Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-12-24 · 52 (24.12.1908) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
52 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316348--51398-3379174
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No.52 ■ , DIE 3^ unterbrochen wurde. Der Jüdische Klub stimmt für die Dringlichkeit des Budgetprovisoriums, jedoch gegen das Budget Nachstehend ein Auszug aus der beifällig aufgenommenen Rede. Abg. Dr. Mahler (jüdischnational) bedauert, daß hinter der nationalen Frage Angelegenheiten .wie die Sozialversicherung, der Boykott der österreichischen Waren im Orient der ständige Rückgang unserer wirtschaftlichen Verhältnisse, der ganze große Industrien zu Arbeitsreduktionen zwingt und zehntausende von Familien in Not stürzt, zurücktreten müssen. Die Frage des deutschen Aktuars beim böhmischen Landesausschusse, die Kappen der Prager Couleurstudenten stellen wir in den ersten Plan und starren sie wie hypno- . feiert an. Redner freut sich darüber, daß dieses Haus durch die furchtbare Belastung, die es am 3. Dezember bestanden hat, seine Existenzberechtigung erwiesen habe; es habe den klaren Willen der Völker Österreichs gezeigt, nur durch sich selbst und durch keinen §_ 14 regiert zu werden. In diesem Sinn hat sich die Partei des Redners entschlossen, für die Dringlichkeit des Budgetprovisoriums einzutreten. Sie beabsicht damit keiner Regierung ein Vertrauensvotum zu geben. Die Partei des Redners bedauere auf das lebhafteste die Prager Vorgänge, sie weise aber mit Abscheu den Gedanken von sich, daß heute im Herzen Europas Galgen und Mannlicher der. Weisheit letzter Schluß sein sollen. (Zustimmung.) Das bisherige Regierungssystem habe systematisch, das Rechtsbewußtsein der Völker zu ertöten versucht. Den Juden gegenüber habe man mit dieser Ertötung des Rechtsbewußtseins begönnen; die große Menge lerne leicht die Gesetze mißachten, verliere aber bald die feine Distinktion zwischen Juden und Nichtjuden. Es sei nicht allzulange her, da hat man den Juden in Österreich gedroht, man werde mit ihnen russisch sprechen.^. Wir fürchten uns vor dieser Drohung allerdings nicht, und wenn man es wirklich versuchen sollte, mit den Juden russisch zu sprechen, dann werden die Juden versuchen, japanisch zu antworten. Für die Gleichberechtigung des jüdischen Volkes sei bezeichnend, daß die oberste Leitung der jüdischen Kultusangelegenheiten im Ministerium einem Nichtjuden anvertraut ist. Es wird den Juden als unerhörte Kühnheit ausgelegt, wenn sie einmal ihr Recht verlangen. Unwillkürlich komme dabei der Name Dr. v. Uriel auf. die Lippen des Redners. Herrlich weit hat es dieser gebracht allerdings nur für für sich, dafür, daß er das militärärztliche Korps judenrein machte und der Abgang in diesem Korps heute über 40 Prozent des Sollstandes beträgt. Abg. E. v. Stransky: Gott erhalte uns den Uriel noch lange! Abg. Dr. Mahler: Er gehört schon Ihnen, Sie sind seiner würdig! Abg. Dr. Mahler bespricht die Vorfälle an der Wiener Universität und das Vorgehen gegen die jüdischen Studenten, wendet sich gegen die Waidhofener Beschlüsse über die Satisfaktionsunfähigkeit der Juden. Was man an der Sache so niedrig und so niederträchtig rindet sei das Verlangen, ein ganzes Volk zu bekämpfen, nur aus dem Grunde, .um die eigene Frechheit damit zu decken, weil man es nicht wagt sich vor die jüdische Klinge zu stellen. Seitdem die Juden den Herren über ihren ungewaschenen Mund gefahren sind, haben sie auf einmal entdeckt daß die Juden ehrlos sind. Ober die armen jüdischen Studenten oder Nichtdeutschen haben die allmächtigen Herren der Universität die Hungerstrafe gesetzt In der Mensa academica, zu der die Juden über 50 Prozent sämtlicher Beiträge leisten, lassen diese Kulturträger niemanden hinein. > Die Herren, die mit gefülltem Bauch vor der Mensa stehen, haben es leicht die Armen davonzujagen. (Zwischenrufe seitens des Abg. v. Stransky.) Schämen Sie sich, Sie haben die deutsche Kultur durch Ihr Vorgehen prostituiert! (Beifall.) Abg. E. v. Stransky: Explodieren Sie nicht! Abg. Straucher: Pfui, daß Sie solche Barbarei noch in Schutz nehmen. Abg. E. v. Stransky: Lösen Sie die Mensa auf und errichten Sie eine jüdische Mensa! Abg. Straucher: Aber das Geld hat man von den Juden genommen! Abg. Dr. Mahler: Wenn es jemals eine jüdische Mensa geben wird, diese Barbarei wird bei uns nicht vorkommen, daß wir einen Hungernden davonjagen werden! (Beifall.) Angesichts der Tatsache, daß diese Herren mit ihren Anschauungen vereinsamt geblieben sind, muß man doch wieder Zutrauen fassen. Noch gibt es auf allen Bänken dieses Hauses Männer, die Barbarei verdammen. Redner schließt mit dem Wunsche, das Parlament möge ein Haus für die Völker Österreichs werden. (Beifall.) Boykott