Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Ein Tempelstreit
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 3 (sequence 3)
- Language
- German
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„Die # Welt" Seite S gründlieh zu behandeln, müsste man die stanze Anthropologie und Philosophie der Geschichte erschöpfen und die imahsehbaren Fragen des Ursprunges und Wesens der Hassen, der Kennzeichen und Grundlagen der Nalionnlität aufrollen. Darauf verzichte ich hier, weil ich auf kurzem Wege zum Ziele kommen kann. Herr Dr. Güdeniann versichert, dass die .luden kein Volk sind. Nun denn : er begebe sich in eine Berliner Antisemiten-Versammlung, er trete in Wien auf die Strasse hinaus, wenn die weissen Nelken von ihr Besitz ergriffen haben; dann wird er ja sehen, ob die Antisemiten auch nur einen Augenblick lang zögern werden, in ihm den Vertreter eines sehr bestimmten, von den ihrigen verschiedenen Yolksslammes zu erkennen und ihn dieser Erkenntnis entsprechend zu behandeln. Doch, ich will Herrn Dr. Güdeniann bis zum Aeussersten entgegenkommen : ich will sogar auf seine Annahme eingehen, dass die .luden aufgehört haben, ein Volk zu sein. Denn, das sie es nie gewesen sind, wagt auch er nicht zu behaupten. Die Juden sind also kein Volk mehr; setzen wir dies sogar dem Zustande gleich, wie wenn sie nie ein Volk gewesen wären, obschon diese Gleichstellung von Nichtmehrsein und Niegcwesensein falsch wäre, da eine noch so weit, zurückliegende, gemeinsame geschichtliche Erinnerung ein sehr starkes Gemüthsband zwischen Menschen ist und die Erneuerung ihrer Beziehungen zueinander sehr erleichtert. Auch dann wäre nicht das Geringste dagegen bewiesen, dass die Juden ein Volk sein, sagen wir: ein Volk werden können. Es sei zugegeben, dass die Juden heute kein Volk, sondern ausgezeichnete, echte Deutsche, Engländer, Russen u. s. w. und in nichts von allen anderen Deutsehen, Engländern, Hussen u. s. w. unterschieden sind. Echtere Engländer sind aber doch wohl auch nach Herrn Dr. Güdemanns Annahme die englischen Juden nicht, als es die englischen J'ilgervätcr* waren, die auf der „Mayllowcr* nach Amerika segelten, um dem Gewissensdruck zu entgehen, den sie in der englischen Heimat erlitten. Diese unanzweifelbaren Engländer haben ein neues Volk aus sich heraus entwickelt', das sich zu den Engländern viel gegensätzlicher fühlt, als ich wünschen möchte, dass das palästinische Judenvolk sich jemals zu irgend einein europäischen Christenvolke fühle. So haben echte Spanier in Argentinien, Mexico. Chile u. s. w. neue Völker mit stark ausgesprochenem unspanischem, ja spanierfeindlieheut Volksbewusstsein, so echte Portugiesen das den Portugiesen sehr wenig holde brasilianische Volkslhum gebildet. Das macht: Völker entstehen nicht allein aus unbekannten, in der Urzeit wirksam gewesenen biologischen, sondern auch aus geschichtlichen Gründen, die manchmal auf frischer That ertappt werden können. Wenn eine ungeheure Yolksinindcrheit erklärt: .Ihr gehört nicht zu uns, Ihr seid Fremde unter uns," so bleibt dieser Minderheit nichts übrig, als sich auf diese Kündigung der Gemeinschaft einzurichten; und wenn die ausgestossene Minderheit diese Aeehlung im Geniülhe unleidlich schmerzhaft emplindet. so rechtfertigt ihr Selbsterhaltungstrieb das Bestreben, sich schmerzfreiere Daseinsbedingungen zu schaden. Also: selbst, wenn es wahr wäre, dass die Juden heute kein Volk sind, so würde der Antisemitismus ein ausreichender Grund für sie sein, ein Volk zu werden. Die Wiederbelebung des jüdischen Volksthunis „widerspricht dem Geiste der jüdischen Heligion, fälscht diese, ist (Quacksalberei", .Leber der