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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 2

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Ein Tempelstreit
Date
1900-03-01
Page
2 (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 „Die ify Welt" Herr Dr. Güdemann bemerkt mit Unmulh, dass in der letzten Zeit der Gedanke, sie seien ein besonderer Volksstamm, unter den Juden zahlreiche Anhänger gefunden hat, die ihn folgerichtig zu der Forderung weiter entwickelt haben, der besondere Volksstamm müsse auch sein eigenes Land und eine nationale Gliederung erlangen, in der er sich staatlich ausleben könne. „Die Geburtshelferin dieser Bewegung war die Entrüstung . . . Zur Entrüstung gesellte sich dann, wie dies natürlich ist, der Trotz." Aber diese Bewegung widerspricht dem Wesen des Judenthums. Mit einem grossen Aufwand von Anführungen aus den canonischen und auslegenden Schriften sucht Herr Güdeinann zu beweisen, dass die Juden kein Volk sind, ja kein Volk bilden dürfen. Der Geist ihres Glaubens, der Gang ihrer Geschichte seil der Zerstörung des zweiten Tempels verbietet ihnen geradezu, sich als Volk zu fühlen, sich zu einem geeinten Volke zusaunnenzuschliessen. Ihre Mission ist gerade die Ucberwindung des nationalen Gedankens, die Hinausführung der Menschheit aus der Enge des selbständigen Nationalismus in die Weite und Freiheit des Mensehenthums. Die Verbrüderung, nicht die Sonderung der Völker ist die Aufgabe des Judenthums. Das Zion, das den Juden verheissen ist und nach dem ihre Selmsucht seit, zwei Jahrtausenden seufzt, ist sinnbildlich zu verstehen. Es ist ein geistiges Zion. Es ist ein anderes Wort für das Gollesreich auf Erden. Wenn man das Judenthum zu einem Volke sammelt, es zu einem eigenen Staatswesen gliedert, so verhindert man es an der Vollbringung seiner Mission und sündigt an den Satzungen seines Glaubens. Ich hoffe, Herr Dr. Güdeinann wird linden, dass ich die führenden Linien seiner Broschüre ehrlich» wiedergegeben habe und mit gutem Gewissen die vorstehende Zusammensetzung ihres wesentlichen Inhaltes, zur Grundlage der Erörterung nehmen kann. Der Herr Oberrabbiner in Wien möchte den Kampf gegen den Zionismus auf theologischem Gelände führen. Es wäre kindlich, wenn wir einwilligten, ihm dorthin zu folgen. Der Zionismus hat nicht das Geringste mit der Theologie zu Ihun. Er ist keine religiöse Bewegung, sondern eine politische, wirtschaftliche, sittengeschichtlicho und sociologische. Herr Dr. Güdemann macht sich kleinlicher Wortspielerei schuldig, wenn eitlen äusserlichen Umstand, dass der Name der Bewegung biblische Erinnerungen wachruft, dazu benützl. — oder missbraucht — um wegen der Bezeichnung „Zion" mit Thora und Mischna einzuhaken. Wenn die Juden vom Wunsche entflammt sind, ein neues Zionsreich aufzurichten, so schöpfen sie die Anregung dazu weder aus der Thora noch aus der Mischna, sondern aus «1er Noth der Zeit, aus ihren unmittelbaren, lebendigen Gefühlen, aus ihrem Entschlüsse, die ihnen inmitten der Völker bereitete Lage nicht zu ertragen. Der Name „Zion" hat sich nicht aus religiösen, sondern aus geschichtlichen Gründen aufgedrängt. Er erzeugt, das zionistische Verlangen nicht, er rechtfertigt es nicht, er weist ihm nur eine bestimmte Richtung, er fügt ihm durch die Erinnerung, die er erweckt, eine mächtig dynainogene Emotion hinzu. Diese ist immer noch eine sehr grosse Rolle; eine religiöse Rolle ist es nicht. Ich kann ruhig annehmen — zuzugeben brauche ich vorläufig nicht — dass Herrn Dr. Güdemanns theologische Auslührungen richtig sind. Gesetzt, der Zionismus lasse sich aus Bibel und Talmud nicht begründen; das würde au der Bewegung nicht das Geringste ändern, denn es ist für sie vollkommen unerheblich. Der Antisemitismus