Ministerpräsident Baron Bienerth ist den Boykottdrohungen ■ der Tschechischradikalen, die deutsche Erzeugnisse aus Böhmen und dem tschechischen Konsumentenmarkt verdrängen wollen, mit einem strengen Erlaß entgegengetreten, in dem er jeden nationalen Boykott EELT 15 verurteilt Das wäre ja alles recht schön, wenn die österreichische Regierung immer so empfindlich wäre. Wer kennt nicht in Österreich den Ruf: „Kauft nicht bei Juden!" Wird er nicht unter de« Augen der Regierung in Wien in verschiedenen Tonarten in unzähligen Versammlungen wiederholt in der Presse variiert? Weif sie dann z. B. nicht daß jüdische Angestellte und Arbeiter nicht die geringste Hoffnung haben, bei Nichtjuden Arbeitsgelegenheit zn erlangen, daß dieser Boykott zum Usus, zum Brauch, zu einem sozialen Gesetz geworden ist? Ist ihr denn völlig unbekannt, daf autonome Landes- und Stadtbehörden in Amt, Schule und Verwaltung jüdischen Beamten und Intelligenzlern die Anstellung verweigern, in Niederösterreich ebenso wie in Galizien, in Mähren gleichwohl wie in Steiermark? Ist dem allgegenwärtigen Herrn Ministerpräsidenten schließlich entgangen, daß der Staat dem Geiste der Zeit folgend, rassentheoretisch geworden ist und von einem jüdischen Bewerber unschuldsvoll den Taufschein verlangt? Hatte der Herr Ministerpräsident nie das Vergnügen, Dr. v. Uriels oder seiner Kabinettskollegen a. D. Dr. Geßmanns und v. Derschattas Ansichten zu hören? Für so ungebildet halten wir den Herrn Ministerpräsidenten nicht. Die aus Anlaß des Boykotterlasses an ihn gerichtete Denkschrift der Österreichisch-israelitischen Union kann daher nur den Wert einer Demonstration haben. Dass die Union in Konsequenz ihres Assimilantenstandpunkts in ihrer Eingabe einen Unterschied zieht zwischen nationalem und „konfessionellem" Boykott, ist nur geeignet den Sachverhalt zu verdunkeln. Jüdischer Theaterabend Sonntag, den 27. .d. M. findet im Theatersaal des Hotel Coniinental ein jüdischer Theaterabend statt. Eine Künstlerschar unter der Leitung des Herrn Egon Brecher wird drei Einakter jüdischer Autoren zur Aufführung bringen: „Die Schwestern" von Perez, „Der rote Schnee" von Coralnik (ist seinerzeit zuerst i"m der „Welt" erschienen) und „Der ewige Jude" von Pinsky. Die Veranstaltung ist einem schönen guten Zweck gewidmet, der alle Förderungverdient — dem Baufonds für ein jüdisches Studentenheim. Rußland (Von unserm Berichterstatter) . Zur Judenfrage in Finnland Der Finnländische Senat hat an den Kaiser eine Bittschrift gerichtet 'in der die Aufhebung des Gesetzes verlangt wird, durch das im Jahre 1903 den Juden das Recht der „Schechitah" zugebilligt wurde. Wie bekannt gilt Finnland als eines der fortschrittlichsten Länder Europas. Die Frauen besitzen das Wahlrecht der größte Teil der Deputierten ist sozialistisch oder radikal. Und aus diesem Lande kommt das Verlangen nach neuen-Beschränkungen für die Juden! Diese Beschränkungen haben ihre Geschichte. Es ist allgemein bekannt daß im freien Finnland ein Gesetz existiert nach dem es den Juden verboten ist im Lande zu wohnen. Während der Herrschaft Bobrikows nahm man dieses Gesetz nicht streng, weil man überhaupt die alten finnischen Gesetze nicht berücksichtigte. Aber seit der Einführung der Konstitution und seitdem der finnländische Senat die ganze Macht in seine Hände bekam, begann man das Gesetz gegen Juden aufs neue anzuwenden. Es kamen Fälle vor, wo man Juden, die fast ihr ganzes Leben in Finnland gewohnt hatten, auswies. Laut dem Befehl des Senats wies man alte, kranke, hilflose Juden aus, und es halfen keine Gesuche, Bittschriften, Protektionen usw. Angesichts dieser drohenden Gefahr unternahmen die wenigen in Finnland wohnenden Jude» eine energische Rettungsaktion. Es wurde eine starke Agitation zugunsten der jüdischen Gleichberechtigung durch Aufrufe, öffentliche Vorträge und Zeitungsartikel entfaltet und man appellierte an das Gerechtigkeitsgefühl von ganz Europa. Die Sozialdemokraten, die im finnländischen Landtag die Mehrheit bildeten, haben sich der jüdischen Emanzipationsbewegung angeschlossen und ein Gesetzprojekt für die jüdische Gleichberechtigung im Landtage eingereicht Dieses - Gesetzprojekt wird wahrscheinlich dank der Unterstützung der Sozialdemokraten und Radikalen vom Landtag angenommen werden. Da die konservative Partei der Altfinnen diese Gefahr voraussieht so verfiel sie auf die Idee der Abschaffung der „Schechitah" in Finnland. Auf diese Weise hoffen sie die Juden los zu werden. Ein solches Verbot ^widerspricht den Grundprinzipien der finnländischen Gesetzgebung, da es die Gewissensfreiheit verletzt Doch fand der finnländische Senat es für zulässig, dieses Verbot unter dem Vorwand des Tierschutzes zu verlangen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.