Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 52 (24.12.1908)
- Date
- 1908-12-24
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Aus der Thronrede „Wir wünschen mit Eifer die Reorganisation der Finanzen, die Regulierung des Budgets, die Hebung der Landeskultur, die Vermehrung der Schulen behufs Verbreitung der Bildung, die Ausbildung und Vervollkommnung unseres Heeres und unserer Flotte; ebenso wie die Neuorganisation der verschiedenen Verwaltungszweige." In dieser knappen Formulierung ist das ganze Programm enthalten, das die Regierung des Sultans den Vertretern des Volkes zur Bearbeitung vorlegt. Kaum ein einziges Wort ist darin, das nicht für uns Zionisten besonderes Interesse und besondere Bedeutung hätte. Unser Ziel, unser Arbeitsbeginn innerhalb des ottomanischen Reiches liegt in genau denselben Richtungen. Zu fast einem jeden der Programmpunkte könnte die jüdische Arbeit im Lande nicht unbeträchtliche Beihilfe leisten. Für die Heb mg der Landeskultur, •die Verbreitung der Bildung ist an einem Punkte des Reiches, in Palästina, soviel der jüdischen Kraft verstattet wurde, selbst unter dem alten Regime, von uns bereits geschaffen worden. Auch, daß die Finanzen des Reiches daraus Profit ziehen können, ist wohl erwiesen. Wird die Aufmerksamkeit der Lenker des türkischen Volkes in gehöriger Weise auf diese Tatsachen und Möglichkeiten gerichtet, werden die jüdischen Anstrengungen nach dieser Seite sich^gleichzeitig vervielfachen, so ist kein Zweifel, daß ein Einvernehmen zwischen der ottomanischen Staatsregierung und den Vertretern der zionistischen Sache erzielt werden wird. Die jüdischen Deputierten Wir werden also doch vier Vertreter im türkischen Reichstag haben. Zu den Abgeordneten von Konsta;itinopel, von Saloniki und von Smyrna kommt nun noch der von Bagdad. Die dortige Wahl ist für uns ein besonderes Ehrenzeichen. Schon im alten, dem ersten, dem eingeschlafenen ottomanischen Parlament, für das, wie die Thronrede mitteilt, das Volk dazumal nicht reif war, war ein Jude Vertreter dieser Stadt. Und mehr: es war der Vater des jetztigen Deputierten Sassoon. Der Alte, der noch am Leben ist, kann mit besonderer Genugtuung die Fortsetzung der Arbeit für das Volk, die ihm einst anvertraut worden, nun in die Hände eines Sohnes gelegt sehen, der für seine Fähigkeiten, seine Bildung und seinen freien Geist heute außerordentlichen Ruf genießt. Mit Ausnahme des Bagdader Deputierten sind die jüdischen Vertreter bereits in der Stadt. Überall kommt ihnen der Jubel und das Vertrauen der Bevölkerung entgegen. Im Saale des „Hospital national Or Hachajim" in Balat wird sie demnächst ein Bankett gebührend feiern. Von einem Zusammenschluß der jüdischen Abgeordneten zu einem •eignen Klub, wie etwa der Jüdische Klub im österreichischen Reichsrat, ist vorläufig nicht die Rede. Zweifellos jedoch werden sie in enge Verbindung zueinander und dem Großrabbinat treten, um in jüdischen Dingen eine einheitliche Meinung zu repräsentieren. Welche diese Meinung sein wird, ruht noch einstweilen im Dunkel der Zeiten. Noch immer ist kein jüdisches Programm, nicht einmal ein jüdisches Schlagwort ans Licht getreten. Ein jüdischer Senator Der türkische Senat wird die Aufgaben eines Oberhauses zu erfüllen haben. Die Gesetzesvorschläge", die das Parlament passiert haben werden, werden dem Senat zur zweiten Prüfung unterbreitet werden. Nach dem Wortlaut der Veröffentlichung des Staatsanzeigers hat der Senat in Erwägung zu ziehen, ob das vorgeschlagene Gesetz nicht „der Religion, den politischen Rec-iten des Sultans, der Freiheit, den Bestimmmungen der Verfassung, der Integrität, der innern Sicherheit oder der Verteidigung des Landes Eintrag tut". Je nach der Beantwortung dieser Fragen in zweifacher Lesung nach vorangegangener Kommissionsberatung wird ein Gesetz genehmigt oder — auf Nimmerwiedersehen in der laufenden Session — verworfen werden. Die Mitglieder des Senats, die etwa ein Sechstel bis Achtel der Zahl der Abgeordneten betragen werden, sind vom Sultan auf Lebensdauer ernannt. Es ist aber durchaus nicht unbekannt, daß eine ganze Reihe der vom Großwesir dem Sultan Vorgeschlagenen vor der endgültigen Genehmigung durch das zurzeit allmächtige Jungtürkenkomitee gestrichen wurde. Immerhin wird diese Pairskammer, auch in dieser neuen nachgebesserten Gestalt, wie nach ihrer Zusammensetzung aus meist betagten Männern nicht anders zu