Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Die weisse Robbe
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 27 (sequence 2)
- Language
- German
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„Die £-Welt< Seite 27 genug haben. Seefang jagte eine gefangene Robbe nie, denn das war gegen die Kostengesetze. Er wollte nur Kaum bei der See für seine Familie, aber da vierzig- bis fünfzigtausend Robben jedes Jahr demselben Zweeke nachjagten, war das Pfeifen. Hellen, Brüllen und Schnaufen etwas Entsetzliches. Von einem kleinen Hügel konnte man ein < iebiet von :!'/, Meilen übersehen, das ganz mit kämpfenden Hobben bedeckt war; und die Köpfe der Robben, die zum Kampfe auf das Land zusteuerten, ragten wie zahllose Tunkte aus der Brandung hervor, Sie kämpften in der Brandung, sie kämpften im Sand, und sie kämpften auf den glattgetretenen Basaltfelsen, denn sie waren gerade so dumm und unverträglich wie die Menschen. Ihre Krauen kamen erst Ende Mai otler Anfang Juni, denn sie wollten nicht in Stücke gerissen werden, und die jungen, zwei-, drei- und vierjährigen Robben, die noch keinen Haushalt gegründet hatten, giengen durch die Reihen der Kämpfenden etwa eine halbe Meile landeinwärts und spielten in Herden auf den Sanddünen, und rieben alles (irün ab, das sich irgendwie auf der Insel vorfand. Man nannte sie die Hollusschickie — die Junggesellen -...... und in Novastoschnah allein waren etwa zweibiß dreimalhunderttausend. Seefang hatte gerade seinen fünfuodvierzigsten Kampf beendet, als Matkah, sein feistes, sanftes Weib, aus der See kam, und er packte sie beim Kragen und warf sie auf seinen reservierten Platz nieder, während er rauh sagte: „Natürlich wieder zu spät! Wo bist Du nur gewesen V Seeläng pflegte in den vier Monaten, in denen er an der Küste war, nichts zu essen, weshalb er gewöhnlich schlechter Laune war. Matkah war klug genug, nicht zu antworten. Sie sah sieh um und girrte: „Du denkst aber auch an alles. Du hast wieder den alten Platz eingenommen." „Das glaub" ich," sagte Seefang, .sieh mich 'mal; an." Er blutete aus zwanzig Wunden. Ein Auge war fast draussen, und die Haut hieng ihm in Fetzen vom Leibe. ,,(), Ihr Männer, Ihr Männer," sagte Matkah. sieh mit der Hinterflosse fächelnd. „Könnt Ihr nicht vernünftig sein und die Plätze ruhig unter Euch vertheilen? Du siehst aus, wie wenn Du mit einem Riesenwal gekämpft hättest." „Ich bin seit Mitte Mai nicht aus dem Kampfe herausgekommen, die Küste ist heuer furchtbar voll. Ich habe mindestens hundert Robben von der Luckanon getroffen, die auf der Wohnungssuche sind. Warum bleiben die Leute nicht dort, wo sie zuständig sind'?" „Ich habe mir schon oft gedacht,'' sagte Matkah, „dass wir glücklicher wären, wenn wir auf die Otterinsel übersiedelten." „Bah, nur die Hollusschickie gehen zur Ottorinsel. Wenn wir dort hingiengen, würde man sagen, dass wir uns fürchten. Wir müssen den Schein wahren, meine Liebe." Seefang steckte den Kopf stolz zwischen seine fetten Schultern und that fünf .Minuten lang, als ob er schliefe. In Wahrheit aber lugte er nur nach einem neuen (iegner aus. Jetzt, da alle Robben und ihre Weibchen am Land waren, übertönte ihr (ieschrei selbst die lautesten Winde. Es waren mindestens eine Million Robben an der Küste — alte Robben, Mutter-Robben, winzige Babys und Hollusschickie — kämpfend, blockend, kriechend und spielend. Sie giengen zur See hinunter und kamen in Truppen und Regimentern herauf, sie lagen auf jedem Fuss Boden, soweit das Auge reichen konnte, und streiften in Brigaden durch den dichten Nebel. Es ist in