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Die Welt · 1908-12-24 · 52 (24.12.1908) · page 8

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
52 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Er reibt sich die Stirne, die Hände, schlägt mit geballter Faust auf das Almemor-Pult . . . Monde und Jahre verrinnen ganz unmerklich ins bodenlose Meer der Ewigkeit. Er — lernt und lernt und wächst. Er wird ein großer Bochur, ein großer „guter Bochur" ... Endlich, ein Brief, ein „Masoltow." Der Onkel schreibt, er habe ihn, Awrom, zum„ChossonttV) gemacht . . . --Ein trübes Lächeln huscht über das träumerische Gesicht — bei dieser Erinnerung. Und er träumt weiter: Ein dünnes, hageres Männchen mit silberweißem Haupt und kleinem weißem Bärtchen. Wie verlegen es ihn änsieht ... Er fleht, demütig fleht er, der alte Samvele, sein Schwiegervater: — Er kann nicht, Er kann wirklich nicht. Er hat selbst nichts, der arme Samvele . . . Und Awrom hat Einsehen und verzichtet auf die versprochene Kost . . . Aber da blitzt es plötzlich . . . Ein merkwürdiger Gedanke zuckt durch seinen Schädel, und sein Herz wird voll Grauen: Ein Jehudi ist auch ein Mensch, hat menschliche Pflichten. Und auch Awrom, der Gelehrte,. — ist ein Mensch. Und auch er hat menschliche Pflichten. Und er muß diesen Pflichten gerecht werden. Er muß, und er kann nicht. Und er kann nicht! — O, Jene Jeschiwohnacht . . . jene Jeschiwohnächte, jene bösen Gedanken, die er damals aus seinem Gedankenreich zu verscheuchen suchte . . . Und Reue . . . gerechte und ungerechte Reue ... — Doch zu spät. — Geistesabwesend hört er den Trost des alten Samvele: „Hundert Rubel Nadan . . . Ssocher5) werden . . . Verstehst nicht? . , . was verstehen?? . . . Man geht auf n Markt, kauft, verkauft und wird Ssocher . . . Größere Schlemiele sind es geworden . . . Und ich?! hab' ich's gelernt? Und doch bin ich . . Die letzten Worte wirken: Ein wehmütiges Lächeln erstirbtauf den Lippen des jungen Ehemanns: Was ist er eigentlich, der arme Samvele? ...----------- ... Ein lichtblauerHimmel schaut auf denschmutzigen Platz, den Markt . . . Eine muntere Sonne lacht so heiter und bestrahlt das ungeheure Menschengewimmel, die zahllosen Pferde, Schweine, die schmutzigen Wagen mit all dem bunten Tand. Aber niemand empfindet das hellblaue Firmament, die wohltuende Sonne. Aller Sinne ist auf das schmutzige Wirrwarr gelenkt. Und alles wimmelt und wälzt sich durcheinander. — Unter der Menge, zwei naiv blickende Augen, die mal nach rechts, mal nach links schielen, sind.. besonders auffallend. Bald starren sie ins Leere, bald suchen sie wieder. Endlich bewegen sich auch die Füße ... die Hände und der ganze Awrom ... Er wandelt, handelt, kauft und verkauft Leib und Seele und Freiheit . . . Und er wird ein Ssocher und erlebt das Ende der meisten derartigen Ssochrim des kleinen Vaterstädtchens und des großen Vaterlandes, die nur auf „Masol" angewiesen sind . . . Hier im Kerker des Elends, in der armseligen Mansarde, verbringt nun der brotlose Awrom den größten Teil des Tages und gibt den naivblickenden Augen volle Freiheit . . . Und . . . eines Tages . . . plötzlich! . . . was geht vor? . . . Schneit es beim hellen Sonnenscheine? . . . Nein, Federflocken füllen die Luft . . - Und es kracht und dröhnt. Der Boden bebt. Menschen, gute Menschen — fallen wie Fliegen. Aber was ist geschehen?