Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 52 (24.12.1908)
- Date
- 1908-12-24
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Blatt... Und süß und lieblich klingt die laute Stimme... Er singt und fleht, der kleine, bucklige R. Chajimke, der „Rebbi", in einem sanft-elegischem Tone: „Sch'najim ochsin b'tallith . . . Anim'zothioh! . . . Anim'zothioh!... Kuloh scheli! . .. Kuloh scheli! ..." Und es lauscht der Anfänger, der kleine Awrom, und sein Kinderherz taucht sich in ein endloses Meer unaussprechlicher Seligkeit. Da sind sie auch, die zwei Vagabunden des Vaterstädtchens, Peretz der M'schugoh und Chasskil der Taschendieb, die sicher um das gefundene Tallith streiten . . . Wie laut sie kreischen: . . . „Mein ist es!" — „Nein, ich hab's gefunden! . . . Doch halt! — Welch eine erhabene, lautlose Dämmerung!--Wie sachte und langsam sie in jene Mansarde einzieht. Wie wunderbar sie mit unsichtbaren Fäden das graue Gewand webt, das sie an die kreideweißen Wände heftet. Hier im Winkel, wo die Spinne sechs Tage in der Woche hausen darf ... — hier ist noch eine Lücke . . . Die Sonne hat hier einen Riß getan . . . Aber wie hübsch die Mansarde jetzt aussieht! Die vier Ellen Boden sind so sauber . . . Sie sind noch feucht . . . Und das kleine, schwankende Tischchen. Eben! . . . Eben ist sie daran, die liebe Frau mit jenen melancholisch-sanften Zügen. Sie entfaltet es, das schneeweise, vielfach ausgebesserte Tischtuch, das sie eigenhändig gewaschen hatte. Sie breitet es sorgfältig aus, glättet und streichelt es . . . Und nun kommt es! — Es taucht auf und schimmert so vertraulich, das Lichtlein, das liebe Lichtlein . . . Auf dem Boden kauert der kleine Awrom und betrachtet es von hier aus. Und warm und heiß wird es dem armen Chederjungen, und sein Herz schwellt vor Freude. Er kennt es . . . Es ist ein Vorbote ... Es verkündet die Majestät des herannahenden Tages. Schon ist er da, der große, gute Tag, der Sabbath! Ein Tag der Freiheit, ein Tag der Freude! Kein Cheder! kein Brot mit Nichts! . . . Brot mit Hering, Brot mit Fett, ja sogar Brot mit Hafersuppe — gibt's heute ... — — Aber siehe! — Wie schrecklich, grausam! Wie plötzlich die Mansarde so dunkel, düster . . . Hier auf dem kalten Boden, da liegt er, regungslos, seine sanften Lichter, seine treuen Augen sind erloschen, geschlossen! Und an seinem knochigen Haupte zittert es, ja, es zittert das Lichtlein, das kleine Lichtlein ... Er ist tot, sein immer traurig gewesener, stiller Vater, der so wenig sprach — und noch weniger, ja nie lachte ... Sieh!. -. jetzt — er lächelt, ja er lächelt! ein friedliches Lächeln umspielt leise seine bleichen Lippen. Er sieht es, er, der kleine Awrom . . . Aber warum war er immer traurig? warum lachte er nie, sein so guter Vater, der ihn nie schlug? — Warum? Mutter, warum? — „Später, später, o Kind, wirst schon wissen." —-- Eine große Träne glitzert jetzt im klaren Auge des großen Awroms. Es ist schon „später" — und er weiß, er weiß warum . . - und er fragt nicht mehr. — Aber der kleine arme Moschele, sein liebes, einziges Moschele, er, er fragt jetzt: „Papa, was tut dir weh? Papa, was tut dir weh?!" —----Etwas Unsichtbares, nagt jetzt an der Brust Awroms. Es nagt und .zerrt und preßt sein Herz. Ein schmerzhafter Druck — und die große Träne — rollt hastig über die entfärbten Wangen ... Nun, ein wenig leichter. — — Und