Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 4 (1900)
- Issue
- 1 (3.1900)
- Article
- Ein Tempelstreit
- Date
- 1900-03-01
- Page
- 5 (sequence 5)
- Language
- German
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Die Welt" Seite 5 armer Juden in Palästina, doch der Angreifer .selbst als wünschenswert und löblich bezeichnet. Der Zionismus wird mit der Sicherheit und Kraft, eines mechanisch wirkenden Naturgesetzes eine Gruppierung der Juden in Classen herbeiführen. Wer des Druckes überdrüssig ist und unüberwindliche Sehnsucht nach dem staatsbürgerlichen Dasein eines Vollfreien, ohne feige Flucht aus dem Judenthum, empfindet, der wird sich ohne Vorbehalt für den Judenstaat erklären und an seinem Aufbau persönlich mitarbeiten; wer es ertragen kann, in seinem Vaterlande von den staatlichen Gewallen als Bürger zweiter Ciasse, von vielen Volksgenossen als Fremder, von einigen als Ungeziefer behandelt zu werden, wer das Leben in dieser Lage immer noch als lebenswert empfindet, jedoch sich das Zusammengehörigkeitsgefühl mit seinen jüdischen Staminesgenossen bewahrt hat, der wird zwar selbst an der Stelle bleiben, an der er steht, aber er wird von seiner Stelle aus den Pionnieren, die mit ihrer ganzen Persönlichkeit für den zionistischen Gedanken eintreten, zu helfen suchen, wenn auch vielleicht zaghaft, heimlich, unter Vermeidung jedes lauten Wortes; wer auch nicht mehr so viel jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl hat, dass der Gedanke einer staatlichen Einigung des Judenvolkes in ihm eine Hegung des Beifalls, der Antheilnahme oder selbst nur der blossen Neugierde erweckt, jedoch das Durehschnittsmass von menschlicher Nächstenliebe, Mitleid und Mildthätigkeit besitzt, der wird den Zionismus wenigstens nach seiner Nebenwirkung als Siedelungsunternehmen würdigen, welches den Aermsten und Edelsten unter den Juden, jenen, die schlechterdings nichts zu verlieren und durch jeden Wechsel ihrer Verhältnisse immer nur zu gewinnen haben, neue Heimstätten bereiten will, und er wird den Zionismus unterstützen, nicht weil dieser einen Judenstaat zu gründen, sondern weil er an armen, elenden Menschen durchgreifende Wohlthätigeit zu üben sucht; wer nicht nur jedes jüdischen Gefühls, sondern selbst der durchschnittlichen Menschenliebe entbehrt, wer weder als Jude an einer Erlösung der Juden von staatlicher und gesellschaftlicher Aechtung, noch als Mensch an der Befreiung von Nebenmenschen aus bitterster Noth Antheil nimmt, den geht die ganze Sache nichts an, der Zionismus ist für ihn nicht vorhanden, er wird ihn sicherlich nicht unterstützen, aber seine Kaltherzigkeit, seine Gleichgiltigkeit wird ihn nur davor bewahren, ihn anzugreifen; feindlich wird dem Zionismus nur eine Kategorie von Juden entgegentreten: die der Selbstlinge, die für sich irgend eine entfernte üble Folge der zionistischen Bewegung fürchten, die sich als Verachtele und Beschimpfte wohlfühlen und den Unzufriedenen. Ungeduldigen nicht verzeihen, dass sie eine Anstrengung wagen wollen, ohne auf das ruhige Behagen der Satten und Vergnügten Rücksicht zu nehmen, kurz die Insassen des Bootes, die mit der Axt nach der Hand (leiden Bootsrand erfassenden Schiftbrüchigen hauen, weil sie besorgen, das Fahrzeug könne durch Ueberfüllung für sie selbst unsicher werden. Ich betrachte es nicht als meine Aufgabe, Herrn Oberrabbiner Dr. M. Güdemann in eine dieser Classen einzuordnen. P a r i s. Ende Mai. Russische Juden. Von Dr. Theodor Herzt Es