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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Ein Tempelstreit
Date
1900-03-01
Page
4 (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 „Die x> Welt" den Entwicklungsgang der menschlichen Gesittung eingewirkt" hat. Diese Ausdrucksweise verwechselt. Causalität und Finalität. Sie unterstellt, dass einem Volke* bestimmte Aufgaben von vornherein zugewiesen sind und dass es im Hinblick auf die Lösung dieser Aufgaben lebt und wirkt. Die Wahrheit ist, dass es bestimmte culturgeschichtliche Erscheinungen schafft, indem es lebt und wirkt, wie es kraft seiner natürlichen Anlage und des Einflusses aller äusseren Verhältnisse kann und liiuss. Ein Volk hat keine andere Mission, als zu leben und alle seine in ihm keimenden Fähigkeiten voll zu entwickeln. Ohne Absicht und ßewusstsein erfüllt es dann ganz von selbst menschheitliche Geschichtsaufgaben. Ein gedrücktes, verfolgtes, verachtetes Judenthum inmitten antisemitischer Völker ist ohne Wert, für die Menschheit: ein freies, starkes, lebensfreudiges Judenthum wird zu einem nützlichen Mitarbeiter an dem Werke des Fortschrittes der Gesammtmenschheit. Die Mitarbeit an diesem Werke mag man meinetwegen eine Mission nennen. Jedenfalls wird diese Mission vom antisemitisch gehetzten Judenthum sieher nicht, dagegen von einem national selbständigen Judentlium vielleicht, ja wahrscheinlich erfüllt werden können. Wie viele schwachmüthige und ängstliche Juden, so fürchtet auch Herr Dr. Güdemann sichtlich, der Zionismus, der zur Voraussetzung hat, dass die Juden sich als besonderes Volk bekennen, werde den Antisemiten gestatten, uns triumphierend der Vaterlandslosigkeit zu beschuldigen. Schwachmuth und Angst sind schlechte Berather. Die Antisemiten haben nicht auf den Zionismus gewartet, um uns als vaterlandslos zu brandmarken. Die christlichen Volksgenossen aber, bei denen wir Gerechtigkeitsgefühl voraussetzen duften, werden uns glauben, wenn wir so zu ihnen sprechen: »Wir Juden sind treue Bürger des Staates, jiem wir angehören. Alle Interessen des Vaterlandes 'sind auch die unseligen. Wir haben kein einziges Interesse, das irgend einem Interesse unseres Vaterlandes entgegengesetzt ist. Wir sind stark und tief fühlende Menschen und hängen darum mit mehr als durchschnittlicher Liebe an der Stätte, wo unsere Wiege stand und wo die Leichen unserer Väter modern: denn diese Stätte bedeutet auch für uns, wie für jeden Menschen, die Erinnerung an unsere Kinderzeit, sie ist auch für uns mit unseren theuersten Emotionen verknüpft, und diese Erinnerung ist bei uns lebhafter, alle Emotionen sind bei uns heftiger, als bei Menschen von minder sentimentaler und leidenschaftlicher Gemüthsart. So innig schliessen wir uns an die Heimat an, dass wir unsere Seele von ihr auch dann nicht losreissen können, wenn wir sie ohne unsere Schuld verloren haben. Diejenigen unter uns, die spanischer Abkunft sind, denken noch heute mit Zärtlichkeit an Spanien, obschon die schauerlichsten Misshandlungen und Greuel zwischen uns und der Erinnerung an das ehemalige Vaterland stehen. Ebenso bewahrten die französischen Juden nach ihrer Verlreibung durch Philipp den Schönen, die englischen nach der durch Richard Löwenherz, dem verlorenen Vaterlande eine Liebe und Treue, die keine Grausamkeit aus ihrem Herzen reissen konnte. Die Anhänglichkeil an unser Land übertragen wir auf unsere christlichen Volksgenossen. Dass wir die Antisemiten nicht lieben, ist natürlich. Wir geben dies offen zu. Aber das macht uns so wenig vaterlandslos, wie es etwa die ostelbischen Feudalen vaterlandslos macht, dass sie bestimmte Gruppen ihrer Landsleute, z. B. Socialisten oder Freihändler, nicht