Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 12 (1908)
- Issue
- 50-51 (18.12.1908)
- Date
- 1908-12-18
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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Und das Resultat, das von dem von .der hellenischen Nation erträumten, kläglich abweicht, ist, daß etwa 22—24 Deputierte ihre Massen vertreten werden, die es sich nun gefallen lassen müssen, auf nur zwei bis drei Millionen Seelen geschätzt zu werden. In Konstantinopel hat der griechisch-türkische Wahlkampf wohl die schärfsten Formen angenommen und teilweise zu bedenklicher Erregung der Massen geführt. Die Riesenprotestdemonstration der Griechen am zweiten Tage der Wahlen ersten Grades erweckte Befürchtungen auf große Unruhen; zwar blieben diese aus, aber auch der Erfolg der Veranstaltung. In letzter Zeit hat nun ein Wahlbündnis zwischen den Griechen und der türkischen Fortschrittspartei Prinz Sabaheddins stattgefunden, dessen gemeinsamer Kernpunkt der Dezentralisationsgedanke ist. Leider ist durch diesen Bund der Gedanke der Dezentralisation, der so ungemein fruchtbar, für die Türkei sicherlich die einzige Bürgschaft einer ruhigen Enfcwicklung des Ganzen, und für uns Juden einer der Pfeiler unserer Zukunftshoffnung ist, unter dem türkischen Element noch mehr ins Sinken geraten als zuvor. Man vergißt es den Griechen nicht, daß sie hie und da versucht haben. Untertanen ihres griechischen Mutterstaates zur Verstärkung ihrer Position mitstimmen zu lassen; man traut ihrer Treue und Anhänglichkeit an den türkischen Staat, zumal seit dem kretischen Abfallversuche, durchaus nicht. Und so ist Prinz Sabaheddin, der ihnen die Hand gereicht hat, in ihren Mißkredit mithineingezogen worden. Der jungtürkischen Kanditatenliste, auf der nur zwei Griechen figurieren, hat das dezentralistische .Griechen- und Türkenkartell eine eigene mit drei griechischen Namen gegenübergestellt. Erfolgt nicht in letzter Stunde eine Einigung zwischen beiden Listen, so werden voraussichtlich die Griechen Konstantinopels gänzlich ohne Vertreter bleiben.*) Für uns Juden ist der Ausgang des Kampfes durchaus nicht ohne Wichtigkeit. Der-dezentralistische Gedanke, der den Türken da für das Staatsganze gefährlich erscheinen mag, wo er von einem Volkselement getragen wird, daß sein Mutterland außerhalb der osmanischen Reichsgrenzen hat, muß alle Gefahr in ihren Augen verlieren, wo wir Juden ihn vertreten, denen absolut nicht zuzumuten ist, daß sie nach einem andern Staatswesen neben dem ottomanischen schielen oder umfallen könnten. Wir haben kein selbständiges Griechenland, zu dessen Vergrößerung auf Kosten der Türkei zu arbeiten man uns verdächtigen könnte. Darum behält die Dezentralisationsidee ihren Wert für uns und ist ihre Mißkreditierung im Interesse unserer gutottomanischen und zugleich gutjüdischen Eigenentwicklung lebhaft zu beklagen. Ein schwerer Winter Man erinnert sich in Konstantinopel nur weniger Winter, die an Bitterkeit dem gegenwärtigen gleichgekommen wären. Zum zweiten Male fiel Dauerschnee. Die Hügel mit den tausenden Häuserdächern, Moscheenkuppeln und Pinienwipfeln rings um das goldene Horn liefern ein eigenartig schimmerndes Bild. Und die breittronende Kuppe des Tschandidscha jenseits des Bosporus über den Gräberfeldern von Skutari gleicht viel mehr einem subalpinen Hügelrücken, als einer heitern Anhöhe voll südlicher Weichheit. Aber all diese Schönheit schaut nur von außen herein; herein in das Konstantinopeler Riesenlager von Elend und Armut. Besonders in Balat und Haskiöi, in den engen Gassen der Judenstädte, haust nun der Jammer. Die Häuser sind zumeist aus Holz gebaut, Türen und Fenster klaffen, oft finger- und handbreite Risse in den Wänden selbst. Öfen sind nur in wenigen „reichen" Häusern vorhanden. Und die existierenden Zwergexemplare fragwürdiger levantinischer Art geben gerade solange einen wärmenden Hauch ab, als sie mit Holz und Kohlen gefüttert werden. Die Kohlenpreise aber sind auf das Fünffache gestiegen. Die Öfenlosen müssen sich mit einem Kohlenbecken begnügen, um das Kind und Kegel kauern, wie die Zigeuner. Es gibt aber auch deren, die gar keinen Funken im Hause haben, Kinder des Orients, die der ungewohnte Frost um so jämmerlicher schüttelt. Ein gesalzener Fisch oder eine handvoll Oliven oder ein hartes Käsestück bringt das Blut nicht in Wallung. Die Kleidung ist dürftig, ganz besonders das Schuhwerk läßt zu wünschen übrig. Man begegnet auf den Straßen Schuldienern, die einen Haufen aneinandergeketteter zitternder Kinder die steile eisglatte Stufengasse heraufziehen. In den Klassen, die auch nur Kohlenbecken haben, winseln Kinder, die ihre in feuchten Strümpfen erstarrten Füsse warm zu reiben versuchen. So manches Kind hat in Filzschuhen den Weg durch den Schneeschmutz durchmessen--. Es ist ein Jammer. Und ein Wunder, wie dieses Volk seine Armut so