Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1908-12-24 · 52 (24.12.1908) · page 9

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
52 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
88% known words query
IRI
…/3315709-3316296-3316348--51394-3379170
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

No. 52 ' DIE2 Und immer noch. lauscht der erregte Awrom auf das Knistern, auf das Erzählen: von den großen Taten Jener unvergeßlichen Helden, der Retter des jüdischen Volkes, des jüdischen „Schatzes", — des jüdischen Staates. ... Und es dünkt dem begeisterten Awrom: Das scheidende Lichtlein, es fleht und bittet. . Und es braust empört auf — und ruft, dringend, befehlend den Vorübergehenden zu . . . Es ruft in die dunkle Nacht hinaus, in das nächtliche Goluth: Auf, ihr Männer! folget dem Beispiele jener begeisterten Patrioten, jener von heiligem Eifer erfüllten Männer! — Auf, für Gott und Freiheit!!--- Brief aus Konstantinopel (Von unserm Berichterstatter) Die Eröffnung des Parlaments Am Morgen des 17. Dezembers, nach langen Tagen trübseliger Regengüsse, in denen eine undurchdringliche Wolkendecke wie eine licht- und lustraubende Kuppel über die Stadt am Bosporus gestülpt war, schimmerte ein fleckenloses Blau den Erwachenden ins Fenster. Über Stambul lag ein dichter, rosiger Nebelflor, aus dem verheißend die sonnenvergoldeten Spitzen der Minaretts und eine dunkle Andeutung der Moscheenkuppeln eine unerhörte verborgene Schönheit ahnen.ließen. Und dann kam die Sonne, groß, funkelnd, plötzlich. Und blank, leuchtend, taubeglänzt, wohlig hingedehnt lagen die Höhen der Riesenstadt im strahlenden Morgen. Ein köstlicheres Präludium und ein tieferes Gleichnis für den großen Tag der Osmanen war nicht denkbar. Und wie die Nebel aus den Gassen dächeraufwärts flogen und im Blau verschwanden, zog aus allen Windrichtungen hinunter und hinauf, in das Zentrum Stambuls hinein, ein unendliches Menschengewimmel. Von Zeit zu Zeit klirrte der Tritt anmarschierender Regimenter, erscholl das Pferdegetrappel der Lanzenreiterschwadronen, jubilierte eine primitive Musikkapelle. Züge von Schülern, von Studenten, von ernsten Chpdscbas mit den weißen Priesterbinden, und wieder und wieder Schwärme von friedlichen Bürgern, die in der . Konstantinopeler Buntheit ihrer Trachten, unter dem warmen Sonnenlicht, das alle Farben noch stärkt und sättigt, zu wundersamen Gemäldegruppen zusammenfließen. Und zwischen und über allem Myriaden von Fahnen! Aus den Fenstern hinab, über alle die Köpfe empor, über die Gassen zu Triumphbögen hinweggespannt, alle wehend, blutrot, mit ebensoviel Tausenden weißleuchtender Monde und Sterne. Und dann noch ein Neues, Niegewesenes, Märchenhaftes, das Schönste: die ottomanischen Frauen. Es ist das erstemal in der Geschichte der Stadt, daß sie sich so im Lichte zeigen. Es ist, als wäre das schwere eiserne Gitter in einem dunklen, dunklen, geheimnisvollen Park, von dem Sagen raunten, Dichter sangen, und den Spötter bestritten, auf einmal weit, weit aufgesperrt, — und alles liegt da, der ganze Zauber, und mehr als geträumt, vor dem trunkenen Auge. So sind die türkischen Frauen, die Hunderte, die Tausende dieser blassen, holden, wie stilisierten Frauenköpfe, in den dunkeln Rahmen ihrer Fenster, deren düstere, undurchdringliche Holzgitter sich endlich einmal aufgetan haben. Der Platz vor der Haja Sofia war ein Menschenmeer. Die Schaufenster und Türen waren ausgenommen und zu Tribünen umgezimmert. Auf den Bäumen hingen dunkle Menschenleiber, wie Dohlen, die sich im Laub verkauert haben. In den Seitenstraßen hockten auf grünberankten Gartenmauern Frauen und Mädchen in ihren schwarzen, grellblauen und rosaroten, seidenen Feredsches, als wüchsen sie eben wie neuartige Blumen aus dem Geranke. Und auf allen Hausdächern, selbst auf der Riesenkuppel der Haja Sofia, saßen wie ein summender schwarzer Schwärm von Fliegen viele Hunderte von schaulüsternen Menschen. Militär über Militär schob sich die Straßen herauf bis zum Parlamentsgebäude. Die Suaven mit ihren grünen Turbanen, die Tscherkessen in ihren kohlschwarzen schlankfallenden Uniformen sahen prächtig aus. Adjutanten sprengten vor und zurück, die Brust der Generäle strotzte von funkelnden Orden. Dann kamen die geheimnisvollen Wagen des Kaiserlichen Harems, in die den Alltagsmenschenkindern heute zu schauen nicht verwehrt war, voran auf schäumenden Pferden die flnstern Eunuchen. Dann die hundertundfünfzehn Deputiertenwagen, die Wagen der Senatoren, die Wagen der Gesandten der Patriarchen und des Großrabbinats. £elt „. Plötzlich begann ein fieberhaftes „Bahn frer-machen. Und kaum, daß es geschehen, schmetterten wie ein Wirbelwind Lanzenreiter hindurch, einmal und wieder, in rasendem Tempo. Und hinterher endlich, er selber, er, der dreißig Jahre lang nie Gesehene, Verborgene, von seinem Volke Erwartete, nun Hergezwungene, er — der Padischah. Sultan Abdul Hamid sah leidend aus, eine tiefe Falte lag zu beiden Seiten des Gesichts, vom Auge bis zum Kinn hinunter. Seine Miene war undurchdringlich. Was mochte dieser Rastlose, Rätselhafte, nun fast beherrschte -Beherrscher sinnen, inmitten dieser Hunderttausende seines freiheitsberauschten Volkes, das ihm jubelnd das „Padischahim, tschok pascha" entgegenschrie?