Novastoschnah fast immer neblig, ausser wenn die Sonne fünf Minuten herauskommt und alles in Regen bogen färben taucht. Als Kotick, Matkahs Baby, in diesem Tumult zur Welt kam, war er nichts als Kopf und Schulter und hatte wusserblatie Augen, wie junge Robben sie haben sollen, aber sein Rock sah so eigenthümlich aus, dass seine Mutter ihn sehr genau betrachtete, „Seefang,'- sagte sie endlich, „unser Baby wird weiss sein." „Leere Austern und trockenes Seegras," schnarrte Seefang. „Seit die Welt steht, hat's noch keine weisse Robbe gegeben." „So wird es jetzt eine geben." saute Matkah. Kotick plätscherte und krabbelte an der Seite seiner Mutier und lernte es, aus dem Weg zu gehen, wenn sein Vater mit einer anderen Robbe kämpfte und die zwei brüllend die glatten Felsen auf- und niederrollten. .Matkah pflegte um essbare Dinge zur See zu gehen, und das Baby wurde nur einmal in zwei Tagen gefuttert, aber dann ass es. was es konnte und gedieh dabei. Das erste, was Kotick thai. war. landeinwärts zu kriechen, und da traf er zehntausend Babys in seinem Atter, und sie spielten zusammen wie junge Hunde, schliefen auf dem reinen Sand und spielten wieder. Die alten Leute kümmerten sich nicht um sie. die Hnllusschickie hatten ihre eigenen Plätze, und die Babys hatten schöne Spielzeit. Wenn Matkah vom Fischen nachhause kam, gieng sie direct zum Spielplatz, rief ihn, wie ein Schaf ein Lamm ruft, und wartete, bis sie Kotick blocken hörte. Dann nahm sie die geradeste der geraden Richtungen auf den Punkt zu, von dem her seine Stimme kam. Kleine Robben können ebensowenig schwimmen wie kleine Kinder, aber sie sind unglücklich, bis sie es lernen. Als Kotick sich zum erstenniale in die See hinauswagte, packte ihn eine Woge und trug ihn in die Tiefe hinaus. Er wäre unfehlbar ertrunken, wenn ihn nicht eine zweite Woge zurückgetragen hätte. Nach diesem Vorfall lernte es Kotick, in einer Untiefe zu liegen und sich von den Wogen emporheben zu lassen, während er plätscherte; aber er passte immer auf, damit er nicht von den grossen Wogen fortgetragen würde. Ende October begannen die Robben St, Paul zu verlassen, und es wurde nicht mehr gekämpft, und die Hollusschickie spielten, wo sie wollten. „Nächstes Jahr-, sagte Matkah zu Kotick, „wirst Du ein Hollusschickie sein, aber heuer rnusst Du noch Fische fangen lernen." Keine Wiege ist so bequem wie der einwiegende Wellenschlag des stillen Oceans. Wenn es Kotick über und über kitzelte, sagte ihm Matkah, dass er „das Wasser fühle", und das pricklige, kitzlige Gefühl bedeutet, dass schlechtes Wetter kommt. .Bald", sagte sie, „wirst. Du wissen, wohin Du zu schwimmen hast. Aber jetzt wollen wir Seeschwein folgen, denn er ist sehr weise." Ein Trupp Meerschweine schwamm vor ihnen her. und klein Kotick folgte ihnen, so schnell er konnte. .Woher wisst Ihr, wohin Ihr zu schwimmen habt?" keuchte er. Der Führer rollte sein weisses Auge, tauchte unter und sprach : „Mein Schwanz prickelt, Söhnchen! Das bedeutet, dass hinter uns ein Sturm kommt. Nur schnell! Wenn malt sich aber südlich vom klebrigen Wasser befindet (er meinte den Aequator) und der Schwanz prickelt, so hat man den Sturm vor sich zu erwarten, und man muss nach Norden. Vorwärts! Die See gefällt mir hier gar nicht." Das war eines der vielen Dinge, die Kotick lernte, und er lernte immer. Nach sechs Monaten wusste Kotick alles Wissenswerte über den Seetischfang und während dieser ganzen Zeit war er noch nicht auf dem Trockenen gewesen. Aber eines Tages, als er in der Nähe von Juan Fernamtes halb schlafend im warmen Wasser lag, l'üh'te