geduldig trägt Die Gemeinde tut, was sie kann, fast *) Soeben wird bekannt, daß die Griechen in weiser Einsicht noch unmittelbar vor Toresschluß die Kandidaten des Jungtürfeenkomitees akzeptiert und somit ihre Wahl sichergestellt hahen. mehr als das. Daß ihre Organisation so schlecht-ist, liegt im Rückstand der gesamten türkischen Zivilisationsverhältnisse.. Die Privatwohltätigkeit schläft nicht Steigt man in Balat oder in Haskiöi vom Dampfer, klappern einem die Silberbüchsen entgegen, die für die Hospitäler und Armen, die Metalliks und die Priester sammeln. Das Or-Hachajim-Hospital besteht heuer 70 Jahre, und zur Feier des Jubiläums hat soeben ein Wohlhabender 2000 Franken gespendet Das ist hier eine Tat, wo das <5eld so rar ist'. Und von der aschkenasischen Gemeinde, in der unsere Gesirnfungsgenossen führende Rollen spielen, melden Soeben die Blätter Verteilungen von Kleidern, Kohlen und. Geld. Das „jüdische Herz" ist wach. Auch die Intelligenz muß es werden. Sie wird es werden. Die Türen zur Freiheit auch zur! ökonomischen Befreiung stehen weit offen. Die große soziale Arbeit für die türkischen Juden muß beginnen. Indessen ist schwerer Winter--. Lichtblicke In dem trüben Bild, das im allgemeinen die türkische Judenheit bietet sind einige zukunftverheißende Farbentöne. Das türkische Element in seiner Masse steht ja auf dem gleichen Niveau, und doch vermochte es seine Freiheit zu schaffen. Es sind auch Anzeichen da, daß die Juden erwachen werden. Die jüdische Presse, die bisher schal und ärmlich war, und nur mit Lokalklatsch und Personenintriguen ihre Leser fesseln konnte, beginnt an den großen jüdischen Fragen Interesse und Anteil zu nehmen. Im „Tiempo" ist jüngst sogar Bialik im Urtext erschienen. Das große Wort Zionismus taucht bereits auf, wenn auch zumeist noch schäm& mit deckenden Beiwörtern umkleidet. Nach dem Saloniker „Avenir" beginnt auch die „Epoca" sich zu unserer Sache zu bekennen. Der Herausgeber hat das jüngst in einer Art Leitinanifest mit einer Offenheit und einem Edelsinn getan, die Anerkennung verdienen. Die türkische Saloniker. „Jeni Asr' publizierte aus der Feder des Advokaten Cohen einen Artikel für die Erschließung Palästinas durch Juden, der in der Tageszeitung „Journal de Salonique" und im Konstantinopler „Tiempo" in wortgetreuer Ubersetzung wiedergegeben wurde. Die Proteste Unwissender oder Böswilliger, die früher noch hie und da ihre Liebhaber fanden, verstummen. Man beginnt, den Zionismus in weiteren Kreisen zu verstehen und hört auf, an seine „Gefährlichkeit" zu glauben. Man hat endlich begriffen, daß er dem türkischen Staatswesen nicht Eintrag tun, sondern, es mit Hingabe fördern will, — zu unserem eigenen Besten. Es scheint fast als sickere diese einfache Einsicht langsam wirklich auch in die bedeutungsvollen Schichten der hiesigen Juden durch, bis in die Nähe unserer. zukünftigen Deputierten. Hoffen wir, daß sie sich ihrer zur rechten - Zeit bedienen werden. Ein großes Plus für uns hierzulande ist die aUentnalben herrschende Vorliebe für unser Hebräisch. Das alte, verderbliche Allianceprogramm (das ja demnächst geändert , werden solL wenn die Pariser Kommission an Ort und Stelle erscheint) hat doch--nicht alles verderben können. Das Spaniolische mit seiner hebräischen Schrift hat wenigstens die äußeren Zeichen konserviert, aber auch das gesprochene Wort wird weithin, wenn auch mäßig, verstanden. Wo Bestrebungen zur Pflege, des Hebräischen auftreten, drängt sich die Jugend zu. So hat sich in, Salonik. ein Verein für. unsere. Nationalsprache gebildet, und auch hier in Konstantinopel findet ein Kursus statt, der eifrige Hörer,findet Neuerdings hat sich in Balat aus eigenster Initiative der Beteiligten heraus, eine .Gruppe spaniolischer Jünglinge gebildet die mit Energie daran geht sich einen. Turnverein mit Lese- und Sprachklub für Hebräisch zu schaffen. Der alte in Galata-Pera bestehende Turnverein..hat seinen assimilatorisch klingenden Namen in einen echtjüdischen, „Makkabi" (mit hebräischer Bezeichnung vor der in deutscher Sprache) umgewandelt Die „Achwa", die nationale; Liga ottomanischer Juden, tritt demnächst mit einem Makkabäerfest in die ÖffentEchkeit dem unsere Gesinnungsgenossen seinen Charakter geben werden. Wie sich sonst die „Achwa" entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Es sind jedenfalls Lichtblicke da. . " r'^" Palästina (Von unserm Berichterstatter) . : ' Jaffa: Der Nationalfonds, hat jetzt das -Land an der. Bahn Jaffa-Jerusalem, das zur Anpflanzung des: Herzlwaldes bestimmt ist und bisher der A.P.C. gehörte, definitiv vonder A.P.C. gekauft und übernommen; Mit der Anpflanzung des- Wäldes wird -voraussichtlich in Jahresfrist -begonnen werden/ sobald -das Pflanzmaterial der Baumschule in Lydda genügend entwickelt sero wird; Soweit das Land für die Anpflanzung: des Herzlwaldes nicht gebraucht wird.