die Lippen bewegen sich: „Und wieder ein Lichtlein-" ... — Es ist dies das letzte Lichtlein in jener Mansarde . . . Aber was für ein Lichtlein ist es eigentlich? — Ja, . richtig . . . Ein Jahrzeitslichtlein . . . Hier — steht es, so traurig. Es knistert und betet für die Seele seines Vaters . . . Der schwache Schein beleuchtet matt die zahlreichen Falten jenes zarten Frauenantlitzes .... Horch, dumpfe, halberstickte Worte. Eben spricht sie, die geliebte Mutter: „Kind, liebes Kind! .... Wir müssen . . . müssen . . . müssen uns trennen .... uns trennen. Dein Onkel will . . . will dich in der Jeschiwoh unter . . . unterbringen ..." — Und sie verstummt, sie schweigt . . . Sie spricht nichts mehr. Sie kann nichts mehr sprechen. Und sie schluchzt und atmet so schwer, — so schwer! ... Ihr Busen hebt und senkt sich so stürmisch, so stürmisch . . . Bald flutet es auch über die zarten Wänglein des kleinen Awrom ... — — — Vor den Augen des großen Awrom dunkelt es . . . Er sieht nichts mehr. Eine neue Träneuwelle verdüstert seine Augen. Bald entschlüpfen sie sachte, eine nach der andern, die großen, heißen Tränen. Wieder sind die Augen befreit . . . Und nun siehe, da ist sie — die fremde Stadt ... die fremden, eigentümlichen Häuser, und die fremden Gesichter. Hier der große, weite Jeschiwoh-Raum, das Beth-Hamidrasch, der schlanke langbärtige „Rosch-Jeschiwoh",2) der absolute Herrscher dieses Reiches, und endlich der gefürchtete, mürrische „Maschgiach"3) mit dem blutroten Bart. Und plötzlich! .... Gespensterhaftes Dunkel wallt im „Beth-Hamidrasch", Mitternacht. Das Beth-Hamidrasch ist leer .... Beim trüben Scheine des flimmernden „Neil - Tomid'- tastet jemand und sucht . . . Einen Kerzenstumpf findet der Suchende. Im Beth-Hamidrosch wird es jetzt ein wenig hell. An einer Wand malt der Schatten die Gestalt eines Menschen. Und der gemalte Mensch bewegt und schüttelt sich ... Auf dem Almemor knistert verdrießlich ein Lichtlein ... Daneben steht das Original jenes gemalten Menschen, ein Jeschiwoh-Bochur, über einen Folianten gebeugt. Und Töne, süße Töne fallen in das Beth-Hamidrosch ... Und es lauschen die alten Wände . . . und es lauscht der stille, andächtige „Neir-Tomid": „HoTschoh scheholchoh . . . HoTschoh scheholchoh. . . . Eine Frau, die gegangen ist" . . . — Stocken ... Dämmerung am Horizont des Jeschiwoh-Bochurs: Allmählich wird eine Erinnerung in ihm lebendig . . . Eine Frau . . . eine Mutter-. . . seine Mutter, Awroms Mutter . . . Mutter, o liebe Mutter! . . . Liebe, gute Mutter wo bist du?! wo bist du?! ... — „Aber, „HoTschoh scheholchoh hi ubbalohü" ärgert sich der arme Jeschiwoh- Bochur über die bösen Gedanken ... — HoTschoh schelholchoh hi ubbaloh, eine Frau, die gegangen ist, sie und ihr Mann ... — Sie und ihr Mann?! Ist sie gestorben, die Frau, seine Mutter? ... Ist sie gestorben wie ihr Mann, wie sein, Awroms, Vater? . . . Nein! es geht nicht mehr ... Er muß hinaus, in die Welt ... Arbeiten. Verdienen. Und ernähren die Mutter, die arme Mutter. Und sie wird leben, noch lange, lange leben ... Eine dumpfe, heisere Stimme brummt eben: Bom, bom . . . m . . . Die zweite Stunde nach Mitternacht! verkündet die alte Wanduhr. Mit einem Schlage rafft sich der Jeschiwoh-Bochur auf. — Aj! ajü HoTschoh scheholchoh hi ubbaloh limchuath haj-om!!! . . . *) Leiter, Oberhaupt der „Jeschiwoh", des Instituts. *) Aufseher.