gibt auch einen gewissen westeuropäischen Hochmulh, welcher die Juden anderer Länder als recht zurückgebliebene Geschöpfe behandelt. Immer ist der ein Barbar, der nicht verstanden wird. „Barbaras nie ego sum. quia non intelligor illis." Und so stellt man sich wohl unter dem osteuropäischen Juden eine Art Caliban vor. Welcher Irrthum. Für mich, ieh gestehe es, war das Auftreten der Juden aus Russland das grösste Ereignis des Congresses. Ich war schon seil einiger Zeit in fesselnder CoiTespondenz mit mehreren, hatte auch verschiedene Besuche erhalten, die mich interessierten. Aber ich hütete mich davor, mir nach diesen Culturmenschen ein Bild von der Masse zu machen. Nur die Berichte über die körperliche Tüchtigkeit und Arbeitslust der unteren jüdischen Schichten in Russland nahm ich als wahr an und mus,-te sie als wahr annehmen, da sie genügend beglaubigt erschienen und von jedem Augenzeugen bestätigt wurden, der die ärmsten russischen Juden beim Handwerke oder bei der Landarbeit in den „Coloniengenannten philanthropischen Versuchsstationen gesehen hatte. Die Tüchtigkeit dieser Handwerker und Unskilled labourers ist ja eine der Grundlagen unseres Planes. Jenen fällt doch die Aufgabe zu, die erste Culturarbcit im öden Lande zu besorgen. Sie sollen, sie werden die Urbarmacher sein. Aber wir hatten uns nie etwas anderes vorgestellt, als dass sie auf unsere geistige Hilfe und Führung angewiesen seien. Und da tauchte vor uns auf dem Baseler Congresse ein russisches Judenthum auf, d^s wir in solcher Culturstärke nicht, erwartet hatten. Das ist nicht. Caliban, sondern Prospero. An die siebzig Mann aus Russland waren auf dem Congresse erschienen, und wir durften mit aller Bestimmtheit sagen, dass sie die Meinungen und Gefühle der fünf Millionen Juden in Russland repräsentieren. Und welche Beschämung für uns, die wir geglaubt hatten, ihnen überlegen zu sein. Alle diese Professoren, Aerzte, Advocaten, Ingenieure, Fabrikanten und Kaufleute haben ein Bildungsniveau, das gewiss nicht unter dem der Westeuropäer ist. Sie sprechen und schreiben im Durchschnitte zwei oder drei moderne Cultursprachen, und dass jeder in seinem Fache tüchtig sein muss, lässt sich aus der Härte des Daseinskampfes vermuthen, den sie in ihrem Lande zu bestehen haben. Sie sind in der Oeffentlichkeit der Congressverhandlungen mit Absicht nicht sehr hervorgetreten, weil man ja damit rechnen muss, dass die Zwecke und Ziele des Zionismus in der" Welt noch nicht genügend bekannt sind. Der Irrthum konnte bestehen oder von Böswilligen hervorgerufen werden, dass in Basel irgend etwas gegen die geltende Ordnung der Dinge berathen werde. Die Russen halten sich daher aus begreiflichen Gründen eine gewisse Reserve aufzuerlegen, bis das Terrain in dieser Richtung geebnet wäre, und jeder einzelne Redner, aus welchem Lande er auch immer gekommen war, nahm auf diese Situation Rücksicht. Heute darf wohl schon angenommen werden, dass Regierung und öffentliche Meinung auch in Bussland über den Zionismus vollständig aufgeklärt sind. Die russischen Blätter haben den Congress mit Aufmerksamkeit, behandelt. Aber wenn unsere russischen Zionisten au den öffentlichen Debatten auch nur bescheiden theilnahmen, so lernten wir sie doch in den Privatgesprächen kennen und schätzen. Fasse ich diesen Eindruck, der sehr stark war, jn ein Wort zusammen, so ist es: sie besitzen die innere Einheit, die den meisten europäischen Juden abhanden gekommen ist. Sie fühlen sich als National-