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Die Welt · 1900-03-01 · 1 (3.1900) · p. 1

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Journal
Die Welt
Volume
4 (1900)
Issue
1 (3.1900)
Article
Ein Tempelstreit
Date
1900-03-01
Page
1 (sequence 1)
Language
German
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Von Max Nordau. Der Oberrabbiner in Wien. Herr Dr. AI. Güdemann, luit sich gedrängt gelühlt, 111 einer Broschüre, „ Natioualjudenthuiu" betitelt, der Bewegung entgegenzutreten, die liefe Schichten der Judenheit ergriffen hat, der sich entwickeltere Geister unter den Jjjdeii in täglich wachsender Zahl juischliessen, deren Ziel die Gewinnung eines lebensichernden Wurzelbodens für den Volksorganisinus ist, der bis jetzt einer Jericliorose gleich mit ewigem Wechsel von kurzen Augenblicken der Entfaltung und langen Zeiträumen des Welkens und Sehrumpfens umgetrieben wurde. Ich habe diese Broschüre mit einer Art Beschämung gelesen. Mein jüdisches Zusammengehörigkeitsgefühl leidet .positiv unter der geistigen Minderwertigkeil -dieser Arbeit, von der ihr Verfasser sich doch mit dem geringsten Alasse von vordenkender Klugheit sagen konnte, dass sie ernste Prüfung und schonungslose Zurückweisung herausfordere, die er also doch wenigstens einigermassen zum unausbleiblichen Kampfe um ihr Dasein hätte watfnen müssen. Die Widersprüche sind in der Broschüre so häufig und erstaunlich, sie stehen räumlich so nahe beieinander, dass icii mich frage: hat Herr Dr. Güdemann, als er sie schrieb, jeden Augenblick den Faden seiner Beweisführung verloren? Oder hat er unter dem Einilusse jäh schwankender entgegengesetzter Stimmungen gearbeitet r Oder hat er darauf gerechnet, dass niemand die 43 Seiten mit Aufmerksamkeit im Zusammenhange lesen werde? Seite ±\ hat er dargefhan, „dass die moderne Betonung des Nationalen dem Geiste der Thora, der Propheten und i'sahnen .... durchaus widerstrebt-, während er Seite 11 feststellt, den Juden in Babylon sei „bedeutet worden, sich in allen Stücken, bis auf ihren Glauben, als Babylonier zu betrachten, und au diese Weisung haben sich die Juden in der Diaspora immer gehalten. Die in Spanien nannten sich Spanier, die in Frankreich Franzosen, die in Deutschland Deutsche." Herr Dr. Güdemann gibt also den Juden recht, wenn sie ein Nationales betonen, und er versichert zugleich, dass die Betonung des Nationalen dem Geiste der Schrift widerspricht, Ks ist für den Juden löblich, ein nationaler Babylonier, Spanier, Franzose, Deutscher zu sein, die einzige Nationalität, zu der er sich nicht bekennen darf, ohne den Geist der Thora, Propheten und Psalmen zu Verstössen, ist die jüdische. Seite 41 führt er wider das Bestreben, die Juden durch Erkämpfung ihrer nationalen Selbständigkeit der Verfolgung zu entziehen, das fabelhafte Argument ias Feld: „das wäre als ein Eingriff in die Führung Gottes erschienen, in dessen weisem Plane auch die Diaspora ihre vorbestimmte Stelle einnimmt," und schon E#ite 41 bemerkt er: Jedermann muss wissen, was seine Pflicht und sein Recht ist. Wird ihm das letztere verwehrt, so muss er es erkämpfen, erstreiten. Das gilt auch für die Juden." Welche seiner beiden Empfehlungen wünscht Herr Dr. Güdemann nun befolgt zu selten? Soll mau „das verwehrte Recht erkämpfen, erstreiten1', oder ist dieser „Kampf" und „Streit." „ein Eingriff in die Führung Gottes", „in dessen weisem Plan" auch die Rechtsverweigerung „ihre vorbestimmte Stelle einnimmt"? Seite 39 macht er dieses gütige Geständnis: „Wenn man denjenigen Juden, welchen in ihrer bisherigen Heimat der Kampf ums Dasein allzusehr erschwert wird, Gelegenheit bietet, sich anderwärts anzusiedeln, so ist dies in hohem Grade löblich und verdienstlich." Aber schon Seite M Unit ihm diese Nachgiebigkeit leid, und er ruft : „Die armen Juden, denen die nationale Bewegung zuhilfe kommen will, sind gerade die stärksten und dauerhaftesten, die dieser Hilfe, selbst wenn sie eine wäre, am allerwenigsten bedürfen.- Also die national-jüdische Bewegung, die den armen Juden Gelegenheit bieten will, sich anderwärts anzusiedeln, ist „in hohem Grade löblich uud verdienstlich", aber die Armen bedürfen dieser Hilfe, das heisst, der Ansiedlung im Lande ihrer Vorfahren, „am allerwenigsten" (Auf üiesen Widerspruch hat schon Dr. Theodor llerzl hinge wiesen). Doch es widerstrebt mir, mich in Wortklauberei zu verlieren und den wunderlichen Verschlingungen der Gedankengänge des Herrn Dr. Güdemann Schritt für Schritt zu folgen. Der Emst der Sache erfordert, und meinen geistigen Gewohnheiten entspricht es, die Streitschrift des Herrn Dr. Güdemann aus grösserer Höhe und mit weiter umblickenden Augen zu betrachten.

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