erwarten, einen starken Ton, vielleicht ein Restchen Macht aus dem alten Regime bedeuten. Es verlautet deshalb, daß auch das Parlament noch eine weitere Reihe von Senatoren nach seinem eignen konstitutionellen Belieben zu den Kandidaten des Souveräns -hinzu ernennen will. Auch die Juden haben ihren Vertreter im Senat erhalten, den einen, der in der Vorschlagsliste des Chacharnbaschi-Kaimakams. nicht mit den andern gestrichen wurde: Behor Effendi Aschkanazi. Es scheint, daß diese Erkennung zur aufrichtigen Genugr tuung sämtlicher jüdischen Kreise erfolgt ist. Behor Effendi ist ein sympathischer Greis im siebenten Jahrzehnt seines Lebens, ein Jude im einfachen und guten Sinne des Wortes. Er ist in- Konstantinopel aus altvornehmer Familie geboren, erhielt seine erste Ausbildung auf der damals eben gegründeten jüdischen Anstalt des jüdischen Patriziers Comondo, und ging in das Bureau de Traduction über, das die Regierungsdragomane heranbildete. Bald wurde er Sekretär beim Muchtor des Finanzministeriums, der als Grieche ohne Kenntnis des Türkischen den jungen. Mann als unentbehrlichen Helfer schätzte, und bereits im Alter von vierundzwanzig Jahren wurde er Mitglied des Staatsrats. Als solcher wurde er dem damals gebildeten Cour d'appell dem sonst nur Richter angehörten, zugeteilt, und verblieb auf diesem Ehrenposten, bis er zum Unterpräfekten von Konstantinopel ernannt wurde, was er mehr als zwanzig Jahre blieb. Der jüdischen Dinge hat er sich immer mit regstem Eifer angenommen, und so gehörte er auch dem Mischlisch umumi als Mitglied an. Behor Effendi ist ein passionierter Hebräer und Talmudkenner. Bei allen ihm zuteil gewordenen Ehren ist er der bescheidene, nach alter Art lebende Jude geblieben. Wir dürfen hoffen, daß der jüdische Name durch ihn auch im Senat mit Ehre vertreten sein wird. Noch immer der Chachambaschi Die Großrabbinatsfrage kommt nicht zur Ruhe. Auch ihr Ende ist noch nicht abzusehen. Immerhin sind nunmehr bereits sämtliche fünf Kandidaten nominiert. Diese sind außer dem jetzt als Kaimakam amtierenden Halm Nahum: Joseph Halevy, Rabbiner in Balat, Rabbi Abram Danon, Direktor des Rabbinerseminars, Mosche ben Chabib, Rabbiner von Brussa, und Raphael Aron ben Schim'on, Großrabbiner von Kairo. Den letztem hat die Contra- Nahum-Partei anscheinend besonders auf den Schild erhoben. Er ist ein Rabbiner alten Schlages, dem talmudische Gelehrsamkeit und europäische Sprachkenntnis nachgesagt werden. Eine Persönlichkeit und administrative Kraft ist er nach andern nicht. Volle Ungewißheit dauert also fort. Die orthodoxe Partei ist gegen Halm Nahum rührig am Werke, und Überraschungen sind nicht ausgeschlossen. Reform des Oschers Nach einem Plane, der vom Finanzbeirat Laurent ausgearbeitet wurde, soll der Oscher, die türkische Agrikultursteuer, eine wichtige Reform erfahren. Künftig soll der Zehnte nicht wie früher nach dem Durchschnitt der Ernteerträgnisse der letzten fünf Jahre berechnet und verpachtet werden, sondern es wird eine unparteiische und unabhängige Regierungskommission in jedem Jahre die Ernte schätzen und die Steuer bemessen. Dadurch werden wohl die schreiendsten Ungerechtigkeiten bei der Handhabung dieser für die jüdische Kolonisation so außerordentlich wichügen Steuer beseitigt werden. Ob der Oscher künftighin in Naturalien oder in Geld zu entrichten sein wird, ist noch nicht endgültig festgestellt. Dr. Risa Tefwik Bey und die „internationalen" Juden Der rühmlich bekannte Vorkämpfer der j'ingtürkischen Sache, der eine besondere Vorliebe für alles Jüdische hat, da er seine Jugendbildung in einer jüdischen Schule genoß, stattete in vergangener Woche dem „Club international du progres" in. Kuskundschuk, dem fast lediglich Juden angehören, einen Besuch ab. Dort begann er seine Rede mit folgenden Worten: „Ich glaubte eigentlich, in eine jüdische Körperschaft zu kommen, und hatte beabsichtigt, über jüdische Dinge zu Ihnen zu sprechen. Da ich nun aber sehe, daß Sie international sind, so werde ich also' wohl international zu Ihnen reden müssen." Was er alsdann auch wirklich tat.----- AUS DER BEWEGUNG Deutschland Posen: Ortsgruppenversammlung 5. Dezember 1908. Am 5. Dezember hielt Herr Georg Kareski ein 1 Vzstündiges Referat. Von der allgemeinen Lehre der nationalen Bodenreformer ausgehend, kam der Referent auf die Oppenheimerschen Siedelungssätze zu sprechen.. An Hand eines reichen statistischen Materials zeigte der