— „Chuligans!" ... „Chuligans!" *) Bräutigam. *) Kaufmann. . . . Liebe Mutter! . . . liebes Weib! ... „Chuligans!" „Chuligans!" ... In Keller! o in Keller! Mutter, Weib, . . . Kind, ... im Keller, . . . verstecken! . . . verstecken! . . . „Chuligans!" ...--Im Keller. Totenstille . . . Nur schwere ununterdrückbare Atemzüge, heftiges Herzklopfen . . . Plötzlich! rr . . . rr . . . Wildes animalisches Brummen. Krach!... und abermals krach! . . . und die Kellertür "ist entzwei ... — „Hilfe!!! Hilfe!!!" . . . Eine schwere unerträgliche — Masse senkt sich hastig auf das Haupt des nach Hilfe rufenden Awrom ...-------Der dreiste Blick eines hellen Morgens dringt durch die Kellerlucken und trifft die halbgeöffneten Augen — des Erwachenden ... — Hat er geschlafen? . . . Aber das Blut?! das viele Blut! ... hie und da! . . . und dort! ... — „Liebe Mutter!! liebes Weib, liebe Reiseleü! Gott! großer Gott!! meine liebe Mutter! mein liebes Weib! meine liebe Reiseleü Tot! tot! tot! ... sie sind ... sie sind . . .tot ... tot... tot!! In einem Tage ... in einer Stunde ... in einer Minute!! Gott! Gott!!..." Dunkler, immer dunkler wird es im Zimmer . . . Immer mehr Raum erobern die dunklen Schatten und erweitern ihr Reich. Das besiegte, — sterbende Lichtlein senkt sich immer tiefer, knistert und zuckt und kämpft mit dem Untergange . . Ein schrecklicher, herzzerreißender Seufzer widerhallt im leeren Raum des kleinen Armengasthauses, — in dem Awrom bei seinem Lichtlein seinen langen Traum — träumte ... Er erwacht, . . . erschreckt: wer, was war es? ... — Es war sein eigner Seufzer . . . Zerstreut, ängstlich schweift sein Blick umher: Wo ist er? wo? . . . Ist er noch dort?! — dort?! In der verwünschten Heimat auf dem Totenfeld, das er Vaterland nennt?! ... — Aber nein! nein!! . . . Dies seine Heimat?! sein Vaterland?! ... — Ein Sklavenland! ein unendliches Märtyrertum war dies, in dem er bis jetzt litt, in dem er, ja er selbst, sich bisher als Sklave betrachtet hatte ... — Gottlob! er hat's hinter sich! er ist entronnen!! . . . entronnen! entronnen!! ... — Hier! das schöne, grüne Land, das gelobte Land, an dem sein Herz, sein schwer belastetes Herz — mit all seinen Fasern hängt! nach dem er jetzt mit heißer, heißer Sehnsucht endlich, ja endlich! zieht, — dieses liebe Land! das ist seine Heimat!! seine wahre Heimat! sein wahres Vaterland! das Land seiner Väter! das alt-neue Land!! . . . Hier! auf dem heiligen Boden, der seine heiligen Schätze birgt, über dem ein lieblich blauer, kristallklarer Himmel sich wölbt, und auf dem das unsichtbare, ewige Auge — liebevoll und segnend schaut, hier will er sich eine Heimat gründen! hier will er leben! hier wird er leben! ... sein Herz ahnt es! . - . In diesem Lande, im Lande der Freiheit, im Lande des Lichtes — wird sein trübes, historisches Lichtlein — — in ein helles, strahlendes Licht, in ein Licht des Heiles und ewigen Friedens verwandelt werden!... — Und noch einen Moment streift Awroms Blick das zuckende Lichtlein: Es senkt und bäumt sich . . . Schon sind es die letzten Atemzüge . . . Bald wird es erlöschen, das letzte Chanukah-Lichtlein auf fremdem Boden ... — Bald wird es erlöschen und dem hellen Chanukah-Lichtlein, aus dem berühmten „Schemen Sajith", im gelobten Lande Platz machen.---

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