-- Kein einziger Mißton störte die herrliche Freudenkundgebung des Volkes, dis seine Freiheit in den Hochrufen auf den Padischah hochleben ließ. Nirgends wurde die Ordnung gestört. Im lebensgefährlichsten Gedränge kein einziger Unfall. Alles, wie die Natur des Türken selbst, friedlich, traulich, geduldig. Ein bezeichnendes Bild: Während der Sultan drinnen im Parlamentssaale der Adli6 den Vertretern seines Volkes gegenübersteht und die Thronrede von der gewichtigsten Periode der gesamten osmanischen Geschichte vor aller Welt Rechenschaft ablegt, haben die Regimenter draußen Ruhepause. Und die Hunderte und Tausende der in voller Montur Postierten langen mit Seelenruhe ihre Vorräte weißen Brotes und ihren grünen Käse hervor und kauen, gähnen und rekeln sich nach Herzenslust, mitten unter ihren Leutnants und Generälen, deren einer und anderer, wer weiß wie gern, mitgehalten hätte. Bis auf einmal wieder die Trompeten schallen, die Ränge sich klirrend- , aneinanderstießen, der Sturmwind der Reiterkavalkaden wieder vorübersaust und der Padischah im Fluge dieselben Straßen wieder verläßt, die er vor kurzem gekommen. Es wird Nacht. Zu beiden Seiten der neuen Brücke senkt sich ein magisch flimmerndes Schwarzblau nieder und bedeckt das schrille Gleißen des Wasserspiegels. Hier und da taucht schüchtern ein Stern auf hoch über der tiefschwar^en Westwolke, die wie ein Vorhang das Sterben der Sonne verbirgt. Leis gleitet der Kalk über die wiegenden Bosporuswellen. Plöt'.lich schießen im Nord auf den Höhen Feuerzeichen auf. Und vom Galataturm zum Seraskier hinüber, von Dolmabagsche nach der Seraispitze hüpfen und springen die Flammen über. Auf hundert Kuppeln glühen sie, an tausend Häuserwänden funkeln sie auf. Und mit jeder neuen Lichterlinie, mit jedem neuen Fiammenzeichen wird die Nacht dunkler, samtweicher, geheimnisvoller. Nun ist der letzte fahle Schein dahin. Unten auf dem Spiegel des Bosporus hat sich eines der Märchen aufgetan, wie sie nur die trunkene Phantasie der Kindertage uns vorzaubern konnte. Riesenschiffe, aus Feuerkugeln zusammengezimmert; schlanke Segler wie Vögel aus Fackelleibern, ziehen gespenstisch durchs Dunkel. Ungeheure Mäste und Schlote stoßen leuchtend auf zum Himmel. Zwischendurch strecken Scheinwerfer ihre gewaltigen weißschimmernden Riesenarme platt herüber aufs Wasser. Und weithin in der Runde, wo uns Myriaden von Lichtern das gewaltige Stambul, das hochgetürmte Pera, die feinen, fernen Prinzeninseln, die mächtige Kuppe des Tschamlidscha und die Höhe des Jildis ahnen lassen, alles alles, eine Welt von Flammen. Die herrlichen Minaretts der Valide tragen dreifache Doppelkränze zartflimmernder Sternchen, der Seraskierturm hat ein Flammengewinde gleich einer feurig geringelten Schlange umgetan; und ihm gegenüber hebt der Galataturm seine Lichtergirlande spitz gegen den Himmel. Ihnen zu Füßen, in langen Fronten, links an der Kaserne von Tophane, rechts an der Douane, liegen lange bunte Feuerstreifen. Zwischen ihnen hüben und drüben setzen tausend Häuser, in Terrassenlinien übereinander, das Gefunkel fort. Der wundersame Sternenkranz um die verzauberten Sternenschiffe ist fest geschlossen. Mitten hinein klingt lustige Erdmusik. Ein Dampfer, mit feurigen Wimpeln über und über beschüttet, trägt jubelnde Menschen und den Klang von Freiheitsliedern fröhlich hinein in das Märchen. Von den Schiffen schießen Raketen ihre glühenden Lanzen empor in den Himmel, der in tausend regenbogenbunt schimmernden Sternchen zerstiebt, die langsam, langsam sinken, bis sie im Wasser verzischen. Bald hier, bald dort auf den Hügeln zünden sich rote und grüne Brände an, die weit umher magisches Leuchten in die Nacht hinauswerfen und Häuser und Kuppeln plötzlich gespenstrisch aus der Finsternis hervortreten lassen. Die Wellen unter uns wogen, sie glühen mit. Sie trinken in sich alle das Wunderbare, das da über ihnen auftaucht in dieser Nacht der Freiheit, und werden es auf ewig in ihrem Schöße bergen, getreu, verschwiegen, wie sie die trüben, düstern Schreckenserinnerungen aus den Tagen der Sklavenzeit in sich geborgen haben. ---

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.