lieben. Wir erfüllen alle unsere gesetzlichen Pflichten, wie unsere christlichen Mitbürger. Das ist nicht einmal ein besonderes Verdienst, denn wenn wir es nicht (bäten, so müsste die Staatsgewalt, uns dazu zwingen. Man messe uns, mit welchem Massslabe man will, man wird nicht linden, dass wir schlechtere Söhne des Vaterlandes sind, als alle anderen Volksglieder. Dafür fordern wir dieselbe Behandlung wie diese. Verweigert man sie uns, drückt man uns im Vatei lande, das wir treu lieben und dem wir ehrlich dienen, zu Bürgern zweiter Glasse oder gar zu rechtlosen Heloten hinab, so wird man uns billig nicht vaterlandsloser Gesinnung zeihen dürfen, wenn wir ein Land suchen, wo wir Liebe um Liebe und Treue um Treue finden. Die Hugenotten waren mit die besten Söhne ihres französischen Vaterlandes. Sie schüttelten dennoch dessen Staub von den Füssen, als es sie mit Dragonaden bedrohte. Wir sind keine schlechteren Patrioten, als es die Hugenotten waren. Besser brauchen wir nicht zu sein. Unser Herzensverhällnis zum Vaterlande ist so echt, dass seine Lösung der bitter schmerzlichste und tödtlich schwierigste Theil der Arbeit zur Verwirklichung des zionistischen Gedankens sein wird. Aber wenn unsere Liebe zur Heimal auch tief und stark ist, so bleibt sie doch die Liebe von Männern, die das Gefühl ihrer Würde haben und sich schämen würden, den Bitter Toggenburg zum Vorbilde zu nehmen/ So sprechen wir mit der Offenheit, die Männern ansteht. Die Antisemiten wird unsere Darlegung natürlich nicht verhindern, uns auch weiter wie bisher vaterlandslos zu nennen. Allein diese Gesellschaft zu überzeugen, kann weder unsere Absicht noch unsere Hoffnung sinn. Die wohlwollenden oder selbst nur gleichgiltigen Christen dagegen werden unser Gefühl verstehen und billigen und uns darum höher achten, dass wir uns dazu bekennen. Jedenfalls wird ein Patriotismus, den der einzige Vorbehalt der Gegenliebe einschränkt, ihnen unvergleichlich sympathischer sein als der Kosmopoliüsmus, den Herr Güdemann mit einer unheimlichen Blindheit als die ,.Mission des Judenthums" hinstellt. Die Leisetreter, die jämmerliche Menschenfarcht bis ins Knochenmark durciifröstelt, blinzeln uns flehentlich zu, doch um des Himmels willen nicht zu sagen, dass wir ein Volk sind, damit unsere Feinde sich nicht auf uns selbst berufen können, wenn sie uns der Vaterlandslosigkeit zeihen und uns als Fremde in unserem Geburtslande behandeln, wenn sie in der Broschüre des Herrn Dr. Güdemann (S. 3:i) lesen werden, dass Vaterlandslosigkeit „der Kerngedanke oder Gedankenkern der jüdischen Religion" und deren Ziel ein Reich ist, „in welchem es keine Nationalitäten mehr, sondern nur noch Menschen gibt*! Dass der Verwirklichung des Zionismus ungeheure Schwierigkeiten entgegenstehen, wissen wir alle; dass diese Schwierigkeiten sich als unüberwindlich erweisen werden, ist möglich, obschon wir es erst glauben werden, wenn uns die Thalsachen dazu zwingen. An der Erörterung über die Mittel und Wege zur Verwirklichung des Gedankens theilzunehinen, ist das Recht eines jeden Juden, da die Sache einen jeden Juden angehen kann, wenn er selbst es will, und es ist vielleicht die Pflicht der Juden in leitender Stellung, von denen die Stammgenossen die Richtung zu nehmen gewohnt sind. Dagegen glaube ich wirklich nicht, dass ein Jude, er sei Grossrabbiner einer Hauptgemeinde oder Hausierer im kleinsten Dorfe, berufen ist, mit verworrenen, doch heiligen Redensarten eine Bewegung grundsätzlich zu bekämpfen, die keinen Juden berührt, der ihr nicht aus eigenem Drange in freier Entschliessung folgen will, und deren allernächstes Ziel, die Ansiedlung

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