanderer wuchs von Jahr zu Jahr. Aus den Liedern eines Bekehrten. Umkehr. Fern vom parteiischen Getriebe, Von Bassenkampf und Völkerstreit, Träumt' ich von hoher Menschenliebe Und geistesfreier Einigkeit; Von liehtumwüb'nen künft'gen Tagen Der G 1 e i c h h e i t und V e r b r ü d e r u n g Und fühlte meine Pulse sehlagen In flammender Begeisterung .....- Ich sah versöhnend sich erheben Die ganze Mens c h h e i t im Verein Zu friedlichem Zusammenstreben . . . Und war d'rauf stolz, ein M e n s c h zu sein! Da drang in meinen Träumereien Ein jäher Weckruf an mein Ohr---— Ich hört' ein Volk um Hilfe schreien — Und bebend rafft* ich mich empor . . . Es waren meine e i g ' n e n B r ü d e r, Verfolgt, besehimpft, gequält, bedroht: Der Hass der Feinde schlug sie nieder Und grässlich sah ich ihre Noth . . . Es war der Aufschrei eines Wildes. Das grausam man zu Tode hetzt — Und von dem Anblick dieses Bildes War ich erschüttert und entsetzt. Und aus den lauten Klagetönen Klang es zugleich wie ein Gebet, Wie schluchzendes und tiefes Sehnen. Von banger Hoffnung leis' durchweht, Wie Heimweh nach dem wunderbaren. Dem längst verlornen Heimatland. Aus dem seit endlos langen Jahren Ins harte dolus sie verbannt. — So sehnt ein Kind, das einst vertrieben In weite Ferne durchs Geschick. Nach seiner Heimat, seiner lieben, Zu seiner Mutter sich zurück. . . . Es trennten meine Ideale Noch Welten von der Wirklichkeit! . . . Mich starrte an das tinst're, fahle. Das alte, bitt're. jüdische Leid. Und plötzlich tief in meinem Innern Hat sich ein Funke licht entfacht, Ein längst vergessenes Erinnern Ist aufgestiegen und erwacht — Mir schien es jäh, als war' verbunden Mit diesem Volk mein Herz und Sinn. I c h blutete an s e inen Wunden. Und fühlte, dass ich Jude bin! Und voll unsäglich tieler Wehmuth Und Trauer um Dein hartes Los, Kehr" ich, verlor'ner Sohn, in Demutb Zurück, mein Volk, in Deinen Schoss; Will für Dich kämpfen, streiten, wagen Begeist'rungsvoll durch Wort und Thal, P.is einst nach leidensschweren J\gen Die Stunde der Erlösung naht Bis Du die Freiheit kühn erschwungen Bis der Verbannung Nacht entschwand Bis Du Dein herrlich Ziel errungen: Ein freies Volk im freien Land! Paris, im December 18!)!». Heinrich G t* ü n a u.

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