Absicht, dein Judenthum zu helfen, kann das Judenthum zugrunde gelten''. Herr Dr. Güdeniann weist also den Zionismus zurück, damit das Judenlhum nicht zu Schaden komme. Als das Mittel, es zu erhalten, empfiehlt er die Assimilation. Er deckt diese Empfelilung mit einigen Namen von Autoritäten; neben Philo und Maimonides, die sehr gute Juden waren, und deren Wesen, Leben, Schriften gegen die Verwendung ihres Namens zur Stützung der These des Herrn Dr. Güdeniann den schärfsten Einspruch erheben, nennl er auch Mendelssohn. Mit dieser Anführung hat er Glück! Mendelssohn war ein so erfolgreicher Assinülator, dass alle seine Nachkommen beide gute Christen und Slülzen der evangelischen Landeskirche in Preussen sind. Daist wenigstens folgerichtig. Will Herr Dr. Güdeniann diese Assimilierung? Dann hat er den geeigneten Standpunkt gewählt. Er steht auf diesem Standpunkte nicht allein. Der Pole Frank hat ihn im vorigen Jahrhundert eingenommen. Seine Anhänger sind in erfrischender Logik bis zum Schlüsse gegangen. Die Frankislen haben sich thalsächlich assimiliert, von ihren Nachkommen haben die meisten heute, nach vier bis fünf Geschlechtern ihren jüdischen Ursprung vergessen und sind katholische Nationalpolen mit nur manchmal etwas verrütherisch gebogener Nase. Dieses Ergebnis Hesse sich vennutblich auch in Deutschland und den anderen Ländern erreichen. Es ist nur seltsam, dass gerade ein Grossrabbiner es als wünschenswert bezeichnet. Und noch seltsamer, dass er. während er den Weg empfiehlt, der unfehlbar zum Untergange des Judenthums führt und geschichtlich in allen Fällen zu diesem Ziele geführt hat, gleichzeitig vorgibt, für die Erhaltung des Judenthums einzutreten. Ein anderer jener unbegreiflichen Widersprüche im innersten Wesen des Gedankens, die es so schwer machen, die Streitschrift des Herrn Dr. Güdeniann als die ernste Arbeit eines ernsten Mannes anzusehen, ist der, rdass Herr Dr. Güdeniann zuerst leugnet, dass die Juden ein Volk seien, dann aber wohlgemuth von der Mission des jüdischen Volkes spricht. Etwas gar nicht Vorhandenes kann doch wohl keine Mission haben! Doch nehmen wir an, dass Herr Dr. Güdeniann diese Mission nicht, dem jüdischen Volke, sondern dem jüdischen Glauben zuschreibt und dass der jüdische Glaube die von Herrn Dr. Güdeniann empfohlene Assimilation nach Mendelssohn'schem Beispiele überleben würde. Was soll das für eine Mission sein? .Die sittliche Vollendung aller, die Verbrüderung der ganzen Menschheit." Wie kann Herr Dr. Güdeniann diese Verbrüderung uns zeigen? Wir hallen es an Bruderliebe für alle Nebennienschen niemals fehlen lassen. Er predige sie doch den Antisemiten I „Que messieurs les atiüseinites coiumcuccnl!" Wir wollen abwarten, welche Aufnahme man seiner Predigt bereiten wird. Eine kleine Minderheil, die gerade darunter leidet, dass eine grosse .Mehrheil sie nicht als Brüder anerkennen will, kann doch unmöglich dieser Mehrheit zurufen : ,Seien wir Freunde, China!'1 Diese Bewegung ist edel und grossherzig, wenn der Stärkere sie vollzieht. Spricht der Schwache, der Verfolgte dem Feinde von Verbrüderung, so hat diese Haltung einen anderen Namen. Eine solche Mission ist zugleich unwürdig und undurchführbar, und zu vor-1 langen, dass die Juden um ihretwillen darauf verzichten sollen, das Land ihrer Väter wiederzugewinnen, heisst geradezu sie verhöhnen. Aber was soll überhaupt dieses Gerede von einer Mission des jüdischen Volkes? Die nebelige Phrase von der Mission der Völker ist die mystische Form, in der die durch nachträgliche Betrachtung der Geschichte gewonnene Erkenntnis oder Ahnung ausgedrückt wird, dass ein gegebenes Volk in einer gegebenen Weise auf