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Die Welt · 1908-12-24 · 52 (24.12.1908) · page 14

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Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
52 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sollte dieses Manöver gelingen, so wird es nicht ohne Einfluß auf die antisemitische Agitation in Rußland bleiben, und es ist zu erwarten, daß die antisemitischen Hetzer ein solches Verbot auch in der Duma durchführen werden. Aus der Emigrationsbewegung In der letzten Zeit läßt sich eine starke Emigration aus den Ackerbaukolonien des Chersoner und Ekaterinoslawer Gouvernements bemerken. Hunderte Familien fahren nach Argentinien, wo sie hoffen, unter bequemen Bedingungen Boden zu kaufen. Die Kolonisten selbst erklären diese Massenemigration durch Bodenmangel, der sich in den südrussischen Kolonien stark fühlen läßt. Aus der „Jüdischen Historischen Gesellschaft" Vor wenigen Tagen fand in Petersburg die konstituierende Versammlung der neuen „Jüdischen Gesellschaft" statt. Die Versammlung wurde eröffnet durch die große Programmrede von S. A. Dubnow, welcher darauf hinwies, daß die russische Judenheit im Studium der nationalen Geschichte weit hinter den westeuropäischen Juden zurückgeblieben ist, und ein Bild der breiten Tätigkeit entwarf, welche die neue Gesellschaft entfalten kann und muß. Am Ende seiner interessanten und inhaltsreichen Rede verzeichnete Dubnow folgende Aufgaben der „Jüdischen Historischen Gesellschaft": 1. Sammeln und Ausarbeiten des geschichtlichen Materials und der Archive; 2. Herausgabe geschichtlicher Arbeiten im Original und Obersetzung; 3. Herausgabe einer geschichtlichen Dreimonatsschrift; 4. Herausgabe dieses Materials; 5. Veranstaltung von Vorlesungen und Referate geschichtlichen Inhalts in Petersburg und in der Provinz; 6. Gründung eines historischen Museums und Archivs. Die Judenfrage in der Duma Nach langem Harren ist auch die Judenfrage in der Duma zur Verhandlung gekommen. Zwar nicht etwa im Anschluß an ein Gesetzesprojekt, sondern vielmehr auf Grund einer Interpellation der äußersten Rechten, die einen zwiefachen Angriff gegen die Juden und Stolypin enthielt Die Reaktionäre hatten wieder einmal Angst es gehe den Juden zu gut Sie brachten daher eine Interpellation ein mit Bezug auf eine Verfügung des Minister des Innern vom 21. Mai 1907, durch die nach der Meinung dieser Edlen die Rechte der Juden in ungesetzlicher Weise erweitert werden. Während des russisch-japanischen. Krieges erließ der damalige Minister des Innern, Plehwe, bekanntlich ein glühender Judenfreund, einen Erlaß, durch den es den Juden unter gewissen Umständen erlaubt war, sich zu gewissen Zeiten außerhalb des Ansiedlungsrayons niederzulassen. Dann kam die Revolution, und die Regierung hatte Wichtigeres zu tun als an diese außerhalb der „Tscherta" wohnenden Juden zu denken. Ini Mai 1907 erließ dann Stolypin eine Verfügung, nach der die Juden, die auf Grund des Plehweschen Erlasses außerhalb des Ansiedlungsrayons damals wohnten, auch weiter dort bleiben dürften, vorausgesetzt, daß sie die öffentliche Ruhe nicht bedrohten. Dieses Zirkular bildete den Vorwand für die extreme Rechte, zwei Interpellationen in der Duma einzubringen, in der behauptet wurde, daß alle Dörfer und Städte außerhalb des Ansiedlungsrayons von Juden überfüllt seien, worunter die Bevölkerung sehr zu leiden habe. Um diese Interpellationen als „Schrei des Volkes" erscheinen zu lassen, hatte man lauter angebliche Unterschriften von Bauern darunter gesetzt. Die Interpellanten beantragten die Dringlichkeit für ihre Interpellation. Es kam zu einer stürmischen Debatte, zu heftigen Aus- ' brächen der Leidenschaft. Die Rechte erging sich in den wüstesten Beschimpfungen der Juden und der nichtantisemitischen Dumaparteien. Für die Dringlichkeit stimmte lediglich die äußerste Rechte und mit ihr — die Sozialdemokraten. Die letztern*allerdings lediglich deshalb, weil diese Interpellation nichts anderes als eine Verhöhnung der Juden darstelle und deshalb gar nicht wert sei, erst noch in der Interpellationskommission verhandelt zu werden. Vielmehr solle man die Interpellation sofort beraten und ablehnen. Der Redner der Reaktionäre. Markow, mußte mehrere Male .zur Ordnung gerufen werden. Er erging sich in derartig provokatorischen Hetzreden, daß sogar Purischkewitsch ihn mehrfach zur Besinnung mahnen mußte. Schließlich wurde die Dringlichkeit abgelehnt. Der Standpunkt der Regierung Bekanntlich hatte der Senat s. Zt in der Frage des Stolypinschen Erlasses