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Die Welt · 1908-12-24 · 52 (24.12.1908) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
12 (1908)
Issue
52 (24.12.1908)
Date
1908-12-24
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Christentum anerkannt hat: Was dir nicht lieb ist usw., ist es unsere Pflicht. Jeder Stammeseinheit, jeder nationalen Kollektivität, jeder Gruppe, jeder menschlichen Kategorie, der ihre Oberlieferungen, Erinnerungen, Stimmungen, Selbstbewußtsein und Selbsterhaltungsinteressen teuer sind, mit Wohlwollen und Achtung gegenüberzustehen. Ein anderes Verhalten ist nicht hur unmoralisch, es ist auch falsch und verlogen. Unter der Maske eines zukünftigen Kosmopolitismus ist diese Intoleranz nicht nur national, — das wäre im Grunde nichtsSchlimmes, — sondern national-aggressiv, nationalchauvinistisch, indem sie sich des Eignen nicht entäußert, sondern das nationale Mein und Dein nach den Rechten Sodoms auslegt: Mein ist mein und dein ist auch mein, — und das im Namen des zukünftigen Ideals. Uns Zionisten nennt der seichte Mißverstand derjenigen, die mit Worten spielen: Nationalisten! Es ist, als ob man Antiochus Epiphanes mit den Makkabäern verwechseln würde. Die Makkabäer haben die Theorie der Propheten in die Praxis umgesetzt. Der Optimismus unserer Propheten hatte nicht nur* die Rechte der Völker mit dem zukünftigen Verbrüderungsideal in Einklang gebracht; er hat auch das Ideal mit der Wirklichkeit, mit den Verhältnissen und der Lage der Zeitgenossen auszugleichen gesucht. Indem die Propheten die Hoffnung pflegten und kündeten, daß die Menschheit, nach ihren höchsten Gütern strebend, ihr Ziel erreichen wird, haben sie keine einzige Wunde verschleiert, kein einziges Leid verhehlt, keinen Schmerz und keine Plage verschleiert. Sie waren Optimisten für die ferne Zukunft, sie waren von dem Glauben durchdrungen, daß die Menschheit bessern Zeiten entgegengehe, aber auf dem Gebiete der Gegenwartsfragen und der allernächsten Ziele waren sie Künder der unverblümten Wahrheit strenge Strafredner, deren mächtige Warnrufe die Gemüter erschütterten, Dolmetscher aller Klagen, Sammler und Bewahrer der Tränen und der Blutstropfen des gekränkten Elends, Wecker der Buße, der Besserung, der Einsicht, der Rettung und der Heilung. Erbarmungslos rissen sie die zierlichen Masken von den häßlichen Gesichtern, die aufgeputzten Pflaster von den klaffenden, aber lief verborgenen Wunden; - sie förderten jegliche Verzweiflung und jegliches Leid ans Tageslicht. Und da sie nicht in den Gemächern der Hochvermögenden weilten, sondern jede Not, jeden Kummer und jede Pein begleiteten, so kannten sie das ganze Erddrangsa! und alle Bitternisse des Daseins: „Ich bin der Mann, der das Elend gesehen unter seines Grimmes Rute.'* Ganz anders war der Optimismus der Baalspropheten geartet. Da wir uns am Ende der Zeiten vereinigen sollen, so beugen wir uns schon jetzt vor Baal oder vor dem goldnen Kalbe! Da sich alles vereinigen soll, seien wir die ersten, die Scheidemauer zu stürzen und alles Trennende aufzuheben! Wozu sollen wir eine besondere Individualität bilden? Widerspricht ja dies der zukünftigen .Verbrüderung! So lauteten die Rufe der Baalspriester seit'jeher. In der Tat wollten sie "aber nicht jede Individualität aufheben, sondern einzig und allein die jüdische war ihnen unbequem geworden. Sie. wollten sie auch gar nicht in das Allgemeine, sondern in eine andere, mächtigere Individualität