erschwert das nackte, körperliche Dasein der unbemittelten Juden, bedroht es mancherorfen sogar mit Vernichtung; er kränkt, die gutgestellten Juden in ihren Gefühlen und lässt sie ihres Lebens nicht froh werden; er nimmt den besten, vorbildlichsten Juden die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten bis zu deren natürlichen Grenzen zu entfalten, da allseifig freie Bethätigung und das Streben nach den höchsten Zielen organische Bedingungen der vollen Entwicklung aller Kräfte sind. Aus diesem unleidlichen Zustande sireben die Juden mit leidenschaftlichem Drange heraus. Die energischen unter ihnen sehen das einzige Heil in der Gründung eines Judenstaates; die sentimentalen, die frommen, die diplomatischklugen wollen, dass der geographische Rahmen dieses Judenstaales Palästina sei; aber das wesentliche Postulat ist Palästina nicht; sollte die Erwerbung Palästinas für die Juden sich als durchaus unmöglich erweisen, sollte es viel leichter sein, ein anderes Land von genügender Ausdehnung und geeigneter Beschaffenheil des Bodens und Klimas zu linden, so würden wohl die meisten, vielleicht alle Zionistenohne Zögern bereit, sein, dieses andere Land zu besiedeln. Von Argentinien stellt nichts in der Thora und Midrasch. Trotzdem waren Hunderttausende von streng gesetzestreuen, fanatisch an der Ueberlieferung festhaltenden russischen und rumänischen Juden gierig, nach Argentinien zu wandern, als vor ihren Augen der erste schwache IIoH'nungsschimmcr aufdämmerte, dass ihrErdenlos in Argentinien freundlicher sein würde als in dem Lande ihrer Geburt. Was bedeutet, also Herrn Dr. Güdemanns Argument, dass Thora und Midrasch die Rückkehr nach Zion weder vorschreiben noch rechtfertigen? Was die liefen Massen des Judenthums in Bewegung setzt, das ist die vis a tergo, das ich grimmig mit „Fusstritt ansllückeneiide" übersetze, das ist die Verfolgung im Lande ihrer Geburl; der Zionsgedanke wirktalsVorspann, als Zugkraft von vorne; er färbt das Ziel mit dem schönen Blau des Ideals; er nimmt dem Unbekannten, das vor jedem grossartigen politisch-ethnographischen Experimente dunkelt, einen Theil seiner Schrecken, indem er es mit Verheissungsbildern belebt; er hilft den gläubigen Juden über das Bangen vor einer unsicheren Zukunft hinweg. Aber auch ohne dieses Element von Ideal, das der Zionsgedanko der jüdisch-nationalistischen Bewegung hinzufügt, würde die blosse vis a tergo genügen, um diese hervorzurufen. Schriftgelchrle, die viel freie Zeit haben, ifiögen sich in den behaglichen Verdauungsstunden der Sonnabend- Nachmittage damit begnügen, einander kluggewählte Bibel- und Talmudstellen für und gegen den Zionismus entgegenzuhalten. Liebhaber linden solchen Pilpul kurzweilig. Irgend einen sachlichen Wert kann ich ihm nicht beimessen. Aber Herr Dr. Güdemann bekämpft nicht nur den Gedanken der Aufrichtung eines Zionsreiches, er leugnet auch, dass die Juden ein Volk sind. Nur aus ,Entrüstung und Trotz" fühlen sie sich jeizt als besonderes Volk ihren antisemitischen Verfolgern gegenüber. Und wenn das wäre '? Eine Erscheinung wird doch dadurch nicht aus der Wirklichkeit gestrichen, dass man ihre Ursachen aufdeckt! Die Feststellung ihrer Ursachen ist im Gegentbeil eineAnerkennung der Erscheinung. Entrüstung und Trotz sind gute Gefühle. Ich beklage den Waschlappen, der ihrer nicht fähig ist. Sie sind eine gesunde Heaelion gegen Herausforderung und Bosheit. Die Lebenskraft eines Organismus misst sich nach der Stärke seiner Beaclionen gegen feindliche Reize. Trotz und Entrüstung wurzeln in Selbstachtung, in Ehrgefühl, in Krallbewusslsein. Das sind drei ausreichende Ouellen nationaler Empfindung. Die Juden sollen kein Volk sein V Um diesen Punkt

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