gegen den Ministerpräsidenten entschieden. -Inzwischen hat aber dieser nachgewiesen, daß sein Standpunkt durchaus gesetzmäßig ist. Infolgedessen hat sich der Senat neuerdings mit 32 gegen 2 Stimmen für Stolypin ausgesprochen. Immerhin hat die Interpellation eine gewisse Wirkung nicht verfehlt Wie in Petersburg verlautet beabsichtigt die Regierung den Reaktionären gewisse Zugeständnisse zu machen. So soll, der Vizeminister des Innern dem Abgeordneten Nisselowitsch erklärt' haben, daß die - Regierung genötigt sein werde, 15000 außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnende Juden auszuweisen. Der Abgeordnete Nisselowitsch vor dem Dumagericht Im Anschluß an die obenerwähnte Verhandlung über (he Interpellation der Antisemiten kam . es zu einem Zwischenfall Nisselowitsch-Markow. Der Abgeordnete Nisselowitsch hatte aus der Rede des Abgeordneten Markow einige Stellen zitiert, die sich nachher im korrigierten stenographischen Bericht nicht vorfanden. Infolgedessen beschuldigte Markow Nisselowitsch der Fälschung. - Um sich für die Zukunft gegen solche Insinuationen zu schützen, stenographierte Nisselowitsch in der nächsten Sitzung eine Rede - Markows mit. Darin sah aber das Duma-Sekretariat eine Beleidigung des Sekretariats und zitierte Nisselowitsch vor das Gericht des Dumapräsidenten. Haussuchung im Bureau der Ito Die Polizei in Kiew nahm im Hauptbureau der Ito im-Hause Dr. Jochelmanns eine Haussuchung vor. Mehrere Dokumente wurden beschlagnagmt, indessen wurde keinerlei Verhaftung vorgenommen. - Der Fall Brodsky Der Führer der Antisemiten. Purischkewitsch. hat eine heftige Kampagne gegen den Freispruch der beiden Brodskys eingeleitet, die bekanntlich wegen Verwundung einiger Hooligans beim Pogrom in Kiew angeklagt waren, aber freigesprochen wurden, weil sie in der Notwehr gehandelt hatten. Infolge dieser Agitation hat der Justizminister den Staatsanwalt von Kiew nach Petersburg vorgeladen, damit er sich dort dafür verantworte, daß er keine Revision gegen das freisprechende Urteil angemeldet habe. Die Antisemiten, an ihrer Spitze die „Nowoje Wremja", haben jetdt herausgebracht, daß. die Richter, die den Fall verhandelt haben, angeblich gar nicht kompetent dafür waren, und sie verlangen, daher, daß der Senat eine Revision anordne. Aus der Duma In Dumakreisen wird sehr eifrig eine Äußerung kolportiert, die Slewako, der geistige Führer der Oktobristen, in einer Unterredung mit dem Agitator der Echtrussen, Schmaköff, angeblich ge-r braucht habe und worin er sich dahin geäußert haben soll, daß die Oktobristen mit den Echtrussen in der Judenfrage sehr wohl Hand in Hand gehen körnten. . Während der Debatte über den Polizeiskandal in Wilna gebrauchte Makarow, der Gehilfe des Ministers des Innern, eine Äußerung, die den Anschein erwecken konnte, als ob er einen Zeugen deshalb für weniger glaubwürdig halte, weil er ein Jude sei. Herr Nisselowitsch legte gegen eine solche Beleidigung, energischen Protest ein.. Seine Ausführungen wurdenvon der linken Seite des Hauses und vom Zentrum mit lautem Beifall aufgenommen. Beim Verlassen der Rednerbühne wurde er vom Fürst Galizin und anderen fortschrittlichen Oktobristen beglückwünscht. Die letzteren haben auch erklärt, daß sie" in Zukunft die Juden in der Verteidigung ihrer Nationalität unterstützen würden. Die Wahlen in St. Petersburg In der jüdischen Presse hat sich eine heftige Debatte über die- Neuwahl eines Abgeordneten der Kadetten für St Petersburg an Stelle des Abgeordneten Kolubakin entzündet, der kürzlich aus der Duma ausgeschlossen wurde. Die Führer der Partei stellten die Kandidatur des ehemaligen Mitgliedes des Kabiriets Witte, Kutter auf. Die Juden indessen drangen darauf, daß der bekannte jüdische-^ Rechtsanwalt Grusenberg gewählt werde, .weil den Juden ein energischer Verteidiger ihrer Rechte im Parlament fehlt. Schließlich tauchte ein Kompromißvorschlag auf, der recht bezeichnend für die- Lage, aber auch für die Ansichten der jüdischen Kreise ist die nicht ohne Schuld an der gegenwärtigen- Lage sind. Man beabsichtigt nämlich, den getauften Juden "und bekannten Kadettenführer Hessen zu wählen, weil man annimmt, daß er' immerhin noch gewisse Sympathien für das Volk, das er verlassen hat, hege. Die angebliche Verlegung des „Haschiloach" Der Verlag der Monatsschrift Haschiloach ersucht uns. bekannt zu geben, daß die in mehreren Zeitungen verbreitete. Nachricht, Redaktion und Verlag des Haschiloach würden nach Palästina verlegt, jeder Begründung* entbehrt.

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