aufgehen lassen. Die .Richtschnur der Baalspropheten war — die Behaglichkeit. Auch sie waren Optimisten, aber nicht Optimisten des zukünftigen Ideals, sondern des ge-- gebenen Augenblicks. Mit ewig lächelndem Münde wiederholten sie: „Friede,^ „Friede"; sie tadelten diejenigen, die das Volk ängstigten. Auf ihre heitere Stirn fielen keine trüben Schatten des schmerzerfüllten Volkes, und ihre verweichlichten Hände hielten die Kelche des Genusses fern von den Wohnsitzen der Trübsal. Wir leben wohl in andern Zeiten und unter andern Verhältnissen. Aber das Ewig-Menschliche ändert nur die Form; der Inhalt bleibt derselbe. Der Gegensatz zwischen der Prophetenlehre und der Baalsdoktrin tritt in dem Gegensatz zwischen Zionismus und Assimilation zutage, — ganz wie zu den' Zeiten der Makkabäer, zwischen Makkabäern und Hellenisten. Wir wollen die Harmonie des Friedens, das ZusammenhangsgefüW mit der Zeit, in der wir leben, wahren; auch für uns sind die allgemeinen Ziele des Glückes und der Vollkommenheit das Endideal, wie sie das Endideal aller aufgeklärten Völker sind. Auch uns ist die Selbstüberhebung und der Rassenübermut zuwider: wir jagen keinem Phantom einer speziellen Mission nach, wir wollen nicht besser, aber auch nicht schlimmer sein als die andern. Der Grundsatz unserer Bestrebungen bleibt die Wirklichkeit: wiF existieren, wir wollen existieren* und deshalb müssen wir uns drum bemühen, daß unsere Existenz auf realen Grundlagen, auf Selbstachtung, auf Überzeugung und auf Absonderung sich aufbaue. Für uns ist die Absonderung kein Schreckgespenst, sondern etwas Menschliches, Natürliches und für höhere Zw-ecke notwendiges. Und wollen wir'für unser Volk etwas tun, so genügt es nicht, ihm von den Höhen unserer Stellung etwas herunterzuwerfen; wir müsseh mit dem Volke, mit seiner Mehrheit, mit seinen Massen zusammentreten,, wir müssen mit ihm verwachsen sein, wir müssen seine Geschicke teilen, seine. Wesen zu verstehen suchen, seine Stimmung nachempfinden; wir müssen das Volk in uns Ins Leben rufen, d. h."seine Vergangenheit verlebendigen und seine Gegenwart mit . erleben. Das ist die prophetische Richtung unserer Zeit. Die Anlage von Pflanzungen in Palästina Von Dr. Arthur Ruppin, Jaffa Daß in Palästina der Weinstock und viele Arten von Fru'chtbäumen seit altersher heimisch sind, beweisen nicht nur die Berichte der Bibel, sondern auch die im ganzen Lande verbreiteten Sparen früherer Terrassenanlagen, die der Reben- und Baumkultur gedient haben. Das Klima und der Boden Palästinas sind für diese Kulturen in hohem Maße geeignet. Es scheint auch, daß die Kultur dieser Pflanzungen den spezifischen Anlagen und Fähigkeiten der Juden mehr entgegenkommt als der Getreidebau, da sie abwechslungsreicher ist und an die Intelligenz der Pflanzer ziemlich hohe Anforderungen stellt. Man wird, es kaum als Zufall ansehen können, daß die Pflanzungen der jüdischen Kolonien in Palästina einstimmig als hoch entwickelt bezeichnet werden, während über den Zustand des Getreidebaues in denjüdischen Kolonien "vielfach absprechende Urteile gehört werden. Die Anlage von Pflanzungen bietet das beste Mittel, um den Juden, die nach Palästina einwandern und sich der Landwirtschaft widmen wollen, bisher aber nicht in der Landwirtschaft tätig gewesen sind, die Anpassung an das Leben in Palästina zu" erleichtern. Während der einwandenmgslustige Jude den Getreidebau in Palästina

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